So lasst uns denn … was pflanzen

Nach dem Prinzip Zuversicht, dass sich die politische Lage – wie auch immer, doch jedenfalls – gut oder gut genug gestalten wird, hatten wir uns um ein Allotment (Schrebergarten) beworben. Wir haben keinen Garten, sind jedoch für gutes Gemüse zu haben und in den Fingern juckt es, wir wollen in der Erde graben.
Ein Allotment übernimmt man nicht, wenn man eine Parzelle nicht mindestens, also absolutes Minimum, zwei Jahre beackern möchte. Besser fünf. Und schon gar nicht dieses Areal:

Blick von unten

Blick von oben

Denn, AUTSCH, nach 3 Monaten Wartezeit wurde uns das obige Grundstück angeboten, vielleicht 5 x 15 Meter, Südhang (in Plymouth ist alles irgendwie „Hang“), Randstück mit netter Steinmauer am unteren Ende. Das nächste Haus steht dann nordwestlich, nimmt kein Licht weg. Das Gelände ist in 15 Minuten zu Fuß zu erreichen, auch das ein Pluspunkt.

Wie man jedoch sieht, ist hier einiges zu tun, bevor man ein paar Böhnchen oder Zwiebeln ernten kann. Gegen das Gras und die Brombeerranken hätten zarte Gemüsepflänzchen keine Chance, hier muss die Forke ran und zwar gründlich.
Der Jahresvertrag läuft erst ab Januar, wir haben folglich 13 Monate und können jetzt für das Frühjahr vorbereiten. Ein idealer Zeitpunkt für ein Allotment im hiesigen milden Klima.

Die ganze Anlage umfasst vielleicht 80 Parzellen, erste freundliche Kontakte mit Mitschrebernden gab es bereits. Wir werden allgemein als mutig angesehen, uns dieses Grundstücks anzunehmen …

Die Südmauer

Müll sammeln gehört bei einem alten Garten zum Grundsätzlichen (und ist nicht so anstrengend wie das Ausgraben von massiven Brombeerstöcken). Ein Vorteil: das Schatzgräbergefühl. Einen Löffel habe ich schon gefunden.

Kommen wir zu den Nachteilen: Die alten Allotments waren RIESIG, mehr was für Selbstversorgende. Deshalb werden sie für Neuschrebernde in zwei Teile geteilt. Unser Stück hat NICHT den baufälligen Schuppen. Ein baufälliger Schuppen wäre besser als gar keiner, kann man reparieren, denn irgendwie will man sein Werkzeug auch wegpacken oder die Handschuhe trocknen lassen. Unsere Hälfte war die Obstwiese??? oder Ähnliches. Davon sind nur Brombeeren und alte Äste übrig geblieben. Die Stadt hat die Brombeeren und alles dazwischen abgeschnitten, das war es aber auch schon.
Diese ganze Ecke der Anlage besteht, wir mir gesagt wurde, aus Parzellen von langjährigen Schrebernden. Drei dieser Leute sind offenbar in die Jahre gekommen, ihre Grundstücke sind verwildert. Unser Stück befindet sich zwischen den beiden anderen zugewachsenen. Die Stadt will die Nachbarn auffordern, ihre Plätze in Ordnung zu bringen, ihre Bäume / Büsche schaffen jedoch Windschutz und hoffentlich viel natürliches Leben, das stört nicht weiter und man hat seine Ruhe.

Unsere Lösung für dieses Stückchen Erde: Muskeleinsatz und ABDECKEN, hier muss man reinen Tisch machen und von vorne beginnen.

Beim Ab“schneiden“ der Planenstücke kam ein Brenner zum Einsatz, mehr ein Flammenwerfer;-) wir haben es aber hingekriegt.

Der alte Kompost war überwachsen und der Rahmen bricht zusammen, er enthält aber viel nützliche Erde. Hier sieht man: Der erste Meter ist in der Breite umgegraben und mit Kompost aufgefrischt.

Die seit einem halben Jahr in Blumentöpfen dahinvegetierenden Beerenbüsche haben eine neue Heimat gefunden. Man sieht die kahlen Zweige im Mittelgrund, umgeben von Häckselschnitt, den die Stadt zentral in der Anlage anliefert. Die GartlerInnen können ihre Pfade und den Boden rund um Beerenbüsche abdecken, die Stadt bekommt ihren Schnittabfall entsorgt: da gewinnen alle.

Wir sind zuversichtlich: Nächstes Jahr wachsen hier Gemüse und Blumen und es wird ein kleines Kunststoffgewächshaus zum Vorziehen kleiner Keimlinge – und für die trockenen Handschuhe – geben. Man könnte auch noch ein paar Tulpen und Narzissen einsetzen …

Fast aktuelles Bild:

Drei Meter sind vorbereitet, zwei davon abgedeckt. Der Frühling kann kommen.

Morgen

Na, ja, nicht ganz, aber bald, im Dezember, wird es Wahlen geben. Da wir nicht mitwählen dürfen (Pass hat die falsche Farbe), habe ich wenigstens einen anderen Verwaltungsakt ausprobiert: die Registrierung als EU-Bürgerin. Das ist aufwendiger, als es klingen mag: es ist im Prinzip eine Bewerbung um die Anerkennung, dass man hier seit über 5 Jahren lebt. Dies muss man nachweisen und zwar bis zum 30. Juni 2021. Auf der Regierungsseite findet sich die Zusatzbemerkung, falls es zu einem Austritt ohne Deal kommen sollte, muss man es bis zum 31. Dezember 2020 erledigt haben. Noch viel Zeit, doch aufgeschoben wird’s auch nicht besser.

Interessant ist die technische Ausstattung, es geht über eine App, mit der frau und ihr Pass über die Zahlungsschnittstelle identifiziert werden. Das eigene Handy tastet das Gesicht ab. Sehr Science Fiction. Nach dem Hochladen einiger Adressbelege aus den letzten Jahren warte ich nun auf das Ergebnis / weitere Fragen, das / die angeblich von einem Menschen, nicht von einer Maschine, auf mich zukommen werden.

