Bevor es Scherben gibt …

sind Keramiken gewissermaßen Einstückscherben, die man Teller, Krüge, Figuren oder Abflussrohre nennt. Großbritannien blickt, wie schön öfters berichtet, auf eine umfangreiche Tongeschichte zurück. Hier soll es um ein paar internationale Stücke aus meiner Sammlung, äh, meinem Geschirrschrank, gehen.

Tonerden sind dieser ganz besondere Stoff, weich und hart, wasserdicht wenn glasiert, mit fast unendlichen Formmöglichkeiten. Nur wenn das gebrannte Erzeugnis runterfällt, dann ist es kaputt.

Ein Miniabriss zur Geschichte

Seit Zehntausenden von Jahren werden Keramiken von Menschen hergestellt.

Die UK haben, wie der Rest der Welt, neidisch nach China geschaut, denn von dort kam das feine Porzellan, ein sorgsam gehütetes Geheimnis, das dem Land der Mitte einen Riesenumsatz bescherte. In Deutschland, genauer gesagt, im damaligen Königreich Sachsen, wurde das Porzellan 1708 nochmals „entdeckt“, und hat sich von dort weiterverbreitet, das fernöstliche Monopol war gebrochen. Deutschland, Frankreich, die Niederlande etc. brannten die neue Technologie, was das Zeug hielt. Meist natürlich für gehobene Schichten, denn die Produkte waren sehr teuer. Für das normale Volk gab es weiterhin Steingut und andere Keramiken, doch auch für dieses kamen frische Farben, neue Dekors und Formen dazu.

Ein gewisser Josiah Spode hat im England zu Ende des 18. Jahrhunderts das Knochenporzellan erfunden, bei dem ein hoher Prozentsatz Knochenasche dem Kaolin und den anderen Keramikzutaten beigemischt wird. Da Porzellan auf Englisch China heißt (gesprochen Tschaina), heißt das Knochenporzellan Bone China. Die Firma Spode gibt es bis zum heutigen Tag, sie stellen Gebrauchskeramik her. Überhaupt, Gebrauchskeramik, das UK übernahm schnell die Rolle des neuen Weltlieferanten und Erneuerers.

Die beginnende Industrialisierung benötigte neue Werkstoffe, Firmen, die heute für feine Suppenteller bekannt sind, machten ihr Geld z.B. mit x-tausenden von Meilen an Tonrohren, die für Abflusssysteme, später für Kabel gebraucht wurden. Das saarländische Villeroy und Boch lebt heute noch großteils von der sehr wichtigen Sanitärkeramiksparte.

Die Brennindustrie war extrem bedeutend im Königreich, bis zu dem Punkt, dass die ersten der vielen Kanäle, die Cheshire im Osten durchziehen, vor allem auch für die Töpfereien gebaut wurden. Der Transport auf Lasttieren mit mit Stroh gefütterten Körben war derart ineffektiv mit Bruchraten bis zu 90%, dass es sich lohnte, für diesen wichtigen Wirtschaftszweig die Schaufel in die Hand zu nehmen. Oder 100 Schaufeln. Oder 100.000. Alle in Handarbeit gegraben. Die Kanäle, auf denen man heute gemütlich im Urlaub schippern kann, dienten also nicht nur dem Schüttguttransport.

Zur Vorbereitung

Tonstücke sind oft praktisch und auch schön, es ist ein Material, das die Kreativität herausfordert und Geschmäckern unterliegt. Wenn man ein besonderes Stück besitzt, weiß man oft auch, welche Ausrede man beim Kauf hatte. Meist die, dass das betreffende Stück nicht nur schön, sondern auch nützlich ist. In Kürze weiß man, welche Geschichte dahinter steckt.

Es heißt, man brauche so eine Lichtbox, damit man anständig fotografieren kann. Also habe ich mir aus einem Karton und einem Molltontuch geschwind eine als Hintergrund gebastelt, um ein bisschen zu knipsen. Hochprofessionell, das alles!

Die Milch ist schuld!

Unsere Milch wird leicht schlecht, schon vor dem Verfallsdatum, doch bessere Qualität ist bei unserem Kramer nicht zu kriegen. Wir glauben, wenn kleinere Reste aus der Plastikflasche herauskommen, halten sie im Kühlschrank länger. Am besten in einem handlichen Krügerl.

Seit über 30 Jahren besitze ich dieses kleine Ziegenmilchkännchen (rechts vorne) aus der Schweiz. Fast der Rest eines kleinen Services, den mir meine Schwester geschenkt hatte. Das Kännchen wurde selten benutzt, bis wir in das UK kamen, deshalb habe ich es noch nicht zerdöppert.

Vor kurzem kam das Tittmoninger* Stücke dazu, links im Bild, gekreuztes Muster auf Grau, da für größere Milchreste die Ziegen zu klein sind. Mit dem rechten Krug unbekannter Herkunft eine Spende aus der Krugmenge meiner Mutter.
*Erna Leitner hieß die Töpferin, die 1959 die Töpferei des dann verstorbenen Karl Hentschel übernahm und in ähnlichem Stil weiterführte. Beide Krüge werden benutzt, doch für die Milch hat das eine Krüglein eine zu weite Öffnung, das andere ist zu eng, zu unpraktisch zum spülen jede Woche. Mehr ein Sirupkrug.
Auf dem Töpfermarkt in Traunstein 2017 habe ich dann den dunkelblauen Krug mit der lebendig wirkenden Glasur entdeckt und gekauft. Größe, Form: Der ideale Milchkrug.

Was mir dabei auffiel: ohne es zu planen, besitze ich nun eine Sammlung von blauen Krügen!

Doch halt, wer kommt da daher, dieser Krug ist nicht blau, der ist bräunlich, mit Stich ins Grüne. Der ist ein Geschenk fürs Katzen- und Hühnerhüten in der Gärtnerei und kommt aus Cornwall. Aus einer berühmten Töpferei mit Namen Leach. Bernard Leach war ein Produkt des Weltreiches. Aufgewachsen in Hongkong, Japan, China und England, studierte er Kunst und fing an sich mit Japan zu beschäftigen, lebte und arbeitete in Japan und Peking und gründete später eine Töpferei in St. Ives, Cornwall, die es heute noch gibt. Er hat japanische und englische Töpferei maßgeblich befruchtet. Der Krug ist von einer norddeutschen, dort arbeitenden Töpferin hergestellt worden.

Marke der Leach Pottery (Töpferei)

Der Krug steht auf einem einfachen bayrischen Teller, auch vom Töpfermarkt in Traunstein. Der musste her, denn die großen englischen Toastscheiben lappen immer über den Rand eines normalen Kuchentellers, vor allem, wenn man zwei davon isst. Er hat eine Größe zwischen Kuchen- und flachem Teller. Eine harmonische Wirkung, obwohl die betroffenen Töpfereien insgesamt sehr unterschiedliche Stile aufweisen.

Die Wedgwood Verbindung

Seit meinem Besuch des Wedgwood Museums esse ich meine Nudeln aus einem modernen Teller aus dem dortigen Fabrikverkauf. Kürzlich war ich nun in einem riesigen (6 Hallen) Antikcenter. Antikcenter sind Plätze, an denen Handelnde einen abgetrennten Bereich in einem Geschäft mieten können. Man findet dort, da im Land nichts weggeworfen wird (die Müllhalden sprechen eine andere Sprache, doch das ist die Moderne), alles von der wertvollen Antiquität bis zu Sammelndenstücke oder modernes Dekor. Ich schaue immer nach Keramik, das zieht mich an.
Ich finde einen Kuchenteller, der mir gefällt, schaue darunter: ah, Wedgwood, der wäre eine Möglichkeit. Einige Stände weiter stapelt sich fast ein Service. Ich hebe einen Teller hoch: schon wieder Wedgwood. Ich kombiniere: Scheint mein Geschmack zu sein. Ich kaufe für kleines Geld das Einzelstück und einen Teller des anderen Services. Ab jetzt wird mein eigenes Brot (kleinere Brotscheiben als englischer Toast) stilvoll verzehrt!

