Im Krankenhaus

Countess of Chester Hospital
Weitere Erfahrungen mit dem NHS

(Hier schreibt Klaus.) Am 15. Januar veröffentlichte Barbara in diesem Blog neben konkreter Erfahrung einer Zahnbehandlung einige Bemerkungen zum NHS (National Health Service), dem staatlichen, steuerfinanzierten Gesundheitssystem Großbritanniens (GB). Hat man ein Gesundheitsproblem, geht man in die örtliche Ambulanz (= Praxis), in der angestellte Ärzte und, für bestimmte Verrichtungen, nicht-ärztliche Kräfte arbeiten.

Wenn für GB von fast ausschließlich angestellten Ärzten die Rede ist, so sind diese nicht immer direkt vom NHS angestellt. Es ist auch möglich, dass eine örtliche NHS-Ambulanz wie die Praxis eines deutschen niedergelassenen Arztes als wirtschaftlich unabhängiges Unternehmen von einem Arzt geführt wird, der wiederum weitere Ärzte einstellt. Obwohl wirtschaftlich unabhängig, sind diese Ambulanzen durch Verträge an den NHS gebunden und damit in ihrer medizinischen Freiheit eingeschränkt. Der niedergelassene Arzt in Deutschland ist in seinem ärztlichen Handeln wesentlich freier, weil nur durch Ethos, Gesetz und Ärztekammer gebunden.

Deshalb ist es in Deutschland unmöglich, die freien Ärzte darauf zu verpflichten, entsprechend von Behandlungsrichtlinien zu agieren. (Behandlungsrichtlinien sind wissenschaftlich fundierte, auf Erfahrung beruhende Vorgaben für bestimmte Erkrankungen, wie Diagnostik und Therapie idealerweise zu verlaufen haben.) Dies scheint im britischen NHS-System gänzlich anders zu sein. Dieser Eindruck stellte sich bei mir ein, als ich jüngst mit einem ernsthaften Krankheitsverdacht die örtliche Ambulanz aufsuchte. Da die Tattenhaller Ambulanz wie wahrscheinlich die meisten kaum über Technik verfügt, wurde ich zur Ultraschalluntersuchung in die Krankenhaus-Ambulanz überwiesen, ins Countess of Chester Hospital. Während es also in Deutschland jedem niedergelassenem Arzt freisteht, seine Praxis mit Technik bis hin zu den teuersten Apparaturen wie CT-Scanner auszustatten, scheinen in GB diese Investitionen auf bestimmte Schwerpunkte konzentriert zu sein, was volkswirtschaftlich sicherlich sinnvoller ist (sofern diese Schwerpunkte die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen in der Lage sind).

Im Krankenhaus angekommen, wurde ich nicht etwa einer Ärztin oder einem Arzt vorgestellt, sondern einer für meine Symptomatik zuständigen „Krankenschwester“ (mit – wie sie sagte – neunjähriger Erfahrung auf diesem Gebiet). Nach der Ultraschalluntersuchung besprach diese „Krankenschwester“ das Ergebnis und das weitere diagnostische und therapeutische Vorgehen mit ihrem „Consultant“. Das ist jemand – Arzt oder nicht? – eine Verantwortungsstufe über ihr, die/der den Patienten gar nicht selbst sieht, sondern nur den Bericht erhält. Ihre/seine Anweisung war die Überweisung in eine andere Krankenhaus-Abteilung – immer noch im ambulanten Bereich. Auch hier wiederholte sich das Vorgehen: Untersuchung (diesmal EKG, Röntgen plus CT-Scan), Ergebnisbesprechung mit dem Consultant und anschließende stationäre Einweisung, nach der ich zum erstenmal in diesem Krankenhaus mit einem Arzt in Kontakt kam.

Chester Hospital, Haupteingang, Foto von Ian Cooper

Mein Eindruck ist: Es gibt (für die gängigen Krankheitsbilder?) im NHS klare Behandlungsrichtlinien, die streng befolgt werden – und zwar im Sinne eines Eskalations-Systems. (Eskalation: der jeweiligen Notwendigkeit angepasste allmähliche Steigerung der Mittel).

Je ernster die Diagnostikergebnisse auf den unteren Stufen der Eskalations“leiter“ ausfallen, umso höher gelangt der Patient auf dieser Leiter, bis er schließlich eine Stufe erreicht, auf der die unmittelbare ärztliche Behandlung beginnt. Ich finde dieses System äußerst vertrauenerweckend, weil es den Behandlungsprozess klaren Richtlinien folgend ausrichtet, weil jede und jeder in diesem Prozess genau weiß, was sie/er zu tun hat und wie es zu tun ist, und weil mir endlich dieses Verfahren ressourcensparend zu sein scheint.