Raus an die Luft

mag dann die Devise heißen, ein Gang über Dartmoor bläst das Gehirn wieder frei:

Leat (Wasser sammelnder Kanal), der in ein Reservoir führt. Starke Strömung, ich konnte dennoch etwas Stationäres, Glänzendes schimmern sehen und habe bäuchlings liegend ein niederländisches 5-Cent Stück aus dem Wasser gefischt.

mittelalterliches Wegekreuz

So Landschaft halt. Schön.

Und noch ’ne Runde Sache

Das Murmelhaus (House of Marbles). Unterwegs gesehen, sofort gesagt: da müssen wir rein, sieht interessant aus. An diesem Ort wurde seit Jahrhunderten so manches produziert: Keramiken, wozu es ein echt nettes Museum gibt. Vielleicht auch Glasmurmeln. Heute stellen sie Spiele her und eine echte Glasbläserei gibt es noch. Allerdings mehr für Gefäße, Figuren, Briefbeschwerer.

Steht noch: von außen befeuerter Töpferbrennofen.

Ein Murmelwerk von einem Schweizer Künstler. Zuschauen hat hypnotischen Wert!

Murmelparadies!!!!

Gar nicht so alte (1982) Murmelmaschine (Murmelator? Murmelschöpfer? Klickerautomat? Murmelformer?) aus Amerika. Auf youtube kann man sich ansehen, wie sie funktioniert. Denn falls sie mal bei der Sendung mit der Maus gewesen sein sollte, hätte ich diese Folge verpasst: bereits rundliche Glastropfen werden oben an der Schräge aufgegeben, die Maschine transportiert sie langsam nach unten (immer in der Mitte zwischen den rotierenden Walzen), damit sie nicht miteinander verkleben und langsam abkühlen können.

All diese Dinge kann man für umsonst ansehen. Allerdings führen die Wege durch Spiele und Murmeln hindurch: Ein paar Murmeln sind eine schöne Art, Eintritt zu bezahlen;-)

Gestern, heute

Während das politische Schauspiel in Westminster weiterhin erstaunliche Volten schlägt, schauen wir nach, was Leute früher so gemacht haben. Im Wortsinn: gemacht, produziert, gebaut, geprägt.

Der staatlich unterstützte Seeräuber

Zuerst ein Blick in die fernere Vergangenheit: das Haus von Francis Drake. Drakes Persönlichkeit wurde von der enormen Persönlichkeit Elisabeths der Ersten nicht in den Schatten gestellt. Wenn man seine Geschichte liest, gewinnt man den Eindruck, der Haudegen wurde ab dem 16. Jahrhundert nur deshalb erfunden, damit man später fesche Piratenfilme drehen konnte. An die Männer in den kurzen Pluderhosen kann ich mich allerdings nicht gewöhnen. Drake hat die Welt umrundet, die Armada besiegt, Plymouth mit einem Frischwassersystem versorgt …
Er war „a local boy“, ein heimisches Gewächs, aus dem Plymouther Hinterland, allerdings aus einfachen Verhältnissen. Sobald er zu Ruhm, Ehre und viel Geld aufgrund einer Kaperfahrt gelangt war, kaufte er das seinem bescheidenen Elternhaus nächst gelegene Herrenhaus, Buckland Abbey = Abtei.

Die Abtei war erst Jahrzehnte vorher von Heinrich VIII enteignet und zum Wohnhaus umgebaut worden. Sie liegt in einer kühlen, friedlichen, grünen Geländefalte versteckt wie viele Klosterruinen, die man besuchen kann. Es sind häufig Orte mit Atmosphäre. Buckland Abbey ist eine der wenigen, die weiterhin genutzt wurden, die meisten Anlagen wurden als Steinbrüche benutzt.

Der Umbau hat einiges der Substanz der Kirche erhalten, auch wenn es von außen nicht sehr ersichtlich ist.

Die meisten Fotos sind nix geworden, deshalb nur diese zwei:

der erfolgreiche kaufmann

Gehen wir noch ein paar Jahrhunderte zurück, ins Mittelalter. Oder doch nicht?

Dies ist Castle Drogo. Es sieht aus wie eine Mischung aus Bauhaus und 11. Jahrhundert und wurde tatsächlich um 1930 fertig-gestellt. Das neueste und bislang letzte Schloss Großbritanniens. Die Stoßrichtung war klar: eine Burg würdig des Bauherren Vorfahren, einem gewissen Drogo, der mit Willi, dem Eroberer, von Frankreich herüberkam.

Der kleine Schönheitsfehler an der Geschichte ist, der Ahnenforscher hat Murks gebaut: es gibt keinerlei Verwandtschaft mit diesem Drogo oder anderen normannischen Eroberern. Ich weiß nicht, ob der Bauherr davon zu Lebzeiten Kenntnis erhielt. Ich hoffe nicht.

Die Burg jedenfalls ist eine Schau. Sie wurde vom, wie man hört, berühmten Architekten Landseer Lutyens geplant und aus Granitmauern und Betondecken errichtet. Jedes Detail wurde durchdacht. Die Burg gibt vor, aus verschiedenen Epochen zu stammen = jede Generation habe daran weitergebaut. Es finden sich ein normannischer Turm, ein elisabethanischer und ein Anbau mit Dachterrasse im Stil des frühen 19. Jahrhundert. Die handwerkliche Qualität ist vom Feinsten. Bei dem Ganzen wurde auf Proportionen geachtet und es wurde tatsächlich als „Einfamilienhaus“ genutzt, diente nicht nur repräsentativen Zwecken.

Dumm altvordern ist die Anlage jedoch nicht, von Anfang an gab es eine auf Kohle basierende Zentralheizung (heute ein Blockheizkraftwerk) und Elektrizität. Die massiven Steinquader wurden vor dem Einbau mit den nötigen Bohrungen versehen.

Lichtschalter in den Stein eingepasst.

Hier wurde kein Stein auf den anderen gesetzt: der facettenreiche Stein in der Mitte des Bildes ist maßgeschneidert. Wenn man die gelblichen Fugen verfolgt, sieht man, hier ist nichts geschichtet, alles aus einem Granitblock gehauen.

Die „Mitte“ des Schlosses mit handgearbeiteten Dielen. Von hier aus wurde die Anlage vermessen.

Es stehen einige Prunkstücke herum.

Schöne Aussichten.

Hauskapelle mit Klostergärtchen.

Schuhabstreiferigel;-).