Das graue Motiv heißt Cornucopia und wird heute noch hergestellt. Ein Teller dieser Größe kostet neu 30 Pfund, ich habe 6 bezahlt. Zweiter Hand oder Zweite Wahl: egal, macht Freude. Das gold-petrolfarbene Teil ist aus der nicht mehr verfügbaren Serie Agincourt. Ob das englischer Humor ist, weiß ich nicht, die Geschichte ist nämlich Folgende: vor Agincourt haben die englischen Franzosen (Willi der Eroberer war schließlich Franzose und er hat die Geschichte der Insel entscheidend durcheinandergewirbelt, also sind es zu dem Zeitpunkt Halbfranzosen) 1415 die französischen Franzosen geschlagen. Eine Schlacht des 100jährigen Krieges. Man will es sich gar nicht vorstellen. Der Name des Porzellans soll wohl nur auf den schicken französischen Stil aufmerksam machen. Preis: 7 Pfund.

Es muss nicht immer kostbar sein

Dieses Trio gab es for 2,50 Pfund in einem Wohltätigkeitsladen: Modern, Massenware, wen kümmert’s, sie sind hübsch und vielseitig einsetzbar.

Original und Fälschung

Diese beiden Schüsseln sind identisch in Form, Gewicht und Größe, doch eines ist eine echte Portmeirion Schüssel (1962 gegründete Töpferei), die andere, aus einem anderen Antikcenter, trägt den Stempel Porthmeirion, Wales. Man beachte das h nach dem t in Porth. Also ein Imitat, eine Fälschung? Das Internet schweigt sich dazu aus, dabei ist es sonst so geschwätzig. Faszinierend. Ich mag beide, das elegantere Portmeirion und das wie eine frühe Version wirkende Beispiel in den blassen Farben.

Die unterschiedlichen Marken

Zum guten Schluss

Vom Erhabenen zum Komischen: dies ist Klaus’ Tasse. Beim Schranktür öffnen muss man dem „Oink“ einfach zulächeln.

Gleiche Chancen für …

Mädchen und Jungs. Eine zweiteilige Fernsehsendung im britischen Fernsehen.

Ist das nicht längst gegeben? Wir schreiben das Jahr 2017 und befinden uns in Großbritannien, einem der Länder, die sich Geschlechtergerechtigkeit auf die Fahnen schreiben. Wieso sieht man also im Erwachsenenalter immer noch, dass Frauen weniger für dieselbe Arbeit erhalten (und sogar oft fordern, weil sie offenbar bescheidener sind).

Sachverhalte wie diese wollte ein Fernsehmann und Arzt näher untersuchen. Er griff sich eine Klasse mit 7-jährigen auf der beschaulichen Isle of Wight im Süden Englands und testete die Kinder zu Beginn eines 2-monatigen Versuchs, Jungs und Mädchen geschlechterneutral zu erziehen. Kein Problem, ein paar kleinere Korrekturen und geschafft, oder?
Denkste.
Die Erstbefragung war erhellend. Bis auf ein Mädchen gaben alle Kinder an, dass Jungs besser seien. Sie seien stärker*, würden automatisch Führungsrollen übernehmen und coolere Spielzeuge erhalten.

*Kinder sind vor der Pubertät biologisch gleich stark. Mit einem Hau-den-Lukas Wettbewerb wurde das schön demonstriert und zeigte Aha-Effekte. Woher glaubten die Kinder dann, dass Jungs stärker sind?

Andererseits konnten Mädchen ihre Gefühle ausdrücken und Jungs im Schnitt nur eines: Wut. Andere Gefühle konnten sie nicht beschreiben.

Mädchen beschrieben sich als hübsch oder hässlich und veranstalteten – kein Witz jetzt! – rosa Parties. Nichts gegen Rosa, doch sah das etwas einseitig aus. Es gibt ja noch andere hübsche Farben. Blau z.B. Oder Grün.

Im Legen von Tanggram*aufgaben waren die Mädchen erbarmungsmäßig schlechter als die Jungs, so dass man jeden viktorianischen (Victoria, Queen 1837-1901) Familienvater mit der altväterlichen Idee, Frauen könnten nun mal nicht räumlich denken und das sehe die Natur so vor, bitteschön, Recht geben müsste. Sie hatten nie „räumliche“ Spielsachen bekommen, wie Lego, sondern „soziale“, wie Puppen.

* https://de.wikipedia.org/wiki/Tangram

Noch mehr Beispiele?: Kinder, deren Väter nachweislich viele Aufgaben wie Kochen im Haushalt übernahmen, sagten dennoch , Abwaschen, das ist Frauensache.

Kleiderlose Ausmalbilder von Berufen wurden generell mit Geschlechtern besetzt: Mechaniker und Magier wurden als Männer gezeichnet, Tänzer und Make-up-Künstler als Tänzerin und Make-up-Künstlerin. Kein Wunder, dass der Versuchsleiter dann den Kindern ein paar Stunden mit genau den gegenteiligen Rollenbildern schenkte. Eine weibliche Mechanikerin zeigte das Innere eines Autos, ein Tänzer machte Übungen und erzählte von seiner Arbeit.

Die Welt dieser Kinder ist voll mit entweder Rosa oder Blau – die Industrie gibt vor, die Eltern machen unbewusst mit.

Der Versuchsleiter – und nicht nur er – war geschockt. Ein derartig einseitiges Ergebnis hatte er nicht erwartet.


In dem Alter wollen Kinder natürlich (denke ich) anfangen, die Welt in Schubladen zu packen und saugen mehr auf, als die Erwachsenen (außer die Marketingfritzen von der Industrie) glauben. Sie sind stolz, wenn sie meinen, sie checken die Welt langsam ab. So hat es zu sein, ich weiß w(d)as. Kein Wunder, dass bei dieser Beeinflussung die Mädchen ihre Berufswünsche bzw. Möglichkeiten als Friseuse beschrieben und nicht als Formel 1 Fahrerin, die Jungs keinerlei Probleme dabei hatten, sich als Astronaut im All zu sehen.


Mit einigen innovativen und witzigen Ideen wurde versucht, Alternativen aufzuzeigen.


Am Ende der zwei Monate hatte sich tatsächlich einiges geändert. Jungs haben spontan Picknick vorbereitet und Mädchen sind in die Feuerholzgruppe gegangen. Jungs haben mit Begeisterung Bären aus einem vorgefertigten Set genäht und Mädchen einen elektisch betriebenen Roboter.

Die Mädchen konnten schon nach wenigen Wochen die Tangramaufgaben fast so gut wie die Jungs lösen. Sie haben schnell aufgeholt, was sie durch weniger spielen mit Lego oder Dingen wie Fischertechnik verpasst hatten. Einige Jungs sind weniger vor Frust explodiert, sondern konnten ihre Gefühle und Wünsche schon vor dem großen Knall äußern.

Der Klassenlehrer hat sich die Lektionen hinter die Ohren geschrieben, nicht mehr die Kinder mit geschlechterspezifischen Kosenamen gerufen, hat Bücher mit Superheldinnen in seine Klassenbücherei gepackt und die passiven Prinzessinnen rausgeschmissen. Auch die (weibliche) Schulleitung hat versprochen, mehr Möglichkeiten für das Denken der Kinder offenzuhalten.


Doch das Ganze war wirklich frustierend. Dies war eine durchschnittliche Schule, nicht anders als eine in Deutschland. Mich hat es immer wieder heiß und kalt überlaufen, wenn ich dachte: wie hätte ich mich als Erwachsene verhalten: schenke ich nicht auch geschlechterspezifisch, um einer Erwartungshaltung gerecht zu werden? Akzeptiere ich nicht auch rauheres Verhalten von Jungs als von Mädchen? Was mich dazu treibt, (manche) Jungs zu vermeiden, muss ich sagen, weil es mich elendig annervt, aber das ist ja auch eine Form von Akzeptanz. Dass es anders geht, zeigt z.B. mein Patensohn … lebhaft, aber bis jetzt noch nicht macho.