Was nun die weitere Verwendung von Ressourcen betrifft, machte ich während meines stationären Aufenthalts Erfahrungen, die sich stark von in Deutschland gemachten abheben. Das Zahlenverhältnis Patienten zu Pflegekräften schien mir deutlich zugunsten der Anzahl von Pflegekräften auszufallen. Die Betreuungs“dichte“ war enorm. Kein Anzeichen von Pflegekräften, die keine Zeit für ihre Patienten haben. Dies gilt uneingeschränkt auch für die Nächte und die Wochenenden. (Apropos Wochenende: Obwohl kein Notfall mehr, wurde ich ein zweites Mal mit dem CT-Scanner untersucht – und zwar an einem Sonntag.) Die pflegerische Betreuung der Patienten schien mir noch deutlich vom Geiste einer Florence Nightingale beflügelt. Diese Reformatorin der britischen Krankenpflege ist besonders durch ihren Einsatz im Krimkrieg 1853 bis 1856 bekannt. Daran anknüpfend, sei mir als letzte Bemerkung gestattet, dass mich die räumliche Unterbringung im Countess of Chester Hospital eher an ein Militärlazarett erinnerte als an eine Klinik in Deutschland mit ihren abgeschlossenen Ein-, Zwei- oder höchstens Drei-Bett-Zimmern. Die „Zimmer“ mit 6 oder mehr Betten haben alle große Fenster zum Flur, sind also einsichtig. Um die einzelnen Betten kann man bei Bedarf Vorhänge ziehen. Wenn man Krankenhausserien aus den USA oder GB kennt, genauso sieht es aus.

Keine Gefahr also, ein britisches Krankenhaus mit einem Hotel zu verwechseln.

Der Dorfmarkt von Tattenhall

… oder Tattenhall Village Market, wie er jetzt heißt, hat seine Eröffnung gefeiert. Komplett mit Logo:

Unser alter Countrymarket, für den ich immer wieder ein paar Kuchen gebacken hatte, war müde geworden, auf jeden Fall die treibenden Kräfte, sprich Managerinnen in Gestalt zweier erprobter Damen. Die sind nicht alt, aber älter und haben sehr plötzlich Schluss gemacht. Uns anderen Marktfrauen war ihre Kündigung sehr abrupt. Die Countrymarket-Kooperative schwindet zwar seit Jahren mit ihrem Konzept seit Jahren immer mehr, doch gleich aufhören?
Wir haben erst mal durchatmen müssen, und uns anschließend zusammengesetzt, um über neue Konzepte zu sprechen. Und das kam dabei heraus: ein neuer Markt.

Wir helfen weiterhin zusammen und organisieren gemeinsam, doch haben wir individuelle Tische. D.h. wir können eigen dekorieren, haben je eine eigene Kasse und können verpacken wie wir wollen (nach gesetzlichen Regeln selbstverständlich, so weit es Essen betrifft). Dazu haben wir nun eine Tasse Tee oder Kaffee kostenlos im Angebot, die die Leute in der Mitte des Marktes an kleinen Tischen zu sich nehmen können. Wir wollen ein sowohl freundlicher als auch gewinnorientierter Markt sein.

Die Zeit ist immer noch dieselbe: Freitag Vormittag zwischen 9.30 und 11 Uhr. Nicht ideal, denn die Arbeitnehmenden, die das Geld haben, sind dann, eben, arbeiten, doch eine eingeführte Marktzeit in Tattenhall.

Ich bin weiterhin dabei und will es etwas größer versuchen. Da die sich-selbst-pensionierenden Damen alle gebacken haben, habe ich jetzt die Nase vielleicht vorne?

Nachdem die Versicherung sortiert war, das Internet und diverse Läden nach passenden Verpackungen durchstöbert worden waren und ein paar mehr Kuchenformen habe ich auch erworben, stand als erstes im Countdown an: Rezepte anvisieren, auf Bewährtes zurückgreifen und eine Prise Neues. Probebacken! Dann der Großeinkauf, zuerst mal zum Lidl (mit kurzem i gesprochen, so spricht man ihn hier aus).

Drei Tage backen, davon ein Tag Kekse und Brownies, ein Tag Kuchen und Torten, ein Tag Puddings und Brot. Und ein bisschen basteln, das macht den Stand schön bunt und die Ware kann, ohne zu verderben, für das nächste Mal wieder eingepackt werden. Gebackenes kann nur in einigen Fällen (Ingwerkekse) eine Woche später wieder angeboten werden.