 

 

 

Ins Zentrum der Macht

Geographie und deren Wahrnehmung sind oft zwei verschiedene Dinge. Wie würden wir z.B. die Umrisse des UK zeichnen? Sind wir uns der gestauchten Form der Insel bewusst? Bezüglich eines Londonbesuches zeigt die Logistik auf, es ist besser im Nordwesten zu leben als im Südwesten. Chester – London, ab 2 Stunden mit dem Zug, Plymouth – London fast 4 Stunden.

Aus Budgetgründen nahm ich am zweiten Oktober den Bus, der braucht fast 6 Stunden. Für den unschlagbaren Preis von 15 GBP hin und zurück nehme ich nicht nur die längere Fahrzeit in Kauf, sondern auch die Tatsache, dass mir beim Lesen im Bus schlecht wird. Filme auf dem Handy schauen scheint besser zu gehen, doch ich habe kein passendes USB-Ladekabel für die viele Zeit dabei = das Reisezubehör der geübten Busreisenden muss ich mir noch zulegen. Die moderne Reisende hat immerhin ein Nackenhörnchen, dann wird eben gedöst.

Große Kunst

Warum 11-12 Stunden Autobahn für 5 Stunden Großstadt? Wegen Helene Schjerfbeck (Scherbeck ausgesprochen). Die außerordentlich begabte finnische Malerin wurde von Kind an ausgebildet und ging zeitlebens Experimente ein bezüglich Stil, Farbauftrag, Komposition, Struktur. Sie wurde vom Impressionismus, dem Expressionismus, der Moderne inspiriert, die zu ihren Lebzeiten stattfanden. Auch die Vergangenheit wurde mit einbezogen. Im Auftrag der finnischen Nation kopierte sie europaweit alte Meister, da Finnland keine eigenen Bilderbeispiele im Land hatte, diese der Bevölkerung jedoch zugänglich machen wollte.

Dieses Marienbild ist ein Beispiel dafür, wie sie sich von El Greco beeinflussen ließ.

 

Ausstellung im Burlington Haus, in der Royal Academy.

Selbstporträt vor schwarzem Grund ist ihr bekanntestes Bild und der Grund, warum ich hier bin. Einmal in einem Buch gesehen und nie vergessen.

Helene Schjerfbeck starb 1946. Selbstbildnisse sind ein wiederkehrendes Motiv, sie schreckte nicht davor zurück, sich bis ins hohe Alter zu malen. Fast wie eine Totenmaske die letzten Bilder.

Eines der mutigen Altersbilder.

Porträt einer anderen Frau.

Ein Still-Leben.

Wäsche liegt zum Trocknen aus.

Dies sind nur Beispiele für das reiche Schaffenswerk.
Während ich die Ausstellung besuchte, kamen SchülerInnen herein, die in selbst gefertigten Heften von Bildern ihrer Wahl Skizzen machten. Diese Heftchen werden „zines“ genannt, das sind Kunst-Büchelchen mit einer Auflage von oft 1, wenn man sie nicht nachkopiert. Die zines sind kunstvoll gestaltet bzw. werden mit Kunst gefüllt. Schön war, etliche der Jugendlichen konzentriert auf dem Boden hockend bei der Arbeit zu sehen. Überhaupt sollte man sich mal ins Museum setzen und etwas nachmalen. Warum nicht? Rembrandt wird man dadurch nicht, aber es bereichert den Blick und die Hand. Also für das nächste Mal: Papier mitnehmen. Für den Eintrittspreis darf man schließlich in Ausstellungen so lange bleiben, wie man möchte.

The big smoke (der große Rauch, alter spitzname londons)

Vor 5 Jahren war ich das letzte Mal in der Stadt. Wie immer ein SCHADE, dass ich nicht öfters komme. Jeder Spaziergang zeigt neue Perspektiven. Das alte Zentrum des Imperiums ist unglaublich imposant. Beeindruckend, gepflegt (im Zentrum zumindest), schön, arrogant.

Und witzig:

Schild gesehen, abgelichtet, später nachgeforscht. Es handelt sich nicht um Sport, sondern um einen trendy Bierkeller deutscher Machart. Wie authentisch, weiß ich nicht. Vermutlich nicht sehr;-)
Im Hintergrund sieht man an dem Gebäude, auch im Zentrum gibt es Bausünden. Fast daneben jedoch diese Kirche:

Ein Vorteil der Busreise ist, er kommt anders in die Stadt als ein Zug, neue Viertel und Themseblicke können bei dieser preiswerten „Stadtrundfahrt“ entdeckt werden. Der Flussabschnitt mit dem Millenniumsriesenrad befindet sich jedoch in der bekannten Innenstadt, nahe dem Parlament. Seit einigen Jahren wird es nicht mehr von einem Energieriesen gesponsert, sondern von einer Getränkemarke. Mit diesem Getränkenamen kommt das Rad dann auch im Internet hochgeploppt. Kapitalismus.

Eine coole Bar mit willkommenden Cocktailgläsern auf einem Boot. Schade, dass nicht mehr Zeit bleibt. Alleine trinken macht eh keinen Spaß.
Und es sind die berüchtigten Londoner Preise zu bedenken …

 

Regent Street mit U-Bahnstation.

Um den Eaton Place herum. Die Älteren erinnern sich: Das Haus am Eaton Square lief, wenn die Erinnerung nicht trügt, sonntags am frühen Abend in Abwechslung oder vor/nach der Onedinlinie, Bonanza und den Waltons. Wenn die Oma zu Besuch war, durften wir das mitschauen. Raumschiff Enterprise durften wir auch so mal schauen, hat die Oma nicht interessiert;-)

Ohne Bild: Vor dem Parlament einige „Leave heißt Leave“-Plakate und „Wir haben euch geglaubt“. Heute keine Drinbleiben-Plakate.
Big Ben ist eingerüstet, Teil des 10-20 Jahre andauernden Renovierungsprozesses.

Um die Ecke dieses sehr teure Denkmal, um die 2 Millionen Pfund, von 2005. Es soll der Frauen im Zweiten Weltkrieg gedenken. Leere Kleidung verschiedener Berufe oder Lebensumstände, um zu zeigen, welche Rollen die Frauen übernahmen und zusammen mit der damit verbundenen Verantwortung nach dem Krieg an den Nagel hingen und wieder an die Männer zurückgaben.