In den 70ern, in meiner völlig normalen und dazu bayrischen!!! Schule hätte kaum ein Mädchen gesagt, dass Jungs besser wären. Berufswünsche waren offen: man wusste, es gibt nicht viel weibliche Mechanikerinnen oder männliche Kranken“schwestern“, doch dass diese Dinge gerade dabei waren, sich zu ändern und wir die Wahl hatten. Man wusste, Frauen und Forschung oder andere gehobene Berufe, die viel Zeit in Anspruch nehmen, können von Frauen intelligenzmäßig locker bewältigt werden. Wenn auch meist um den Preis, dass sie keine Kinder bekommen sollten, dann hätten sie die Zeit nicht mehr für diese „Berufung“. Das war auch irgendwie klar …

Wenn ich sage, „man“ versuche ich mich zu erinnern, wie ich die Atmosphäre empfunden habe und was ich gelernt habe. Gemischte Botschaften, siehe oben, aber immerhin gemischt. Es war eine Offenheit da, eine gewisse Bereitschaft, seinen eigenen Weg finden zu dürfen. Obwohl ich oft gehört habe: dieses oder jenes sollte man als Frau (und nicht als Mensch oder Erwachsene(r)) können, wurde nie vermittelt, es lohne sich nicht, andere Dinge auch zu lernen.

Aufrüttelndes Fernsehen.

Nachrichten aus dem Nordwesten

Der nicht so berühmte Sommer ging in einen wunderbaren Spätsommer über, der sich jetzt in einen angenehmen Frühherbst verwandelt – Gedanken an Heizung kommen hoch und die Sandalen wollen bald geputzt und verräumt werden. Schade, Luft an den Füßen tut gut, besonders wenn man viel in Gummistiefeln arbeitet. Dem kann nun nicht abgeholfen werden, warme Füße sind einfach ein größeres Gut als gelüftete Füße (diese Bemerkung hat nichts mit Gemuffel zu tun).

Wiederum nach dem Sommer – der lethargisch vor sich hin dümpelte – erwachen die Märkte, die Leute sind aus dem Urlaub zurück, mehr Brot kann umgesetzt werden, Experimente (erfolgreich) mit Baguette backen werden gemacht; und es wird geerntet. Brombeeren werden reif und wollen für Marmelade für die Marktkuchen verarbeitet werden. Sirup kochen wird nach schludrigen Versuchen in Vorjahren erneut ausprobiert, diesmal mit Rezept, vielleicht schmeckt’s dann sogar. Ob der Sternanis in der Mischung zu durchdringend ist?, die Zeit wird es weisen.

Die Obsternte verspricht gut zu werden, Leute bieten Äpfel, Zwetschgen (oder Pflaumen) zum Abholen und Selberpflücken an, denn sie sind großzügig und können die Mengen gar nicht verarbeiten. Schade, dass der Tiefkühlschrank nicht unendlich groß ist.


Im Sommer hat sogar die unendliche Narretei des Brexits ein bisschen für Spaß gesorgt, endlich mal befreit lachen über diese Kapriolen. Jetzt sind alle Spaßbremsenpolitiker und Innen wieder aus dem Urlaub zurück und was passiert: sie schaffen Fakten und man kann sie immer noch nicht ernst nehmen. Das nennt sich nun erwachsene Leute! Erst das Volk belügen (das ist keine Phrase, wirklich geschehen) und dann mit dem gewünschten Ergebnis nichts anfangen können. Leute, entscheidet euch. Oder noch besser: gebt eure Jobs an Leute, die was davon verstehen. … Man wird ja noch mal träumen dürfen.


Tattenhall blüht und gedeiht, zumindest wirkt es so. Es gibt zusätzlich zum Sparmarkt, der Post, dem Metzger, dem Hundesalon, den zwei Frisiersalons, einem Café, einer Damenboutique, einem Zeitungsladen und drei Pubs zwei neue Geschäfte: ein Laden für ein bisschen Kunstgewerbe, jedoch hauptsächlich für Näh- und Bastelkurse für Groß und Klein. Das sollte laufen, die Leute sind wild darauf, Neues zu lernen oder Altes zu vertiefen. Dann noch, etwas spezialisierter, ein Geschäft für Yoga- bzw. Freizeitkleidung. Für großen Umsatz ist Tattenhall natürlich nicht bevölkerungsreich genug, der Internethandel soll hier den Erfolg bringen. Die Teile von einem südafrikanischen Familienbetrieb sind wirklich bequem, ich habe schon einiges anprobiert, doch warte ich auf eine versprochene kürzere Hose, die noch durch den Zoll muss. Internationale Verschickung, diese Vorgänge kenne ich aus meinem früheren Job, der beinhaltete, Fußballtore durch die Welt zu schicken.


Nun noch was fürs Auge: Das Bild zeigt zweimal Recyceltes: zuerst waren es Plastikdeckel und –gefäße, die, weiß angemalt, die Schönheit der runden Form zeigen sollten. Eine Kunstinstallation für die Tattenhallschau. Da sich zufällig nach oben offene Gefäße ergeben hatten, habe ich diese mit Wasser und Blumen gefüllt und als gewünschte Tischdeko für einen 60. Geburtstag mitgenommen. Dieser 60. war eine Teeparty im Bürgerhaus, mit Quiz und viel Musik. Eine wirklich angenehme Art, seinen Geburtstag zu feiern.

Viele Blumen

Britischer geht nicht: Arbeiten auf der Tatton Blumenschau der Königlichen Gartengesellschaft (klingt riesig, ist einfach der britische Gartenverein. Hier ist halt alles gleich „royal“).

Hereinspaziert: mit Floristin Janet vor der Tür zu unserem Mini-Ausstellungsschuppen (fast ein Schüppchen). Die meiste Floristik findet jedoch um das Häusl herum statt, s.b. Bilder weiter unten.

Chelseaschau ist die bekannteste dieser urenglischen Institutionen, der Blumenshows. Wochenlang berichtet dann das Fernsehen von prämierten Gärten, Rosenzüchtern, stellt Gartendesigner und ihre Geschichten vor und vor allem die ganzen Berühmtheiten, die sich gerne vor einem schicken Schilfgarten fotografieren lassen und in die Kamera flöten: Oh, Gärtnern ist sooo faszinierend.
Hinter dem Glanz und der Hascherei der Blumenzüchter, ihre Kreationen prämiert zu erhalten, denn das ist wirklich was wert fürs Geschäft, stecken Millionen von Gartelnden, es gibt eine echte Basis fürs Gärtnern. Viele Privatgärten im Land sehen völlig daneben aus, staubiges Gras und dergleichen, ebensoviele Gärten andererseits sind gestaltet oder zumindest finden sich nette Rabatten oder ein Alpinum oder ein Schattengarten. Oder man ist verrückt ist nach Dahlien, Astilben, Krokussen oder sonstigem, ohne auf das Design besonders zu achten. Egal was man macht oder eben nicht macht, das Interesse an allem Wachsenden und dem Zubehör wie Handschuhen, Gummistiefeln oder Landleben ist riesig.

Neben Chelsea gibt es weitere Schauen, regionaler, die es in die regionale Presse schaffen, aber auch extrem populär sind. Tausende von Besuchenden und das jedes Jahr.

Unsere Schau, auf dem Gelände des Herrenhauses Tatton in Ostcheshire ist eine Traditionsschau. Vor ein paar Jahren Besuchende, dieses Jahr als Freiwillige, eine Schicht Stand- bzw. Schuppenbesetzung bei meiner Chefin Carol und ihrem Netzwerk. Dafür komme ich umsonst rein und wir treiben noch eine Freikarte für Klaus auf. Er ist interessiert, sich so etwas mal anzusehen, aber nicht sicher, ob der hohe Eintrittspreis von ca. 32 Euro für einen Nichtgärtner lohnt. Das Netzwerk heißt Flowers from the Farm (Blumen vom Hof) und bewirbt britische Blumen, also nicht vom Holländer eingekaufte. Dahinter steht die Idee, man sucht für eine Hochzeit oder sonstige Gelegenheit auf deren Webseite die Gärtnerei, die einem am nächsten gelegen ist, und nimmt Kontakt auf.