Hier ist das Ergebnis:

 

Das erste Mal war ein Erfolg für alle. Wir haben sehr positive Rückmeldungen erhalten und haben uns selbst wohlgefühlt. Bis zum nächsten Freitag im Gemeindehaus also!

 

 

Endlich auch auf diesem Blog: Krankheitsgeschichten

Man kann nicht immer nur über großartige Dinge und Jupidu reden. Nicht nur aufgrund meines fortgeschrittenen Alters wird es hohe Zeit, über Gebrechlichkeit zu sprechen.
Halbwegs funktionstüchtig zu bleiben ist eine Daueranstrengung, der wir Menschen uns ausgesetzt sehen.

Kein Leben im Ausland ist komplett ohne Erwähnung des Gesundheitssystems vor Ort.

Die UK haben seit 1948 das NHS, das nationale Gesundheitssystem, in dem alle legalen Einwohnenden kostenlos (steuerfinanziert) versichert sind. Man bekommt dafür alles Notwendige bis zum Krankenhausaufenthalt, aber nichts bis wenig für Augen und Zahnarzt.

Das NHS pfeift ständig aus dem letzten Loch, ist totgesagt, die Wartezeiten bei den ÄrztInnen und für Ops sind horrend, die Leute sterben reihenweise in den Krankenhäusern, die Mitarbeitenden sind überfordert. Heißt es. Klingt das nicht schauerlich?

Die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, hat das NHS als eines der schlechtesten Gesundheitssysteme eingestuft, die betrachtet wurden. Ich weiß nicht, welchen Teil der Welt sie bewertet haben, es können nur Länder der so genannten Ersten Welt gemeint sein. Ich möchte nicht wissen, wie das Gesundheitssystem von Togo aussieht …

Ein Gesundheitssystem ist eine gewaltige Aufgabe und sieht sich immer neuen Herausforderungen ausgesetzt. In den UK ist es einer der größten Arbeitgeber, 1,5 bis über 2 Millionen Beschäftigte, je nachdem wie man es betrachtet. Eine wachsende und alternde Bevölkerung gehört zu den größten Herausforderungen, aber nicht nur dies.

Es ist wahr, es kommt ein bisschen darauf an, wo man wohnt, ob man eine gute Versorgung hat. Dabei ist es nicht unbedingt wichtig, ob Stadt oder Land. Wales scheint Versorgungslücken zu haben, aber auch einige Ballungsgebiete. Auf jeden Fall ist das NHS ein ewiger politischer Zankknochen und jede Schlagzeile mit NHS drinne kann der Aufmerksamkeit einer sensationslüsternen Öffentlichkeit gewiss sein.

Es ist kein Zufall, dass Boris Johnson mit einem Bus für den Brexit geworben hat, auf dem die gelogene Zahl (voll gelogen, ey) stand, 350 Millionen Pfund würden die Briten jede Woche an die EU abdrücken (ohne Gegenleistung). Dieses Geld wollte er (und andere) in das NHS stecken und die, die es glauben wollten, fanden das ein gutes Argument. Es ist aber auch kein Zufall, dass buchstäblich Tage nach der Wahl keiner von den Politikern mit der größten Klappe auf Nachfrage etwas davon gewusst haben wollte, VERSPRECHEN abgegeben zu haben, doch das nebenbei. Vor einer Reform des NHS schrecken viele zurück.

Unserer guten Erfahrungen mit dem NHS (kaum Wartezeiten, freundliche Behandlung) zeigen zumindest ein Defizit auf: zu viel Schriftverkehr, wo auch E-Mails reichen würden und mangelnde Koordination. Da könnte man wirklich viel Geld sparen, man hört jedoch wenig davon, das wäre ja konstruktiv.

So viel zum Arztbesuch.

Wie erwähnt, bezahlt die NHS nicht: Sehen und Kauen. Seit Wochen wusste ich, eine meiner beiden Brücken ist locker. Was macht man in so einem Fall? Man hält still und hofft, es geht vorüber, obwohl man weiß, das funktioniert bei Zähnen NICHT. Als ein Brückenzahn dann anfing zu schmerzen, habe ich gleich die Fahne gestreckt und bin auf die Suche nach einer Praxis gegangen. In Tattenhall gibt es keine, doch umliegend drei. Die Internetseiten waren alle okay und einladend genug, so entschied ich mich nach dem Kriterium des Augenscheins. Klaus war vor Jahren bei einem Check-up in Malpas zufrieden gewesen, mir erschien der Rezeptionsbereich aber irgendwie, selbst für England, zu altmodisch und abgenudelt. Dagegen spielen wir ab und an Tennis mit einer Zahnärztin, die Teilzeit in Tarporley arbeitet. Sie macht einen modernen, zupackenden Eindruck, ich hoffte also, sie arbeitet in einer modernen, zupackenden Praxis.