Selten so ein gruseliges Denkmal gesehen. In dem Sinne erfüllt es seinen Zweck, doch ob es so gemeint ist? Von einem Bildhauer übrigens. In diesem Fall, da es um die Leistung und Zurückdrängung von Frauen geht, wäre eine Bildhauerin die sensiblere Wahl gewesen.

 

es regnet Kunst – und Wasser

Der Herbst bringt uns etwas, was die Statistik lange versprochen hat, im letzten halben Jahr aber kaum vorkam: es regnet. Ernsthaft und ausdauernd. Wechselweise Sintflut von oben oder flüssiger Nebel waagrecht. Beides tränkt in Minuten. Gerade rechtzeitig hatte ich eine Regenhose gekauft, eine Regenjacke alleine genügt nicht, das Wasser kommt aus allen Richtungen. Zwischendrin stürmt es. Das bläst das Gehirn durch.

Es fällt auf, dass die Temperaturen kaum gefallen sind. Ich laufe in Sandalen herum. Und bade ab und zu im Plymouth Sound. Am Ende der Saison, mit den perfekten Wassertemperaturen, komme nicht nur ich aus den Puschen und genieße den ANDEREN Blick. Die Welt sieht vom Wasser aus sofort anders aus. Da reichen 10, 20 m rausschwimmen.

Abgesehen vom Wetter ist die Stadt nach der Ferienpause aufgewacht. Die Studis sind zurück. Das ist das Auffälligste. Aus einer verschlafenen Sommerstadt mit ein paar Touris ist ein wuselndes Etwas geworden. Wenn man auf seinen und ihren Wegen den Uni-Bereich durchläuft, der bislang dösend in der Sonne lag, muss man nun Menschen ausweichen! In der Erstsemesterwoche gab es Dauer-Action. An T-Shirts erkennbare Studis aus höheren Semestern standen mit Wegweisern herum, Grüppchen bildeten sich und man hörte im Vorbeigehen Dialoge wie: ja, mein Name ist soundso und wie heißt du noch mal? Tut mir Leid, ich kann mir die vielen Namen noch gar nicht merken.

Die Erstsemesterwoche (Fresherweek, also Frischstudiswoche) ist ganz schön aufwendig. Es werden Poster in allen Größen verkauft – für die kahle Studibude – und sogar Topfpflanzen! Unigruppen wie Kletternde oder Kampfsportarten oder Musik veranstalten auf dem Gelände Demos, um InteressentInnen zu finden.
Derweil werden auf dem Hoe (die Landspitze vor dem Sund, die gute Stube von Plymouth) in einem riesigen Zelt die Altstudis gruppenweise verabschiedet. Mit Dr. Faust Mantel und Hut;-) Dieses schwarze Anziehzeug, das man eher aus amerikanischen Kleinstadtfilmen kennt.

Plymouth hat eine große und lebendige Kunstszene. Das Kunstcollege, gerade in den Rang einer Uni erhoben, spuckt jedes Jahr Hunderte von AbsolventInnen aus und zugezogene Kunstschaffende gibt es natürlich auch. Der ganze Südwesten, man denke an Cornwall, wimmelt natürlich von KünstlerInnen. Da ist alles dabei, von PensionärInnen, die ihren Traum, Seestücke zu malen -und gar nicht schlechte-, erfüllen, Töpfereien, Wolldesign, Glaskunst. Und so weiter. In der Stadt sammeln sich eher interaktive Kunstschaffende wie Stückeschreiber, Kunst im Öffentlichen Raum, Rückeroberung desselben, Stadtviertel wieder Aufpolierer, Comicmachende. Bei den wiedersprüchlichen Botschaften aus der Politik wegen der Finanzierung öffentlicher Projekte, inklusive sozialer Projekte, damit Viertel wieder lebenswert werden, ganz schön mutig und innovativ, sich darauf einzulassen. Die Qualität scheint sehr hoch zu sein.
Dieses Wochenende war z.B. der Plymouth Art Weekender (d.h. Plymouth Kunst Wochenende mit einem Wortspiel am Ende). Weekend verwandelt sich durch das „er“ am Ende in Weekender, das ist jemand, der das Wochenende zum Ferienmachen nutzt; oder eine Anspielung auf „bender“, das wäre, wenn jemand zu viel Alkohol konsumiert. Das macht man, wenn man auf einen bender geht, was in Britannien schon mal vorkommen soll.
Hier ist gemeint, Kunst im Übermaß zu konsumieren, was natürlich eine gute Sache ist;-) Und macht keinen dicken Schädel.
Obwohl, Kunst kann gefährlich sein, sie könnte ja zum Denken anregen.

Ich habe zwei Veranstaltungen besucht. Wenn die anderen genauso gut waren, ist es fürwahr ein ausgezeichnetes Kunstfestival.

Playground at sunrise

Ich bin früh aufgestanden, das ist nichts Neues, doch ich bin auf einen Spielplatz gegangen, das ist neu. Dort hat Elena Brake uns zur Morgendämmerung um 6.42 Uhr eingeladen. „Spielplatz bei Sonnenaufgang“ eben. Eine einfache Idee. Wir warten mit ihr auf den Sonnenaufgang um 7.20 Uhr. Derweil können wir den Ort, kinderleer um die Zeit, nach Lust und Laune erkunden. Was man als Erwachsene ja nicht unbedingt tut. Jetzt kann man endlich mal einen modernen Spielplatz ausprobieren. Die Zeiten, wo Spielplätze ein Schild hatten: über 14 Jahre verboten, scheinen auch vorbei zu sein. Diese Spielgeräte halten locker mehrere 100 Kilo aus …

Zur Orientierung: im Hintergrund, in der Mitte der ganz kleine Turm, das ist der Leuchtturm am Hoe.

Die Aktion war einfach und bestechend: man konnte seinen spielplatzbezogenen Erinnerungen nachhängen und spielen. Das hat Freude gemacht.
Auf der regennassen Rutsche, die kaum länger als ich war, war Bremsen unmöglich. Die Rutschen sind auf leichtere Körper ausgelegt. Habe ich mir gleich die Daumen geprellt. Wird aber schon wieder. Ich sags doch, Kunst ist gefährlich – sie regt zum Denken an und man kann sich den Daumen prellen.