Das Thema des Netzwerks dieses Jahr: Blumenarragements und Kunst. Der Schuppen wird von Tatton gestellt, eine Galerie sponsort die Zusammenarbeit mit einigen Kunsttreibenden. Dazu noch andere Kontakte und Ideen und aus dem Ganzen wird ein Gesamtkunstwerk, in das (inklusive Anstreichen) sehr viel Arbeit geflossen ist. Obwohl auf der Schau so viele schöne, interessante und abgefahrene Sachen zu sehen sind (s.u.), gehört dieser kleine Schuppen zu den meistfotografierten Ständen.

Keine Gartenschau ohne Gummistiefel.

Witzig und phantasievoll: von Schulen gestaltete Gärten:

Gruselig: eine Fliege (oder so etwas) im Floristikzelt der erwachsenen BlumenarrangeurInnen:

Noch ein Schmankerl: Klaus fand Zeit, sich für die begehrte Schmetterlingskuppel anzustellen:

Anders als bei dt. Gartenschauen kann man die Ware hier auch kaufen: also prämierte Züchtungen, Kleidung, auch unprämierte, ganz normale Pflanzen. Die sind dann billiger. Für die Einkäufe werden Plastikcontainer auf Rollen bereit gestellt und eifrig genutzt. Es ist ein schönes Bild, überall nickende Indianernesseln oder Gartenornamente herauslugen zu sehen. Was habe ich besorgt? Nützliches. Topfhalter, und, im Landlebenzelt, Topflappen aus Silikon (endlich) und Senfketchup, den wir mal in einem Restaurant bekommen haben und der uns geschmeckt hatte. Man findet auf einer Schau IMMER etwas.

Ode an Whitby

Oh, Whitby, du Ferienort, du besuchbarer.
Hier schmeckt das Softeis, hier stehen die Abteiruinen großartig auf den Klippen, hier fanden Kapitän Cooks Lehrjahre statt und finden sich die besten Fish & Chips Buden der Insel – und dadurch der Welt.

England ist schön, das sollte angesichts der lustigen (jetzt wirklich lustig im Sinne von lachen) politischen Lage nicht vergessen werden. Zu Recht besuchen viele Englische England in ihren Ferien (so wie viele Deutsche nach Deutschland fahren). Wir picken uns die schönsten Plätze aus, indem Klaus dort ein Schachturnier besucht und ich als Trittbrettfahrerin die Gegend erkunde. Dieses Mal ist es Whitby, Ostküste, für das wir gerne an dieser Stelle Reklame machen.

Whitby liegt geschützt in einem tiefen Einschnitt in der Mündung des Esk. Vorne die Nordsee, hinten das Moorhochland, das heute ein Nationalpark ist. Links und rechts der Steilküste entlang befinden sich nur kleine Fischerorte, heute Bade- und Segelbuchten. Für die abgelegene Lage war hier immer ganz schön viel los. Seit keltischer Zeit sind Siedlungen und Kirchen belegt, die Abtei von Whitby war eines der theologischen Zentren in der Zeit vor 1000, in einer Reihe wie Iona oder Lindisfarne – das Wissen und Denken des Vormittelalters. In der Abtei von Whitby entschied man sich, Ostern auf die römische Tradition zu legen, nach dem ersten Frühlingsvollmond. Solche Fragen fand man damals enorm wichtig, es wurden aber sicher auch wirklich interessante Fragen bedacht, diskutiert und bebetet.

Blick aus dem Pensionsfenster.

Heute, Fischerei (Whitby ist bekannt für hervorragende Fish & Chips, jede Bude und jedes Restaurant haben Auszeichnungen vorzuweisen) und Tourismus. Für eine Strandhütte verlangen sie 30 Pfund am Tag, die Woche kostet 115. Viel oder wenig, das ist die Frage? Man nennt die Hütten Chalets.

Die Abtei war ein Hort des Wissens. Auch ein Hort der Gleichheit? Die Pfarrkirche St. Mary’s, davor gelegen, wurde ebenfalls im Mittelalter errichtet und zwar weil die Abteikirche (Benediktiner) nicht für das gemeine Volk war. Man sah sich wohl nicht als Seelsorgende, sondern hat einen Frater rausgeschickt in das normale Leben.

 199 Stufen bis zur Abtei. Vor der Ruine St. Mary’s.

Geschleift wurde die Abtei natürlich von Heinrich dem 8., dem vieles anzulasten ist, so auch dieses. Der Legende nach hat er dazu die Glocken beschlagnahmt und per Schiff nach London schaffen wollen, um sie zu „versilbern“, doch das aufnehmende Schiff sank bei spiegelglatter See noch vor Whitby. Manchmal hört man sie unter Wasser tönen. Und die Einheimischen haben sich gefreut.

Die 10 Glocken der Pfarrkirche dagegen sind noch da, ich habe sie am Sonntag mitläuten dürfen.

Nicht unsere Pension bewachen diese silbernen Löwen, machen sich aber gut.

Der traurigste Anblick der Stadt? An der Fenstertheke eines Cafés auf einen Cappuchino wartend, einen Obdachlosen beobachtend. Der bleibt ein paar Meter weiter länger stehen, bis er denkt, niemand guckt, dann bückt er sich und schiebt sich das große Stück Quichekruste, die dort liegt, in den Mund und geht weiter, gierig kauend.

Ein Pirat geht auch vorbei, in der Hand entweder ein kleines schwarze Etwas, entweder ist es ein elektronisches Megaphon oder ein schwarzer Thermosbecher.

Was kann man hier machen? Auf der Steilküste wandern, sogar baden, essen, Eis essen, einkaufen, an Spieleautomaten gehen, Minigolf spielen, auf den kleinen Leuchtturm steigen, eine kleine Bootsfahrt mit einer verkleinerten Replika von Kapitän Cooks Schiff machen (halbe Stunde und mit Bonus: ein Delphin unbekannter Art zeigt sich).

Berühmt ist Whitby für Jet- oder Gagalschmuck, das ist ein glänzender Kohlestein, also festes Erdöl, wenn man so will. Sieht gut aus, ist aber leider teuer. Als Mitbringsel müssen die schönen Erinnerungen genügen.

Whitby unsichtbar in seiner geschützten Flussmündung. Von ferne sieht man nur die Abteiruine als Schattenriss über dem Kliff stehen. Von der Steilküste aus erlauben die Bachläufe  den Zugang zu geschützten Buchten.

Die Möwen sind noch nicht falsch erzogen. Man kann seine Fish & Chips essen, man wird dabei auch beobachtet, doch die Möwen warten auf die Reste, sie greifen nicht ins Menü ein.

Das 40% Segelschiff (heute voll motorisiert) für die Cook-Ausfahrt.

 

 

Antn TV

Nachdem es in Bayern in bestimmten Gegenden das IGEL-TV gibt (Igelfutter in Sichtweite eines Fensters rausstellen und bei Dämmerung auf die Igel warten. Wenn dann ein oder mehrere Igel auftauchen, beobachten groß und klein mit großem Vergnügen die Igel beim Schnaufen = Fauchen und Fressen.), nun auch in Tattenhall echte Tiere im Garten. Es sind Antn.

Sie waren einfach da. Antn, das sind auf Hochdeutsch Enten, Englisch Ducks (daks). Gleicher Name wie ein gewisser Dagobert Duck aus Enten !! hausen. Damals wussten wir nicht einmal, dass Duck (wir sagten natürlich auf deutsche Weise duk) Ente auf Englisch heißt.

Eine Mutter mit 9 Küken (Piwal auf Bayrisch) kam durch irgendeine Lücke, den eigentlich ist der Garten vollständig von Zäunen und Gebäuden eingekreist, es gibt nicht einmal eine Gartentür ins Freie.