Ich bekam dort am Tag meines Anrufs einen Termin bei einer Ärztin, die seit 10 Jahren approbiert ist. Perfekt: eine Frau mit Erfahrung, aber modernem Studium. Die Behandlung war effizient und freundlich. Auffällig war, dass ich erst das berühmte Lätzchen bekam, als an mir herumgesaugt wurde. Auch wurde der Wasserbecher erst gefüllt, als ich ihn wirklich brauchte.

Sinnvolle Kleinigkeiten, an der Behandlung selbst wurde nicht gespart.

Am Ende bezahlte ich 60 Pfund. 30 für die Notfallbehandlung, 30 für provisorische Brücke. Und für eine Dreiviertelstunde Zeit Ärztin und Assistentin inkl. Zahnröntgen.

Die echte Brücke wird natürlich deutlich teurer, doch im Vergleich mit meinen alten Rechnungen absolut im Rahmen von Zeit und Ort. Die Behandlung kostet ungefähr so viel wie in Deutschland.

Klaus kam vor Monaten mit seiner neuen Brille nur auf etwa ein Drittel der deutschen Kosten, da habe ich weniger Glück. Dennoch: ich habe seit Jahren keine Versicherung bezahlt, so werden es nun quasi ein paar Monatsbeiträge. Kann man nicht meckern.

Die Ballade vom alten Seemann

Einen leichten marinen Cocktail aus Gin, Grapefruit- und Zitronensaft aus mit Meersalz geränderten Gläsern trinkend, traf sich die Buchgruppe zum ersten Mal dieses Jahr, mit einem englischen Klassiker. Seit dem Weihnachtsessen, das einem anderen Klassiker, Stevensons Dr. Jekyll und Mr. Hyde gewidmet war (mit einem Absinth-Aperitiv), war nicht viel Zeit, deshalb lasen wir nur etwas kurzes, wenn auch ein langes seiner Art: ‚Die Ballade vom alten Seemann‘ von Samuel Taylor Coleridge, erste Fassung 1798.

Diese Ballade hat die englische Sprache nachhaltig beeinflusst, Schillers Balladen fallen einem als deutschsprachiges Pendant ein, diese sind aber etwas kürzer. Laut gelesen kommt man bei Seemann auf 30 bis 40 Minuten Lesezeit! Auf youtube kann man verschiedene Fassungen anhören, von Größen wie Richard Burton, Orson Welles oder Ian McKellen (der Shakespeare-Schauspieler, der Gandalf im Herrn der Ringe gibt). Eine gute Gelegenheit, die Originalstimmen dieser Herren zu hören.

Worum geht es?

Ein alter Seebär drängt sich einem Mann auf, der zu einer Hochzeit geladen war und gerade auf dem Weg dahin ist. Er erzählt seine Geschichte, ein unglaubliches Garn: auf einer Reise wird das Schiff ins antarktische Meer abgetrieben, die Aussichten sind nicht gut. Bis jeden Tag ein Albatross auftaucht. Seitdem gibt es gute Winde und flotte Fahrt.

Originalillustration von Gustave Doré: der Albatross macht seinen ersten Besuch.

Eines Tages jedoch, und das Gedicht erklärt nicht warum, erschießt der Seeman den Albatross. Einfach so, aus einer Laune heraus.

Zuerst applaudieren ihm seine Kameraden, doch von Stund an wendet sich das Blatt, es herrscht Flaute. Die Mannschaft verflucht nun den Seemann und zwingt ihn, den toten Albatross (das sind riesige Vögel) um den Hals zu tragen. Die Lage wird immer grimmiger, der berühmte Vers: Water, water, everywhere, nor a drop to drink (Wasser, Wasser, überall, doch kein Tropfen zum Drinken) ist zu lesen. Es erscheint ein Geisterschiff, auf dem der Tod um die Seelen würfelt. Er erhält alle bis auf den Seemann, den ein schlimmeres Schicksal ereilt: er muss mit seiner Tat weiterleben. Er kann nicht beten und nicht sterben, bis er seine Tat annimmt und, eine Art ökologische Frühgeburt, das Meer mit seinen Kreaturen, die er vorher nur als böse und schleimig angesehen hatte, mit neuen Augen sieht.