Die Künstlerin Elena Brake kenne ich vom Läuten. Zu solchen Aktionen findet man oft nur, wenn man jemanden kennt. Man sollte sich aber einfach trauen, mal so etwas Neues auszuprobieren.

Fish in Blender

Klassischer war das 20 Minuten Stück: Fisch im Mixer. Von liveanimals theatre.

Vor dem Spielort draußen (das Bild oben ist von einer Pressevorschau) stand ein Mann mit einem Fischkopf und dem zweiseitigen Plakat, das man im Hintergrund auf dem Foto sieht. Auf der einen Seite steht Fish in Blender, auf der anderen Seite jedoch: not about Brexit. Es geht nicht um Brexit. Da wusste man, dass es genau darum gehen würde. Natürlich nicht direkt. Es ging um den Fisch auf dem Tisch in dem Mixer. Die beiden Schauspieler waren pro und contra, den Fisch im Mixer zu pürieren oder eben nicht. Haben sich Argumente, Scheinargumente, Gefühle, Musik um die Ohren geworfen. Politisches Theater vom feinsten, witzig und nachdenklich machend.
Zum Schluss durften wir, das Publikum, entscheiden. Nachdem wir mit allem Möglichen geködert worden waren, uns für eine Seite zu entscheiden. Kurz gesagt: der (Plastik-) Fisch überlebte. Was das für Brexit heißen würde, wird dadurch nicht klarer;-) wie im richtigen Leben.

Küstenhüpferei

Zum Verfolgen auf einer Karte – speziell für Vattern.

Plymouth, Tamar-Brücke nach Saltash, West Looe, Bodinnick – Fähre nach Fowey (dort Auto stehen lassen), Personenfähre nach Mevagissey. Rückweg von Fowey nicht über Looe, sondern direkt auf die A38.

Das Adlerauge bemerkt: 2 Fähren, eine mit Auto, eine zu Fuß. Und auch, dass wir in Cornwall sind … in lauschigen, touristischen, malerischen Dörfern. Mit unserem ersten englischen Gast. Damit es nicht zu Missverständnissen führt: nicht unser erster Gast in Plymouth (das auch …), sondern ein Schachkumpel von K. aus dem Norden, unser erster englischer Übernachtungsgast überhaupt.

Bootsfahrthäuschen in Fowey.

Any old lights („Wurscht, welche Lampe“ ironischer Geschäftsname) in Fowey. Ein Laden, der sich auf die Wiederherstellung von Lampen bzw. das Schaffen von Lampen aus maritimen und anderen Resten spezialisiert hat. Schade, dass wir grade keine Lampen brauchen.

Berühmte Bewohnerin

Fowey war die Wahlheimat von Daphne du Maurier. Die mit Rebecca … Und auch, weniger bekannt, die mit Die Vögel. Hitchcock hat gleich zweimal bei ihren Geschichten zugeschlagen. Im Dorf steht als Leihgabe diese Skulptur einer Krähe – und eines Buches. Deshalb heißt die Skulptur Rook with a Book, Krähe mit Buch, reimt sich auf Englisch, nicht auf Deutsch:

Fährenfahrt

Die Fähre nach Mevagissey überwindet keine Flussmündung, sondern ist eine traumhafte 40-minütige Bootsfahrt entlang der cornischen Küste.

Badestrand von Fowey (leider keine Zeit zum Baden).

Gleich daneben eine alte Burg.

Die spitzen Kaolinabraumhalden um St. Austell herum sehen aus wie Vulkuan-Filmattrappen für vorhistorische Dramen.

Im Hafen von Mevagissey, s.o., kann man ein kleines Aquarium besuchen, das die Fische vor der Haustür zeigt. Darunter auch Aale, die großen Krabben und kleine harmlose Haie.

Apropos Krabben: es ist Krabbensaison! Deshalb habe ich mir an einem Stand ein Krabbenfleischsandwich geholt. Es würde das bis dato teuerste Sandwich meines Lebens werden: 9 Pfund für ein zusammengeklapptes Toastbrot! Krabben sind immer gefragter auf dem Weltmarkt, wurde mir erklärt, deshalb sind die Preise hoch gegangen. Es war schon was Besonderes und hat auch angenehm satt gemacht, aber …
Mein bisher teuerstes belegtes Brot – nicht Sandwich – habe ich in Bonn nach einem Tanztheaterbesuch ca. 2012 gegessen. Ein besonderer dicker spanischer Schinken (nicht Serrano, viel besondererer) auf einem herzhaften Brot. Ich weiß nicht mehr, was es gekostet hat, es war teuer, doch es war das beste belegte Brot meines Lebens. Einfach nur gut. D.h. man kann auch beim bescheidenen Butterbrot mal gerne Risiken eingehen.

Die wahre Geschichte von den schwimmenden Kindern

In Fowey gibt es eine Autofähre nach Bodinnick und eine Passagierfähre nach Polruan. In Polruan gibt es keine Sekundarschule, die Kinder müssen nach Fowey kommen. Doch was tun ohne Brücke? Die Fähre darf von Kindern nur in Begleitung von Erwachsenen benutzt werden, doch es gibt eine Möglichkeit, sich die eigenständige Fährfahrt zu verdienen: Jedes Jahr schwimmen die 10-11 Jährigen von Polruan nach Fowey und zurück. Etwa ein knapper km. An dem Tag oder den Tagen richten sich alle Schiffe, auch die Fähre nach Mevagissey, nach den Schwimmenden und setzen ihre Fahrzeiten so, dass niemand gefährdet wird.

Nach Wissen des Bootsführers, der uns das erzählt hat, hat sich noch kein Kind davor gedrückt oder es nicht geschafft. Man kann davon ausgehen, dass die Kinder von Polruan fit sind, und das ist eine gute Nachricht.