Einen ganzen Tag lang führte Mama Ente ihre Schar von einer Ecke des kleinen Gartens in die andere. Und das geht so: die Piwal zerstreuen sich und üben Fressen und Überleben. Alle 10 Minuten ruft die Ente und alle Neune kuscheln sich unter die Mutter, auch die letzten, frechsten, die aberteuerlustigsten, die noch ein paar Sekunden weiter die Welt erkunden. Unter der Mutter ist nichts mehr zu sehen, kein Schwänzchen. Nach einigen Minuten Nickerchen tauchen die Kleinen wieder auf und folgen ins nächste Fressrevier.

Sehr aufregend, allerdings auch: hoffentlich finden sie wieder von alleine hinaus (taten sie). Sie waren nicht scheu und als ich die Garagenseitentür offenließ, sind sie alle hineingewatschelt. Dort konnten sie nicht bleiben. Ich begleitete sie hinaus und wurde für meine Mühe von Mama angefaucht. Sie streckt dazu ihren Hals seitwärts und zischt. Nicht so furchteinflößend wie eine Gans, doch im selben Stil. Zum Dank ließ sie ein Häufchen Entenkacke in der Garage zurück.

In der Nähe gibt es Weiher und einen Bach. Sie haben sicher dorthin gefunden.

Voller Gedanken

Klaus philosphiert:

Bei der Geburt eines Briten (gemeint immer auch die Britin) war ich noch nie anwesend. Ich weiß trotzdem, wie’s zugeht. Den Klapps auf den Hintern, um die Lungenatmung zu aktivieren, beantwortet der Brite nicht mit einem Schrei, sondern mit einem trockenen, anscheinend bereits eingeübten „Sorry!“. Er hat dieses Wort, das ihn sein ganzes Leben begleiten wird, nicht etwa mit der Muttermilch eingesogen – wie denn auch? -, sondern bereits durch die Plazenta. Meint er etwa „Entschuldigen Sie, das ich geboren bin“? Mitnichten. Vielmehr schaut er sich im Kreißsaal um, bemerkt, dass er in ein kinderreiches Land geboren wurde, und schließt messerscharf wie auch korrekt: „Aha, hier geht’s familienfreundlich zu. Ich werde in einer Horde leben, wo es eben unausweichlich ist, dass man sich gegenseitig auf die Füße tritt. Ein ‚Sorry“ kann da nie schaden.“

Der Brite also kommt mit seinem wichtigsten Überlebensinstrument auf die Welt. Es hilft ja auch anderswo, wo es ebenfalls tausendfach benötigt wird. Auf Schritt und Tritt hört oder liest man: „ …, sorry for any inconvenience.“ Wörtlich: „Entschuldigen Sie eventuelle Unannehmlichkeiten.“ Vorangegangen ist die Information, dass ein Gerät, eine Website oder Ähnliches nicht funktioniert oder der Laden, der eigentlich geöffnet sein sollte, geschlossen ist. Es mag ja Völker geben, die sich in solchen Fällen ebenfalls entschuldigen. Doch dort kann man den Eindruck haben, dem Bedauern folge eine Aktivität, die Ursache der Unannehmlichkeit zu beheben. Nicht so der Brite! Ihm dient das „Sorry“ als Fundament seines entspannten Daseins.

Die zweite Perle im Wortschatz des Briten ist – auch bereits im Geburtsvorgang routiniert vorgetragen – der Ausruf „Amazing“. Das heißt soviel wie „(Das ist) erstaunlich, unglaublich“ und wird stets in zustimmender Bedeutung gebraucht. Es ist allerdings noch nicht letztlich geklärt, ob die bewundernde Zustimmung dem gerade wahrgenommenen Objekt gilt oder doch eher dem Ausrufer selbst.

In jüngster Vergangenheit war ich mehrmals Zeuge von Ereignissen, die den Schluss nahelegen, das Zweitgenannte sei zutreffend. Allerdings war es im Falle der „Queen’s Speech“ (= Verlesung der Regierungserklärung der neuen alten Premierministerin May durch die Königin) und der Veranstaltung „Royal Ascot“ (Pferderennen) nur eine Zeugenschaft via TV. Zur Live-Teilnahme an ersterem Ereignis bin ich einfach nicht prominent genug. Für den Eintritt zum zweiten fehlt es mir am nötigen Kleingeld und dem passenden Outfit: Alle Herren mit Zylinder. Und die Damen? Ja, mein Gott, wer schaut denn auf die armen Pferde, wenn jeden weiblichen Kopf eine – na was denn? – erstaunliche Hutkreation ziert? Amazing. Bleibt am Ende nur die Frage, wer in Ascot mehr Geld verdient: ein Siegerpferd (bis zu einer Million Pfund Sterling), die Buch- oder die Hutmacher?

Was nun die Rede der Königin betrifft, ist es zunächst einmal – nein, nicht amazing, sondern: – befremdlich, dass diese arme Frau gezwungen wird, in aller Öffentlichkeit einen Text vorzutragen, dessen Inhalt sie möglicherweise für Blech hält. (Als Kind, auch als diese Dame Bonn besuchte und ich ihr, der damals jung-Schönen, huldigen durfte, schulfrei den Union Jack schwenkend, da hatte ich eine andere Vorstellung vom Königin-sein.) Wahrscheinlich fragte sich niemand der vielen involvierten Zeremonienmeister, was die Königin von Frau Mays Regierungserklärung hält. Sie waren zu sehr damit beschäftigt, den tiefen Ernst der Angelegenheit zu präsentieren. Man kann ja nicht einfach die Thron-Insignien – etwa die Krone (die die Königin übrigens nicht aufsetzt, sondern lediglich neben sich plazieren lässt) – untern Arm klemmen und damit ins Oberhaus (House of Lords) spazieren, wo die Erklärung verlesen wurde. Man hält sie würdevoll vor sich hin. Dabei geht man nicht. Man schreitet. Doch das Schreiten will nicht so recht gelingen. Es ist nur ein gebremstes, ja gehemmtes, äußerst steifes Sich-vorwärtsbewegen. Es ist unglaublich – aber diesmal im Sinne von „unvorstellbar“ (not amazing, but unimaginable) –, dass ein Lord der Königin die Krone tanzend bringt – wie vor etwa 3000 Jahren König David tanzte, als er die Bundeslade heimbrachte, immerhin mehr als ein königliches Insigne, nämlich ein göttliches. Das war übrigens in Palästina, wo später unter britischem Protektorat gar nicht mehr so lustig getanzt wurde.

Es hat ja etwas Sympathie-heischendes, wenn es den Briten nicht wirklich überzeugend gelingt, den Ernst einer Zeremonie anders als verkrampft darzustellen. Vielleicht ist der Wunsch nach der Entspanntheit des „Sorry for any inconvenience“ selbst bis in höchste Kreise vorgedrungen (offensichtlich ja: „Brexit, klar, zieh’n wir durch, sorry for any inconvenience“). Im Volk jedenfalls ist er unübersehbar. So etwa bei einem weiteren Ereignis, diesmal einem, bei dem ich live zugegen war: dem „Bolesworth International“.

Bolesworth ist das Schloss, das über unserm Dorf Tattenhall thront und von der Familie Barbour bewohnt wird, die wiederum das Land um Tattenhall herum beherrscht. Allein in Form von allgegenwärtigen Fahrzeugen mit der Aufschrift „Bolesworth“ wird der Untertan stetig an die Präsenz des Landeigners erinnert. In einem jedoch unterscheidet sich Bolesworth von Kafkas Schloss: Bolesworth bietet Brot und Spiele für das Volk. Eines dieser Spiele ist eben „Bolesworth International“, ein sich über vier Tage erstreckendes Springreit-Turnier im Schlossareal mit preisreduziertem Zutritt für die unmittelbaren Untertanen, die im Blickfeld des Schlosses leben – also auch für mich.

Auf solcherart Festen wird dann offensichtlich, was der Brite schon vom ersten Moment außerhalb des Mutterleibs weiß: Es wird ein Leben in der Horde. Besonders an Wochenenden sieht man den Auftritt unzähliger Drei-Generationen-Horden. Im Falle „Bolesworth International“ lagerten sie auf ausgebreiteten Decken picknickend rund um die beiden Reitparcours und pflegten dort das entspannte Leben. Das fand überall auf dem Gelände statt: unzählige Attraktionen für Kinder, eine Reptilien-Schau, Wassersport auf dem Schlossgraben und ein paar durch die Luft fliegende Motorräder, um nur einiges zu nennen.