Der Fluch ist gebrochen, der Albatross fällt von ihm ab und nun helfen ihm die Seelen seiner toten Kameraden, zurück in die Heimat zu kommen. Seitdem erzählt er allen, die es nicht hören wollen, seine Geschichte.

Der Hochzeitsgast ist, gegen seinen Willen, sehr gefesselt von der Erzählung und rechnet damit, am nächsten Tag als weiserer Mann aufzuwachen.

Der Albatross

Albatrosse sind Seevögel mit meterweiter Flügelspanne, wunderschön und in der Realität durchaus nicht nur mit Aberglauben behaftet. Einerseits sollten die Seelen toter Seeleute in ihnen wohnen, andererseits wurden sie im Zweifelsfalle ohne Weiteres verzehrt. Dass es Unglück bringe, einen Albatross zu töten, wird also nicht immer angenommen.

Schwarzbrauenalbatross

Galapagos-Albatrosse
Die Wirkungsgeschichte

Das Gedicht wurde seinerzeit wegen der bereits antiquierten Sprache kritisiert, doch gewann es bleibende Popularität. Es wird viel zitiert und parodiert und ein Albatross um den Hals, da wissen alle, ob sie das Gedicht kennen oder nicht, dass damit Unglück gemeint ist.

Das Gedicht gilt als Geburtsstunde der britischen Romantik.

Heimat

gesucht, geschmäht, benutzt. Ein paar Gedanken.

Wenn man mal woanders lebt, also z.B. im Ausland, neigt man dazu vieles in Frage zu stellen. Ist die neue Gesellschaft, besser, schlechter oder nur anders als die verlassene? Von außen werden Fragen herangetragen – neugierige oder misstrauische. Warum habt ihr uns verlassen oder warum seid ihr hierher gekommen?

Das berührt einiges, auch den Begriff Heimat. Wo ist man daheim? Dahoam is dahoam, also Straße und Hausnummer, oder?
Heimat ist ein Ort.

Es ist modisch geworden, nach der Heimat zu fragen. Meist geht es dabei um Heimatgefühle, also Emotionen, das Herz, ein bisschen diffus vielleicht, aber sooo wichtig.

Das war nicht immer so. Heimat bedeutete nüchtern so etwas wie ein Aufenthaltsrecht, oft geknüpft an einen mindestens minimalen Besitz, der eben Rechte wie den Aufenthalt mit sich brachte. Zum gefühlten Ort oder zu einer Sehnsucht nach der Welt von Gestern wurde Heimat erst später, als mehr Raum war für einen Platz in der Heimat – vielleicht sogar erst mit Gründung des Deutschen Reichs.
Heimat ist ein Daseinsrecht.

Die deutsche Sprache hat mit der Heimat, einem Inhalt, der kaum übersetzt werden kann, etwas eigenes geschaffen, etwas außer-patriotisches, was politisch genutzt oder beschmutzt werden kann, jedoch nicht mit einem Land oder politischen System verbunden sein muss.

Dazu wird Heimat immer auch in Kultur verortet oder in einer Sprache – meist der Muttersprache.
Heimat ist Wohlfühlen.

Jemandem, der keine Heimat hat, oder dem eine Heimat zu haben, abgesprochen wird, wird mit Misstrauen begegnet. Wenn man Glück hat, mit Mitleid. Vor allem, wenn man davon ausgeht, dass man Heimat nicht erwerben kann, dass man quasi in sie hineinwachsen muss und wenn das nicht passiert ist, kann man das nie wieder nachholen.
Heimat ist Dazugehören.

Oft ist Heimat etwas Positives bis ins zuckrig, klebrig Gehende. Man hat keine schlechte Heimat, das gibt es nicht. Ist keine gute Bindung an was auch immer vorhanden, hat man keine Heimat, man ist heimatlos. Klingt fast so traurig wie Waisenkind.
Heimat ist positiv.

Zur Heimat gibt es viele Definitionen und persönliche Antworten. Sie gehört in den Kreis um die persönliche Identität und zu jeder Nationalismusdebatte.

Multiple Heimaten

Die Frage, ob man mehr als eine Heimat gleichzeitig benennen könne und ob das überhaupt möglich sei, wird selten gestellt und wenn dann meistens verneint. Wie kann so etwas Spezielles, Kostbares, dieses Bauchgefühl, mehrfach vorhanden sein? Ist es nicht auch eine Verpflichtung? Schwingt hier der vaterlandslose Geselle mit hinein, der von den Konservativen den Linken vorgeworfen wurde, als würde diese Beleidigung den politischen Gegner für eine Debatte auf Augenhöhe abqualifizieren?
Heimat ist eine Waffe.