 

 

Skizzen aus Stockholm II

Wo waren wir stehen geblieben? Bestimmt beim Geld;-) Großer Schock als wir im ersten Bistro – der Brasserie in der Oper – nach dem Mittagessen nur mit Karte bezahlen konnten. Seit einem Jahr nimmt das Etablissement kein Bargeld mehr an. Und so ging es weiter: etliche Restaurants oder auch Ufercafés oder Geschäfte nehmen kein Bargeld mehr. So modern ist Schweden. Ab da haben wir immer gefragt, ob Bargeld akzeptiert wird, denn wir hatten welches gezogen. Im Nachhinein wundert es nicht, dass wir nach Bankomaten suchen mussten …
Supermärkte nehmen noch Bargeld, immerhin. Da ich keine Kreditkarte besitze, fühlte ich mich sehr unselbstständig, bis ich ausprobierte, mit der englischen Debitkarte zu bezahlen. Das funktioniert reibungslos. Ab da würde ich sagen: bargeldlos – kann man sich dran gewöhnen.

Hier nehmen sie Bargeld: Alle, die schwedische Krimis lesen, kennen die Szenen, in denen jemand Alkohol im Systembolaget kauft. Warum? Weil der Staat ein Alkoholmonopol besitzt. Schanklizenzen haben nur Hotels etc., keine Läden. Alkohol ist teuer, doch im Bolaget (das bedeutet Gesellschaft, ein juristischer Terminus) waren die Preise ganz in Ordnung.

Museen

Bei schlechtem Wetter käme in Stockholm keine Langeweile auf. Es gibt Museen für alles. Spritmuseum, Abbamuseum, Nobelmuseum, Schlösser, Fernöstliche Sammlungen, Wikingermuseum, Moderne Kunst. Alte Kunst. Ganz alte Kunst. Auf Englisch würde man sagen: you name it, they’ve got it. Frei übersetzt: wünsch dir was und sie haben es.

Da das Wetter hervorragend war, folgten wir persönlichen Vorlieben bei einer kleinen Museumsauswahl. Bei mir war es das Nationalmuseum, gleich neben dem Hotel. Kostet kein Eintritt, weil vom Volk für das Volk, es ist ein schönes 19. Jahrhundert Gebäude, in dem es alles zu sehen gibt von Rembrandts bis zu Ericsson Telefonen aus den 90igern = schwedisches Design. Dazwischen moderner Kunstschmuck und altes Glas. Eine Schatzkammer sondergleichen. Bilder von Rembrandts gibt es überall auf der Welt verteilt. Telefone auch. Deshalb zeigen meine Fotos die modernen Leuchten im 100 Jahre alten Treppenhaus und einen modernen Kronleuchter im Café. Der wurde mittels Glaselementen gefertigt, die mehrere berühmte Schwedische GlasdesignerInnen extra dafür und das Museum angefertigt haben.

Wir haben das Vasamuseum besucht. Das fast 400 Jahre alte Schiff, das bei der Jungfernfahrt wegen on oben (König …) erzwungener Falschbauweise sank, weil er auf einmal ein Stockwerk mehr haben wollte, ist 98% original zu besichtigen. Ein bemerkenswertes Haus. Besonderes Faktum: das Schiff hielt sich im Brackwasser vor Stockholm, da zu wenig salzreich für den Schiffsbohrwurm (der eigentlich eine Bohrschnecke ist). Sonst wäre es schon weg gewesen, bevor es 1961 gehoben wurde. Um das Schiff an der Luft ebenso zu erhalten, wurde das Wasser im Holz durch eine Glycollösung ersetzt. Es war nötig, die Vasa 17 Jahre !! lang mit der Lösung zu besprühen. Eine Menge Arbeit ging in dieses nationale Denkmal, viel Forschung und ein langer Atem. Dennoch ist unklar, wie lange sie halten wird. Deshalb der Toptipp: hinfahren, selber anschauen.

Kleinste Freilichtstatue der Stadt, der Mondgucker, bei der finnischen Kirche. 15 cm hoch. Vom Künstler Liss Eriksson.

Noch einmal nach oben

Das Stadthaus ist der Ort, u.a., der Nobelbankette. Man kann auf den Turm steigen, das kann ich mir nicht entgehen lassen.

Turmblicke.

Was noch

Lauschige Ecken in der Stadt.

Typisch – Container und Baustellen. An allen Ecken und Enden wird restauriert und neu gebaut. Häuser, Brücken, Straßen. Stockholm wächst um 100 Menschen pro Tag! Das bringt selbst die effiziente und menschenfreundliche Siedlungsplanung der Skandinavier an ihre Grenzen. Menschenfreundlich? Wir sind durch Stadtsiedlungen aus mehreren Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten gelaufen, man könnte sich überall vorstellen, dort wohnen zu wollen.

Eine Brücke mit Krone und dem nettesten der vielen (Jugend)Herbergsschiffe der Stadt an das Ende gestellt.

Skizzen aus Stockholm I

Wird immer schwieriger, die Verbindung mit den UK zu betonen, wenn man woanders hinfährt und einen UK Blog hat. Eine Begründung ist immer gut: besser nicht zu viel in den UK sein, regt man sich nur über die Politik auf. Auf Reisen gehen. (Das Alltagsleben hier ist übrigens weiterhin völlig normal. Ein paar Lebensmittelpreise sind gestiegen, wie das bei Krisen immer gerne stickum gemacht wird, obs nötig ist oder nicht. Das ist es auch schon.)

Schwenk zu Stockholm. Junge Leute und die Gastronomie und Hotellerie spricht sehr gutes Englisch, kommt man als UK-Bewohnende weit damit. Außer zwei Brocken habe ich also nicht viel Landessprache vorbereitet. Schade eigentlich, denn die Sprachmelodie des Schwedischen ist entzückend und es gibt – aus Zeiten der Hanse, nichts weniger – viele deutsche Lehnwörter. Man weiß im Voraus halt nicht, welche Worte das sind, sonst wäre die Kommunikation wirklich einfach.

Typische Innenstadtszene: Wasser mit Fähren, schöne Häuserfronten.