Überall? Nein. Auf zwei Inseln innerhalb des Halligalli war Schluss mit Lustig. Hier sah man Reiter und Pferd in voll angespannter Konzentration bei dem Versuch, Hindernisse erfolgreich zu überspringen. Ich habe es stundenlang genossen, die Kommunikation zwischen Reiter und Pferd zu beobachten. Ganz nebenbei war dies auch das eindrucksvolle (amazing) Erlebnis, dem Briten dabei zuzuschauen, wenn er die Fährnisse des Lebens wirklich ernst nimmt, ohne sich auf sein „Sorry“ zu verlassen: nämlich im Sport.

Ein Pferd steht wieder auf und ein Pfingstfeuer ganz eigener Art

Das Pferd. Freitag vor Pfingsten besuchte ich (Klaus, heute mal wieder Gastautor auf diesem Blog) das Halbfinale eines Poloturniers im Innenraum der Pferderennbahn Chester. Eintritt frei. Es ist faszinierend, wie plötzlich aus einem Pferde/Reiter-Pulk der Ball – sagen wir mal – 50 Meter in Richtung auf eines der beiden Tore geschossen wird. Dann lösen sich zwei Reiter, ein Angreifer und ein Verteidiger aus dem Pulk und rasen dem Ball hinterher, während die übrigen Spieler im Abstand folgen. Es ist natürlich spannend, wer von beiden den Ball zuerst erreicht und ob er ihn mit seinem Schläger gut trifft. Dabei hat es der Angreifer leichter, weil er den Ball in Laufrichtung, also auf das Tor zu, schlägt. Der Verteidiger treibt sein Pferd zwar ebenfalls auf dieses Tor zu, muss aber gegen die Laufrichtung den Ball nach hinten schlagen (oder ins Aus). Diese Duelle anzuschauen macht Freude.

An diesem Tag hatte es in Chester geregnet. Das Geläuf war glitschig. So kam es zum Sturz eines Pferd/Reiter-Paares. Während der Reiter noch lange am Boden liegen blieb, trabte das Pferd schon wieder munter durch die Arena, vom Stadionsprecher mit den Worten kommentiert: „The pony is fine.“ („Das Pferd ist unverletzt.“) Kein Wort zunächst über den am Boden liegenden Reiter. Wundert das? Ist das britische Pferdeliebe? Eine Antwort findet sich bei der Poloregel-Beschreibung auf der deutschen Wikipedia-Seite: „Der Schutz der Pferde ist die oberste Maxime des Regelwerks (… ), und jede mögliche Gefährdung eines Tieres führt zur sofortigen Unterbrechung des Spiels (hingegen geht bei Sturz eines Spielers, wenn es nach Ansicht des Schiedsrichters kein schwerer Sturz war, das Spiel weiter).“ Da also in diesem Fall „das Pony fine“ aus der Sache herausgekommen war und auch der Reiter irgendwann wieder auf seinen Füßen stand, wurde das Spiel zuende gespielt.

In der dann folgenden Pause vor dem zweiten angesetzten Spiel drängte eine Anzahl Zuschauer auf das Geläuf, um – zumeist gestiefelt – die Löcher im Rasen einzuebnen. Die weitaus größere Anzahl – ich will nicht sagen „Zuschauer“, sondern „abwesend Anwesende“ – beteiligte sich allerdings nicht an der Rasenpflege, sondern sprach weiterhin dem Champagner zu.


Das Pfingstfeuer. Am Pfingstsonntag war das Wetter dem Radlfahrer günstig, und so wählte ich für die Fahrt zum römisch-katholischen Gottesdienst in Chester weder Auto noch Motorroller, sondern der Sportlichkeit wegen das Fahrrad. Alles war wunderschön – zumindest solange, bis ich in einen Kreisverkehr einbog, um auf eine Straße durch ein Wohngebiet Richtung Innenstadt zu gelangen. Ich war bereits innerhalb des Kreisverkehrs und hatte also Vorfahrt. Das interessierte eine Gruppe Radrennfahrer, die diesen Kreisverkehr ebenfalls passierten, allerdings die Bohne nicht. Ich überlebte, ziemlich angesäuert. Zu allem Unglück fuhren diese Irren – ihr Herankommen von hinten nahm schier kein Ende – die gleiche Straße wie ich Richtung Innenstadt. Dass sie mir beim Überholen nicht meinen Rückspiegel wegrasiert haben, so dicht fuhren sie an mir vorbei, ist ein Wunder. Ich überlebte, schon mehr als angesäuert, richtig (Entschuldigung:) angepisst.

Aber dann, ja dann, kam die Entschädigung! Als nämlich diese Straße in die Hauptstraße zur Innenstadt überging, war plötzlich ein ganzer Fahrstreifen abgesperrt und für die Radfahrer reserviert. Normalerweise fahre ich dieses letzte Stück zur Kirche auf dem wenig frequentierten Bürgersteig, weil die vier Spuren der Hauptstraße extrem eng sind. Heute allerdings hatte ich eine Spur zwar nicht für mich alleine, war jedoch Auto-verschont. Dieser Genuss fand noch seine Steigerung. Denn am Straßenrand standen Menschen, die mit Kuhglocken bimmelten, mir, ja mir(!), applaudierten und mich anfeuerten. Ich war mir der besonderen Zuschauergunst zweifelsfrei sicher. Denn während alle anderen Radler mit den denkbar scheußlichsten Radfahr-Funktions-Designer-Klamotten auf ihren sündhaft teuren schmalstbereiften Renn-Vehikeln daherbrausten, kam ich mit normaler Straßenbekleidung auf einem schon in die Jahre gekommenen Touren-Rad dahergedümpelt. Das erwärmt auch des eifrigsten Radrennsport-Fans Herz.

Das war mein persönliches Pfingstfest: Angefeuert (Feuer, sic!) zu werden auf dem Weg zum Gottesdienst!

 

Mein erster Quarter-Peal

Für Uneingeweihte mag das nach „mein erster Porsche“ oder „mein schönstes Ferienerlebnis“ klingen, doch regelmäßige Lesende der UKPOST ahnen sicher, es handelt sich wieder um das gute alte Glockenläuten im anglikanischen Stil.

Um besser zu werden und weil es interessant ist, läute ich, wo und so oft ich kann (sie mich lassen;-)). Seit einigen Monaten auch in der Kathedrale von Chester. Da der Turm der Kathedrale selbst nicht gerade baufällig ist, jedoch die beträchtlichen Vibrationen, die die tonnenschweren Glocken beim Läuten erzeugen, nicht mehr verträgt, gibt es außerhalb einen kleinen Turm, in dem die 12 Glocken der Kathedrale hängen. Dieser Turm ist aus den 70er Jahren, wie zu erwarten ist es also kein schöner Bau, sondern ein überdimensioniertes Vogelhäuschen aus Beton. Doch die Glocken sind gut in der Hand- (Seil-) habung. Der Turmkapitän nun, Paul mit Namen, fordert Leute gerne über ihre Grenzen hinaus und so wurde ich, die keine Ahnung von gar nichts hat, aufgefordert, einen Quarter-Peal (einen Viertel Geläut) mitzumachen. Das hat mich wirklich herausgefordert, so weit fühlte ich mich noch nicht in meiner Lernkurve. Doch was hat er eigentlich damit gemeint?

Zur Theorie

Glockenläuten funktioniert so: am Anfang steht die Runde. Also bei 6 Glocken 1, 2, 3, 4, 5, 6, die mit dem höchsten Ton fängt an, die tiefste schließt die Runde und anschließend geht wieder von vorne los. Eine Angelegenheit von ein paar Sekunden. Um Leben in die Sache zu bringen, gibt es „Kompositionen“, nur heißen die beim Läuten „Methoden“. Einzige Regel für die Methoden: eine Glocke kann ihre Position nur um eine Stelle pro Runde verändern, nicht 2 oder 3 Stellen auf einmal. D.h. nach 1,2,3,4,5,6 ist z.B. 1,3,2,5,4,6 möglich, nicht aber sofort 3,1,4,5,2,6. Um Letzteres zu erreichen bedarf es mehrerer Runden. Ist wie mit dem Rubiks Cube Dingens, den löst man auch nicht mit einem Dreh.