Zeit für Neues, oder: das 21. Jahrhundert sollte mal für was gut sein.

Manchmal hat sogar im Herz eines Menschen mehr Platz als man meinen möchte. Meiner Erfahrung nach kann man eindeutig mehrere Heimaten haben, man muss sie sich halt manchmal erarbeiten. Im konkreten Fall bietet sich Freilassing mehrfach als Heimat an, da drei Kritereien zutreffen. a) 20 prägende Jahre an einem Ort machen ihn vertraut (gezähmt, würde der kleine Prinz bzw. der Fuchs sagen). b) dort gab und gibt es Familie c) enorm wichtig: verstanden werden durch Dialekt und auch ohne Worte.

Bonn, Köln, Münster, Ulm, sie alle hatten die Chance, sich als Heimat, zumindest als vorübergehende, zu bewerben bzw. mich auszuspucken. Letzteres hat kein Ort getan, manche waren sperriger als andere, doch man muss auch beitragen, dann wird’s schon was.

Tattenhall dagegen befindet sich in einem anderen Land. Für viele Leute wird der Gedanke dann schon schwieriger. Kann es Heimat sein? Will es Heimat sein? Und wenn ja, wie viele?

Kürzlich, bevor wir über Weihnachten nach Deutschland geflogen sind, hat mich ein Bekannter gefragt, ob ich mich auf ‚home’ freuen würde. Ich habe ihm geantwortet, dass ja, aber auch hier wäre ‚home’. Er war überrascht. Ich sagte, ich hätte hier bereits viele Erinnerungen (also gelebte Erfahrungen). Der Gedanke schien ihm neu. Es könnte seinen Horizont erweitern, immer hat er zwei erwachsene Kinder in Australien verheiratet …

Heimat ist, was man daraus macht. Auf geht’s.

Russische Ferien

Nicht zu verwechseln mit Ferien in Russland, solche wären eine ganz andere Geschichte.

Vom sehr englischen Cheshire ins provinzielle ?? Freilassing, ein so genannter Heimaturlaub. (Die Frage, was Heimat ist, wird ein anderes Mal beleuchtet werden.)

Grundsätzlich war Freilassing seit 1803, als der Flecken während der Säkularisierung zu Bayern geschlagen wurde, weg vom alten Bistum Salzburg, international. Die Bande mit Österreich rissen nie, zwei Länder reicht ja wohl für die Bezeichung international. Den kleinen Grenzverkehr gab es sogar noch in den 30igern, vor dem Anschluss, wo er in einer Sommergeschichte von Erich Kästner die Hauptrolle spielte.
In jüngerer Zeit waren es profanere Bande wie Einkäufe der Österreichischen, als sie noch nicht in der EU waren. Die Milchprodukte etwa waren in Deutschland billiger. Hingegen ist Kraftstoff auch heute noch in Austria für weniger zu haben. Von der Kultur profitieren die bayrischen Provinzler, viele Ösis dagegen leben in Bayern, weil sie sich Salzburg nicht mehr leisten können.

Im Verhältnis zu all diesem Hin und Her ist das Flüchtlingskontingent von Freilassing klein. 150-180 Menschen. Zwar strömten 2015 wirklich Menschenmassen über die Salzach von Österreich über die Grenze. Doch über Auffang- und Kontrollstationen gelangten sie in die Busse und Züge, mit denen sie in den Rest von Deutschland verteilt wurden.

Auch das ist lange vorbei.

Man sieht ab und an einen dunkelhäutigen Menschen auf der Straße, was vor 1-2 Jahren eher nicht der Fall war.

Und was die Ehrenamtlichen vermelden: Aus dem Freitagsprojekt Sprachcafé Lingua ist zu erfahren, die Deutschkenntnisse der neueren und älteren MigrantInnen haben sich verbessert, einige haben dt. Pässe oder einen anerkannten Status. Wohnungs- und Arbeitssuche sind nun Thema, also Probleme, die wir alle kennen, wenn auch Ex-Migrierende zusätzlichen Diskriminierungen unterliegen können.

Wer noch keinen Paß hat, und in Freilassing sind viele afghanische und nigeranische Menschen, Gruppen mit einer geringeren Asylwahrscheinlichkeit, der oder die kann bald mit Ablehnungen rechnen, das könnte noch hart werden.