Im Vorfeld, die Führer lesen, war achtungsgebietend. Was gibt es nicht alles zu erforschen, wo beginnen? Entweder übertreiben alle oder Stockholm ist ein wirklich erstaunlicher Platz. Als wir ankamen, war die Orientierung schwierig. Durch die vielen Ufer können viele Straßen nicht gerade sein und beim Brückenzählen (erste, zweite, dritte) kommt man schon einmal durcheinander. Zwei Führungen sollen Abhilfe schaffen. Eine ist konventionell auf dem Boden, eine andere nehme nur ich wahr, angeseilt auf dem Dach des Landgerichts mit Blicken über die Altstadt und mehr. Das Gericht beherbergte früher das erste Parlament des Landes. Der Grund für den Neubau neben dem Königsschloss ist kurios: durch die neue Eisenbahnlinie direkt vorbei wurden die Sitzungen empfindlich gestört, man konnte sein eigenes Wort nicht mehr verstehen. Dazu eine Raumknappheit und 35 Jahre später konnte ein neues Parlament eingeweiht werden. Es ist immer noch viel kleiner als das angrenzende Schloss …

Grabeskirche der schwedischen KönigInnen. Rechts dahinter das dunkle Dach ist das Gerichtsgebäude, auf dem man wandern kann.

Die Altstadt heißt Gamla Stan. Etwas unglücklich für deutsche Ohren, dass gamla hier alt, bei uns gammelig aber zu alt bedeutet. Man gewöhnt sich daran, nicht zusammenzuzucken.

„Flur“ im Hotel. Die Lampe ist einfach schnuckelig. Das gesamte Dekor im Hotel bewegte sich im braunen Bereich, mal ein Schaffell, viele Kissen, viele Accessoires. Für die warmen Temperaturen, die wir vorfanden, etwas exotisch, doch aus einem Schneegraupel hier hereinzukommen, muss gemütlich (schwed. hyggelig) sein. Design für grausiges Wetter.

Der Hauptplatz, eine so genannte Bausünde der 60er Jahre, ist nicht so toll, aber er ist nun mal da. Der Glasobelisk leuchtet schön im Dunkeln, das ist doch was.

Von diesem Platz machen wir uns in die Vorstadt auf. Leider erwischen wir die schäbigste U-Bahn-Haltestelle dieser gepflegten Stadt, T-Centralen:

Wir fahren zum Skogskyrkogården

Das bedeutet Waldfriedhof, ein UNESCO Weltkulturerbe.

Ein friedlicher Ort in wunderbarem Spätnachmittagslicht. Hier liegen keine Berühmtheiten begraben, einfach Menschen. Wir wanderten und fotografierten, bis das Licht nachließ und wir in die Stadt zurückkehrten, um Elchbällchen in einer Kneipe, die an eine bayrische Bierkneipe (nur auf Schwedisch, also eine schwedische Bierkneipe) erinnert, zu essen.

Von Elefanten und schnellen Booten

Fangen wir mit dem Segeln an, bevor wir zu den Segelohren der Elefanten kommen.

Man könnte meinen, alles drehe sich um (UK-) Politik in England, doch nichts dergleichen. Der Alltag geht seinen Gang, Sommervergnügen wie die britische Meisterschaft im Feuerwerk machen (spektakulär!!) finden im Hafenbecken statt, man isst Fish und Chips, jenseits aller Fangquotenreserven, und nicht alle Menschen haben Klopapierrollen gehortet.

Es ist immer etwas geboten. Diese Woche spielt Plymouth – der Heimathafen sowohl des Weltumseglers Drake als auch der Pilgermenschen auf der Mayflower – wieder eine kleine Rolle als internationaler Hafen.

Kurz vor knapp hatte ich am morgen des 14. August festgestellt, dass die Klimaaktivistin Greta Thunberg hier vor Anker liegt, um mit der Rennjacht Malizia II (mit einem deutschen Skipper) nach New York zur Klimakonferenz aufzubrechen.

Dieses Boot ist eines der schnellsten Segelschiffe der Welt, ein Wunder der Ingenieurskunst und ein Vorreiter für Mobilität der Zukunft.

Habe also mühsam herausgefunden, in welcher Marina das Boot liegt und bin in Regen und steifer Brise hingeradelt. Das Wetter war schlecht, doch wie soll ich wissen, was für ein Segelboot schlechtes Wetter ist? Also lieber ein Rennboot ansehen, bevor es ganz schnell weg ist. Die Informationen lauteten nur: wir würden gerne heute absegeln.

Man sieht gerade noch die schwedische und die europäische Flagge am Mast. Das Boot sieht sehr leicht aus.

Ich hatte Glück – die Malizia II ist von der Straße aus gut an ihrem Liegeplatz zu sehen. Als die Besatzung nach wenigen Minuten von Bord geht, ist klar, die nächste Zeit wird das nichts und ich bin wieder heim. Das war mein erstes Erlebnis als Paparazza übrigens. Paparazza von dem Boot, die Menschen haben mich in dem Moment nicht so interessiert.

Später am Tag wurde auf den sozialen Kanälen eine Abfahrtszeit von 3 Uhr Ortszeit bekannt gegeben. Ich bekam zudem den Tipp, an einer Landzunge namens Devil‘s Point (Teufelspunkt) die Ausfahrt in den Sund von Plymouth zu beobachten. Also wieder aufs Rad, das Wetter war deutlich besser und mit, ich würde sagen, 300 anderen Interessierten auf das Boot warten. Im Vergleich zu den Begleitbooten hat die Malizia einen riesig hohen Mast und ein großes Segel. Es gab kein schnittiges Auslaufen, das würde man im Sund auch nicht empfehlen. Es gibt zu viele Untiefen und zu viel Verkehr. Doch als ein leichtes Drehen gesegelt wurde, spannte das Segel etwas, das Boot wurde sofort schneller. Und die Spanndrähte „sangen“. Man bekam eine leise Ahnung, was das Boot kann.

Nun zu den Elefanten

Es gibt deren Dutzende diesen Sommer. Es ist eine von diesen Tierskulpturenaktionen, wie es sie seit vielen Jahren gibt. Kühe in Salzburg z.B. Hier sind es Elefanten, modelliert nach einem Kinderbuchelefanten namens Elmer. Gesponsert, von Künstlern und Künstlerinnen gestaltet und mit dem Ziel einer späteren Versteigerung erzielen sie viel Geld für örtliche Vereine wie ein großes Hospiz. Und sie machen gute Laune.

Dieser Fant wurde klever als Sitzmöbel gestaltet. Eine kuschelige Waldeshöhle.