Diese Glocken-Methoden können sehr lange werden, wie viele Möglichkeiten es theoretisch gibt, zeigt mathematische Statistik. Denn es gibt keine Wiederholungen!!

Ausschnitt aus einer Läutekammer. Die Glocken befinden sich über der Decke, sind also unsichtbar. Wenn man im selben Raum wie die Glocken läuten würde, wäre man bald taub, das ist viel zu laut. Wie weiß man nun, wo die Mitspielenden mit ihren Glocken gerade sind? Indem man die Sallies beobachtet. Im Bild die gestreiften Puschel, das sind die Sallies, an denen zieht man, um die Glocke zu läuten. Wenn eine Glocke in einer Position vor einem ist, ist die Sally in dem Moment in paar Zentimeter weiter unten, den der/die Spielende hat etwas früher angefangen, daran zu ziehen. Schwierig zu erklären, ergibt aber Sinn.

In diesem Fall

Eine der grundlegenden Methoden, die man mit als erstes lernt, wenn man eine Glocke managen kann, wird mit 5 Glocken geläutet und heißt Bob Doubles. Man muss sich das wie eine Melodie vorstellen. Durch Variationen, die bestimmten Gesetzmäßigkeiten unterliegen (wir sind hier im Vergleich entweder bei Bachs Goldberg-Variationen oder im Jazz) kann diese Grundmelodie ins fast Unendliche verlängert werden. Die Variationen werden durch Rufe angekündigt. Das ist nur ein Wort (normalerweise „Bob“). Die Spieler wissen dann, wo sie gerade sind – hoffentlich – und wie sie sich deshalb weiters verhalten müssen.

Wenn man einen ganzen „Peal“ mit 5 Glocken erreichen will, dauert er 5040 Änderungen (in der Reihenfolge, in der die Glocken geläutet werden). Ein Viertel-Peal logischerweise 1260. Das dauert um die 40 Minuten! Also anstatt einer Sinfonie läutet man nur einen Satz einer Sinfonie.

Zwei Besonderheiten in dieser Methode: die Glocke Nr. 6 kann gerne mitläuten, hat aber keine Funktion als die, ständig an letzter Stelle je Runde zu erklingen. Es ist angenehmer, eine 6 dabeizuhaben, man kann sich an dem tiefen Ton ein bisschen orientieren. Sich an allen Tönen der Glocken zu orientieren, also audio, schaffen nur wirklich musikalische Leute.
Zweite Besonderheit und da kam ich ins Spiel: die Glocke Nr. 1 macht weniger komplizierte Dinge als 2,3,4,5. Sie tauscht ihre Stellung in der Runde immer in demselben Muster, egal was die anderen tun. Sie geht von Stelle Nr. 1 zu Nr. 2, zu Nr. 3, 4, 5, bleibt einen Schlag länger an fünfter Position (also „hinten“) und geht dann wieder nach vorne. So dass das Schlagmuster der 1 so aussieht: 1,1,2,3,4,5,5,4,3,2,1,1. Und wieder die 2 und so weiter, über 40 Minuten lang. Das kann man durch Zählen ganz gut hinkriegen. Zusätzlich hilft bei der Orientierung, dass man etwas langsamer läutet, wenn man „nach hinten“ geht, sich also überholen lässt, etwas schneller, wenn man da bleibt, wo man ist (die 1,1 und 5,5) und noch etwas schneller am Seil zieht, wenn man sich in der Reihenfolge wieder nach vorne drängelt.

Weiters hilft, wenn man weiß, welcher anderen Glocke, also 2,3,4 oder 5 man gerade in dem Moment für einen Schlag folgt. Das geht nach Augenschein, siehe Erklärung zur Sally oben, ist aber schwierig, denn hier kommen die Variationen ins Spiel: die Glocken 2-5 verändern ihre Reihenfolge ständig, sonst würde man nicht 1260 VERSCHIEDENE Variationen hinbekommen. Wenn man das ganze „Stück“ in- und auswendig kennt, weiß man, wie man sich verhalten muss. Um beim Bild der Musik zu bleiben, man könnte bei einem Stück sowohl die Geige als auch die Flöte spielen. Wenn man da unsicher ist und eigentlich nur die Triangel spielen kann, so wie ich, ist es hilfreich, wenn alle anderen Mitspielenden einen im Auge behalten und zunicken und zurufen, wenn es droht, unrund zu werden.

Das ist wie Souflieren und das wurde bei mir sehr viel gemacht, damit ich nicht zu nervös werde und einfach reingrätsche. Ich habe es versucht und war erfolgreich. 44 Minuten lang habe ich eine Glocke an der richtigen Stelle erklingen lassen. Ich wusste also, wo ich in der Reihenfolge jeweils war. Oft wusste ich zwar nicht, welcher Glocke ich gerade folgte, mein Gehirn hat diese Informationen nicht immer schnell genug verarbeitet. Wie beim Memory. Man denkt, die Kirschen liegen unter dieser Karte, doch das Kurzzeitgedächtnis trügt, die Kirschen befinden sich unter der Karte davor oder dahinter.

Alles klar? Wahrscheinlich nicht, doch es geht nicht ums Detail. Es geht mir darum, was alles so dahinter steckt, hinter dieser Kunstform. Es ist manchmal einfacher, es einfach zu tun als es zu erklären.

44 Minuten sind eine lange Zeit und wisst ihr was? Diese 44 Minuten waren eine schöne Zeit. Ich hatte dennoch nichts dagegen, als der Ruf erklang: That is all. (Das ist alles)

Über die grüne Grenze

Aus der Reihe Reisen in Großbritannien. Heute: Ein Wochenende in Glasgow.

Wie oft würde man von einem deutschen Schaffner die verwunderte Antwort erhalten: „Aber wir haben doch nur 6 Minuten Verspätung“, wenn man nachfrägt, ob man sich wegen lediglich 10 Minuten Umsteigezeit Sorgen machen muss. Die deutschen SchaffnerInnen sind pessimistischer, was die Akkumulation von Verspätungen betrifft. Unser Schaffner behielt Recht, alles wurde gut, es blieb bei den 6 Minuten und wir sind pünktlich ans Ziel gekommen. Man sage noch einmal, die Britischen seien pessimistisch (okay, normalerweise sind sie es schon).

Nach vier Jahren England endlich einmal nach Schottland. Glasgow ist, mit 600.000 Einwohnenden, dort die zweitgrößte Stadt. Im Großraum leben sogar 2,8 Millionen Leute, ganz schön viele. Und auf dem Weg dahin leben viele viele Schafe.

Wir fahren fast vier Stunden nach Norden, das Licht verändert sich, die Sonne steht tiefer am Himmel und es noch länger hell als in Tattenhall. Dadurch verwirrt sich die Tageszeitorientierung, jedenfalls bei mir: so schräge Strahlen und doch noch hell/noch so früh/so spät?

   

Unser Hotel befindet sich direkt am stilvollen, über 100 Jahre alten Zentralbahnhof. Das Hotel ist einfach, doch mit Jugendstilelementen, preiswert, sauber und mit super Frühstück; die Bahnhofsumgebung ist einfach, ohne Jugendstilelemente, mehr mit Billigläden und Baustellen. Doch der Fluss (Clyde) ist nur 5 Minuten entfernt, und die stolze Innenstadt mit alter Börse, Hauptplatz, Einkaufspassagen (und ja, Jugendstilelementen) auch nur 5 Minuten.

Glasgow war einmal Britanniens zweitwichtigster Wirtschaftsstandort, nach London natürlich. Daher rühren die großen, wir würden sagen, Gründerzeitbauten. Seitdem ist weitergebaut worden, sieht im Mix gar nicht schlecht aus. Es ist deutlich eine Großstadt, unverstellt, schnörkellos, geschäftig.