Auf der Straße hört man auch weiterhin Russisch, das ist nichts Neues, irgendwelche Deutschstämmigen Rückkehrenden gibt es seit Jahrzehnten überall.

Falls oben falsche Angaben sind, sind sie alleine meine Irrtümer!


Umgeschaut

Und was macht die Hauptstadt? Nein, nicht Berlin, München natürlich. Es hat überrascht, im Münchener Zoo viel Internationalität vorzufinden. Ich hätte nicht erwartet, dass eindeutige Touris da sind. Hellabrunn als Höhepunkt neben Olympiazentrum, Frauenkirche und Isarauen? Offenbar wollen nicht alle Touris ihre ganze Zeit auf dem Oktoberfest verbringen. Es sind jedoch viele dafür angereist, so waren im Flug von Manchester bestimmt ein Fünftel (noch wohlbenommener) Feierlustiger auszumachen. Und der Öffentliche Nahverkehr Münchens wimmelt vor lauter Maskierten. Maskiert steht in netter Form für mit Lederhose oder Dirndlkleid bekleidet.

Die Tiere im Zoo haben ihre eigenen Sprachen und sind immer photogen:

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Dies ist ein Elefant.
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Und zwar dieser.
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Aus der Greifvogelschau – Uhu ganz nah.

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Später in der Woche, wieder München:

Auf dem Marienplatz. Mitten unter der Woche, das Oktoberfest ist nun vorbei, es nieselt und ist kalt. Dennoch, Menschen, darunter viele asiatische, versammeln sich unter Regenschirmen und schauen nach oben zum Rathausturm. Auf zu dem Glockenspiel von 1909 und da stehen sie da, im Computerzeitalter. Die Musik beginnt zu erklingen und spielt eine Melodie. Und noch eine. Dann bewegen sich die Ritterspiele. Ein kollektives Ahh auf dem Platz. Richtig nett.

Ein dt.-russisches Bildwörterbuch gekauft. So wird der Kampf gegen das Vergessen der Vokabeln zwar auch nicht wirklich gewonnen, aber man hat mehr Spaß.

Auf den Straßen: alle Sprachen, sogar Schwäbisch.


Sprung nach Baden.

Ein Besuch in Baden-Baden. Dort hat Dostojewski, der für mich größte russische Schriftsteller, gelebt, gespielt, verspielt und deshalb den „Spieler“ schreiben müssen. Damit er wieder Knete hatte. Ist näher als Russland. Im Internet liest sich dazu, es gäbe noch immer viele RussInnen, die Baden-Baden aufsuchten. Schau ma doch mal hin. Meine Freundin und ich kommen mit dem Auto und fahren in die erstbeste Tiefgarage:

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Aufschriften viersprachig, und Russisch ist dabei. Sagenhaft! Der erste Eindruck bestätigt sich: in der sehr schönen Caracalla-Therme, vor Hotels, auf Speisekarten, von überall her schlängeln sich die kyrillischen Buchstaben ins Bild. Großes Kino.

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Balkon des Hauses, in dem D. seinerzeit gewohnt hatte.
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Blick vom Casino auf die kleine Allee, die im Spieler auch einen Schauplatz bildet (die Figuren sind immer unterwegs).
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Eines der Bäder Baden-Badens. Das Trinken des Wassers wird nicht mehr empfohlen, da die Quelle Arsen enthält.

 

Dazu russische Laute, bis auf die Alte Schloss genannte Burgruine hoch über der Stadt.

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Wie viel haben wir gewonnen? Wir hatten keine Chance, da ich, englische Gewohntheit angenommen habend, kein Ausweispapier mitführte. Denn selbst vor dem Automatenbereich, höher reichte unser Ehrgeiz nicht, wird sinnvollerweise geprüft, ob man wegen Spielsucht gesperrt ist. Mehr Dostojewski-Gefühl also beim nächsten Mal.


Endpunkt. Am Flughafen, ein Klischee: ich bin am Easyjet Einsteigebereich, also hinter der Sicherheitssperre, und finde in den wenigen Läden keinen Alkohol als Mitbringsel für’s Handgepäck. Meine letzte Chance, denn im Koffer waren keine Kilos mehr frei. Etwas enttäuscht sitze ich Krimi lesend da, als die weibliche Hälfte des jungen russischen Pärchens gegenüber mit ein paar Duty-Free Tüten daherkommt. In einer sind Alkohol-Miniaturen, ich erkenne Asbach-Uralt. Im Vorurteil bestätigt, dass russische Menschen Alkohol überall finden, gehe ich dahin, wo sie hergekommen ist und werde im hinteren Teil eines Parfümgeschäfts fündig: ein von der Cointreau Firma neu kreierter Blutorangen-Cointreau wird noch in den Rucksack gestopft.