Nach einiger Zeit habe ich festgestellt, dass Menschen, vor allem mit kleinen Kindern, diese Elefanten einen nach dem anderen ablaufen. Aha, es gibt eine Karte (natürlich auch als App). Ich habe sie mir heruntergeladen. Heute ist ja alles interaktiv. Bei jedem Elefanten stehen vier Zahlen. Diese Zahlen muss man in die App eingeben, dadurch hat man den Elefanten im Sack, er wird in der App farbig … Und auf zum nächsten. Seitdem macht es viel mehr Spaß, in die olle Stadt zu gehen, um Besorgungen zu machen. Ein bisschen Safari nebenher, inklusive der Entdeckung einiger unbekannter Ecken. Die Elefanten sind im öffentlichen Raum aufgestellt und leicht erreichbar, dennoch wundert man sich, was man nicht kennt. Die Standorte reichen von öffentlichen Parks bis zur Nachbarschaft eines äußert fragwürdig apokalyptisch aussehenden Parkgebäudes, durch das ich mich kaum getraut habe. Es stellte sich heraus, es scheint kein fragwürdiges, sondern ein ganz normales Parkhaus zu sein?? Gruselig. Im Gegenzug ein versteckter Elefant vor einer mondänen Bank im Luxusjachthafen.

Bergfant

Beatlesfant

Sherlockfant

Ah, die Haie. Die schwimmen das ganze Jahr über vor dem Aquarium. Der zugehörige Aquariumsfant hat andere Lebewesen aufgemalt:

Und noch ein schöner Blumenfant.

Nachschlag zu Unterwegs I: Asterix, Geografie und Autos

Das Wichtigste vergisst sich leicht zu erwähnen:

Das Dorf von Asterix ist nicht identifizierbar!! Wir erinnern uns: Das Dorf der unbeugsamen Gallier ist von vier Römerlagern eingeschlossen. Kleinbonum, Laudanum, Babaorum und Aquarium. Die Lage ist das Gebiet Aremorica in der Bretagne, doch wie die Lager ist das Dorf rein fiktiv. So fiktiv, dass auch heute noch kein Dorf behauptet, es sei nach ihm modelliert gewesen. Woher wir das wissen? K. hat in der Bretagne eine Buchhändlerin befragt.

Das ist schon selten. Wie viele Orte behaupten nicht, Wohnsitz von König Arthur gewesen zu sein? Oder Berge, die letzte Ruhestätte von Kaiser Karl zu sein (ja, ja, es muss der Untersberg im Grenzgebiet von Bayern und Österreich sein). Und, um in die Realität zurückzukommen, wie viele Orte behaupten nicht, den Mittelpunkt Europas darzustellen?

Küste:

Ein bisschen Geografie für Ortskundige

Roscoff für die Fähre.
Plouescat für Unterkunft.


Jahrhunderte alte Markthalle in Plouescat.

Der Menhir ist der von Cam-Louis

Das größte europäische Hügelgrab befindet sich in Barnénez, östlich gelegen, jenseits einiger der tidenabhängigen Flusstäler (viele Umwege beim Radfahren … Obwohl ich an dem Tag von A. ein Stück mit dem Auto transportiert wurde, blieben mir sicher 70 km, davon 50 mit Gegenwind und mit zu Ende gegangener Verpflegung – ich bin an einem Apfelbaumgroßhandelsverkauf vorbeigekommen, wollte aber lieber Äpfel, mhm. Kurz vorm Zusammenbruch wurde ein Burgerstand aufgetan;-)).

In St. Pol-de-Léon befindet sich nicht nur eine schöne Kathedrale, sondern auch eine ehemalige Kirche, genannt Kreisker (was Innenstadt bedeutet, also eine Kirche mitten in der Stadt, was auch zutrifft). In der hoch interessanten Kirche (K. war drinnen, ich sah sie nur geschlossen und musste zum Hügelgrab) befindet sich z.B. ein modernes Glasfenster von Kim en Joong, einem südkoreanischen Künstler und Mönch:

Großer Autoausflug nach Westen:

Le Conquet ist ein sehr netter Ort mit einem, wie kann es anders ein, großen Flußtal:

Die kleinen Zubringerruderboote für die Segelschiffe sind fein säuberlich an Bootshaltern angekettet. Bei Ebbe ist das Wasser weg, es ist nicht unmöglich, jedoch nicht zu ratsam, dann zu Fuß zu den Booten zu stapfen, Matsch garantiert.

St. Mathieu ist nur fast der westlichste Punkt der Bretagne, aber schöner kann die weiter südlich und einen Tacken weiter westlich gelegene Pointe de Raz auch nicht sein:

Zum Abschluss nach Landerneau, einem – wieder mal, ist aber so – sehr netten Ort mit, richtig, Fluss durch die Stadt (Wasser war gerade da, als wir kamen):

Kommen nicht so gut rüber, bitte glauben: die oft pastell oder fröhlich blau gestrichenen Fensterläden.

Autokennzeichen

Perfekt für langweilige Autofahrten, diese französischen Kennzeichen!

Und so sehen sie hinten aus:

Die Nummern und Zahlen links auf den Schildern haben keine tiefere Bedeutung. Interessant wird es am Ende. Frankreich hat sich in 90+ Departements eingeteilt. Diese werden alphabetisch durchnummeriert. Inklusive Paris, doch exklusive der Gegenden um Paris, die 90+ Nummern haben. Überseeische Departements haben dreistellige Nummern. Ein Auto aus Réunion z.B., wäre leicht zu erkennen, doch sensationell selten.

Also nur die 90 Departements auswendiglernen und los geht es? So einfach ist es tatsächlich. Für die Neulinge gibt es aber noch ein Hindernis zu überwinden. Über der Zahl ist eine Regionalflagge zu sehen und die bezeichnet nicht das Departement, sondern eine der 18 Regionen. Hier bei Bretagne (bretonisch Breizh) würde man denken: wau, so viele Gebiete im Alphabet über Br. Dem ist nicht so. 29 ist Finistère, einem der vier Departements der Bretagne.
Côtes d’Armor ist 22, Morbihan 56, Ille et Vilaine 35. Freundin A. kennt sie übrigens auswendig, diese 90+. Das ist höchst respektabel und sehr unterhaltsam, auf diese Weise etwas über französische Geografie zu lernen.

Was man noch lernt: Frankreich ist richtig groß. Viel zu entdecken.