Die Zierkirschen blühen, der Wind ist frisch, doch wir haben die Tage über 50 % Sonne. Unseren Besuch gehen wir mit der üblichen Mischung aus wenig Vorplanung, etwas Planung vor Ort und viel kümme-losse (Kölsch für Spontaneität) an. Da man eh nicht alles sehen kann, erwandern wir lieber und lassen auf uns zukommen.

Hat sich bewährt und macht nicht so viel Arbeit.


Samstag Morgen geht es in die Vorstadt. Wir statten einem Fernsehstar einen Besuch ab, der unschlagbaren Anita Manning. Als Pionierin ihrer Zunft hat sie sich mit ihrem in den 80ern gegründeten Auktionshaus in der bis dahin Männerdomäne durchgesetzt.

Bekannt ist sie als Expertin in Antiksendungen; dazu berät sie KandidatInnen in der beliebten Serie „Bargain Hunt“, was Schnäppchenjagd bedeutet. In der Sendung haben zwei Zweierteams eine Stunde Zeit, drei Gegenstände auf einem Antikmarkt zu finden. Diese später bei einer Auktion mit Gewinn (oder weniger Verlust als das andere Team, das ist der Regelfall, Gewinne sind selten) zu verkaufen, ist das Ziel des Spiels. Zu diesem Stöbern im Antikmarkt wird ihnen ein Experte oder eine Expertin zur Seite gestellt. Dem zuzusehen macht enormen Spaß und hat einen hohen Bildungswert, denn man erfährt viel über Porzellan, Holz oder Glas und Gegenstände, die mal zu etwas nutze waren, heute jedoch Rätsel aufgeben, wofür sie wohl gut gewesen sind. Weil die Welt sich so gewandelt hat.
Auktionsräume sind meist einfache Lagerhallen, vollgestopft mit Gütern, die billigen Sachen als gemischte Lose in Kartons, die besseren Sachen einzeln in Vitrinen. Vieles kommt sicher aus Haushaltsauflösungen. Die Kundschaft, sofern sie anwesend ist und nicht abwesend bietet, das geht schriftlich, am Internet oder am Telefon, sitzt manchmal sogar auf den Exponaten, die einem also unter dem Hintern weggekauft werden können. So eng kann es gehen. Mannings Haus ist keine Ausnahme, der Raum ist nur etwas netter als der Durchschnitt und hat eine Balkendecke. Anita selbst, man spricht hier Leute einfach mit Vornamen an, ist eine maximal 150m große Glasgowerin mit dem reizenden lokalen Akzent und mit charakteristischem nach außen gedrehtem schwarzen Pagenschnitt. Sie kommt immer besonders gut rüber. Wir sind beide Fans und schauen einfach mal bei einer der wöchentlichen Auktionen rein. Und haben Glück, sie ist nicht auf Reisen, sondern steht selbst hinter dem Pult. Es ist wirklich so vor dem Bildschirm, richtig nett. Leider sind bei den heute angebotenen Gegenständen keine dabei, auf die es sich für uns zu bieten lohnen würde (entweder zu groß oder zu teuer oder hässlich), deshalb sind wir wirklich nur zum Schauen hier und Autogrammjagende sind wir eh nicht. Und Selfi-Jagende schon gar nicht.

Also zurück in die Innenstadt. Wir gehen zu Fuß, dann sieht man noch mehr als mit dem Bus. Meist geht es am Fluß entlang, wir passieren Industriegebiete, neue Hafenwohngebiete (wie in Köln) und sehen uns das große Segelschiff (ein ehemaliges Frachtschiff, in Glasgow gebaut) am Riversidemuseum an.

Das Riversidemuseum. Dahinter sieht man die Mastspitzen des Segelschiffs.

Die Takelage.

Galionsfigur

Hier hat der Kapitän gebadet.

Das Riversidemuseum ist ein Transportmuseum. Da es keinen Eintritt kostet, werfen wir noch einen Blick hinein und kommen so schnell nicht wieder heraus, denn es ist sehr gut gemacht. Nicht nur bietet es Hunderte von originalen Autos, Motorrädern, Trambahnen, Eisenbahnen, Spielzeug und U-Bahnen, sondern auch Straßen, die den Zeiten, in denen die Fuhrwerke fuhrwerkten und die Straßenbahnen fuhren, nachempfunden sind. Es gibt epochentypische Geschäfte und U-Bahn-Eingängen. Besonders interessant ist eine „Fahrt“ in einer Glasgower U-Bahn anno 1940. Man setzt sich in den Originalwagen, in einer und im vorderen Wagenteil läuft ein Film ab, als würde man 1940 mitfahren. Die Leute in dem Film unterhalten sich über das Weltgeschehen (nun, es ist Krieg), die Wirtschaftslage und die Nachbarschaft und bei jeder Haltestelle, bei der die U-Bahn auch real ruckelt, steigen neue Menschen aus und ein und eine neue Unterhaltung beginnt.

Ein Tuk-Tuk oder so etwas haben sie auch.


Noch mehr Antikes: ich kaufe in einem Antikcenter eine einfache Lupe mit Metalleinfassung und Holzgriff, über 100 Jahre alt. Die 10 Pfund, die sie kostet, sind gut angelegt. a) hat eine alte Lupe mehr Charakter als ein neues Vergrößerungsglas mit Plastikgriff und b) wird es höchste Zeit, dass ich strategisch Sehhilfen im Haus plaziere, für das Kleingedruckte und Handarbeiten.


Der Sonntag sieht uns in einer katholischen Kirche eine gute Predigt anhören. Wir sprechen hinterher noch mit den Mönchen, die offenbar die Pfarrei leiten, über ihre Kongregation. Sie heißen Passionisten und sind auch in Deutschland aktiv.
Wir bleiben beim Thema der letzten Fragen und besuchen im Umkreis die anglikanische Kathedrale, den großen Friedhof, der tatsächlich Nekropole genannt wird, und das Museum für religiöse Fragen, wo sich eine komplett vorurteilsfreie Ausstellung mit Engeln in Kunst und populärer Vorstellung beschäftigt.

Die anglikanische Kathedrale ist verhältnismäßig klein (schwieriges Licht für einen Knipser übrigens). Schottland war zur Zeit von Heinrich VIII, Zeit der anglikanischen Abkehr von Rom, unabhängig und entschloss sich erst 1660 mittels einer Verabschiedung im Parlament für kirchliche Unabhängigkeit. Die traditionelle schottische Kirche ist presbyterianisch, also kalvinistisch. Anglikanismus kam erst später von Süden her dazu.

Dies ist wirklich eine TotenSTADT.

Blick über die Stadt der Lebenden.

Deutlich weniger Engel als auf anglikanischen Friedhöfen und diese sind spät und mehr Bewacher als Trauernde. Stattdessen mehr  keltische Knotenmuster.

Auf dem Rückweg noch in die moderne Kunsthalle und in das Leuchthaus, ein Architekturmuseum. Die Museen sind meistens frei zugänglich, das verringert die Hemmschwelle, einzutreten und wenn man etwas für sich findet, bleibt man halt etwas länger. Wenn das kein Programm ist!


Etwas fehlt noch:

Unser Hotel heißt Rennie Macintosh Hotel, und das mit Grund, denn jener ist ein berühmter Sohn der Stadt. Ich sage mal Art Nouveau, Jugendstil, so in der Art. Er hat die Sezessionisten in Wien beeinflusst und einige seiner Gebäude, er war von Haus aus Architekt, stehen in Schottland. Außer Häusern hat er Dutzende von Stühlen entworfen. Vieles ist wie strenger Jugendstil, gerade Linien gemischt mit etwas Floralität, geht schon Richtung Art Deco der 20er und 30er hin. Ziemlich maskulin. Den Montag morgen nutzen wir zu einem Spaziergang zu der einzigen Kirche, die er entworfen hat:

Kirche von Charles Rennie MacIntosh.

Detail in der Sakristeitür und Repliken von einigen seiner Stühle. Stilvoll auf jeden Fall, ob sie bequem sind, ist unbekannt.