Ich trage die Tüte nicht separat, denn bei den HolzklassepassagierInnen macht Easyjet jetzt Dampf, wirklich nur ein Handgepäcksstück ist erlaubt, nicht etwa zwei kleine. Gepäck und Fliegen, das ist weiterhin eine nervige Räuber-Beute Schaukel, was man warum und wann wohin und wie viel vielleicht oder auch nicht mitnehmen darf.


Ich bin wieder in England, wo es kaum Dialekte gibt, nur regionale Akzente, also Sprachweisen, etwa weiter vorne im Mund reden, gedehnter, nasaler, dergleichen. Weniger Wortveränderungen. Dazu etwas Walisisch und Polnisch auf der Straße. Wenn man tief genug gräbt, finden sich russische sprechende oder lernende Menschen.

Zwei Tage Cardiff

Gastbeitrag von Klaus

Cardiff, zirka 350.000 Einwohner, ist walisische Landeshauptstadt und liegt im Süden von Wales an der Mündung des Severn in die Keltische See bzw. den Bristol-Kanal.

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Blick auf die Severn-Mündung, Cardiff Bay

An einem Freitag habe ich mich in der Früh’ ins Auto gesetzt und bin südwärts zum Bahnhof von Whitchurch in Shropshire gefahren. Eine halbe Stunde später saß ich im Zug nach Cardiff. Nach einmal Umsteigen und zweieinhalb Stunden Fahrt traf ich am Cardiff Central ein.

Die Ausschilderung des Weges zur Tourist Information war perfekt. Allein(!) – die Tourist Information gibt es an der angegebenen Stelle gar nicht mehr, dafür nicht weit davon das Stadtmuseum, wo man mich mit einem Stadtplan ausstattete und mit der Nachricht, die Tourist Information befinde sich jetzt an der südlichen Wasserkante, der Cardiff Bay.

Dort wollte ich ja sowieso hin. Denn dort befindet sich das stattliche Opernhaus, für dessen Abendvorstellung ich bereits ein Ticket hatte. Zuvor allerdings erkundete ich die Innenstadt. Besonders beeindruckend der Gewürz- und der Fischstand in der Markthalle. (Wer mich kennt, weiß, dass eine Örtlichkeit mit gut sortiertem Fischangebot allein deshalb zum Favoriten wird. Wenn außerdem die Möglichkeit besteht, zwischen zehn Chili-Sorten zu wählen, umso besser.)

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Das walisische Landesparlament.

Obwohl mein Bahnticket bis Cardiff Bay gültig war, wählte ich des Urlaubers Freude wegen das Wassertaxi auf dem Fluss Taff. Auf den ersten Blick ist Cardiff Bay eine Amüsiermeile. Der zweite Blick ändert an diesem Eindruck nicht viel. Attraktionen sind die Norwegische Kirche, die Taufstätte Roald Dahls, des berühmten Sohnes der Stadt und Kinderbuchautors, dessen Name einem in Cardiff auf Schritt und Tritt begegnet, die permanente Ausstellung zur BBC-TV-Science Fiction-Serie Dr. Who, und natürlich das Wales Millenium Centre, welches die Oper beherbergt.

Wahrscheinlich ergeht es den Leserinnen und Lesern dieses Blogs so wie dem französischen Touristenpaar im Foyer von Dr. Who. Sie kannten (natürlich) diese TV-Serie nicht und boten damit dem jungen Mann an der Kasse Gelegenheit, Dr. Who zu erklären. Offensichtlich war er damit in seinem Element, zum Beispiel mit der Verdeutlichung des Unterschieds zwischen Star Trek, das die beiden Franzosen wohl kannten, und Dr. Who. (Ich habe mir die Ausstellung nicht angesehen.)

Anmerkung Barbara: Dr. Who ist eine seit Jahrzehnten laufende Serie um einen Außerirdischen, der viele Leben hat (dadurch konnten ihn bereits viele Schauspieler verkörpern, wir sind bei Dr. Nummer 12), durch Zeit und Raum reist und gegen das Böse kämpft. Er hat wechselnde  Abenteuergefährtinnen, die er auf der Erde kennen lernt. Sein „Raumschiff“ ist eine blaue Polizeinotrufbox (innen größer als von außen ersichtlich), die man sich ähnlich wie eine Telefonzelle, nur blau und ohne Fenster vorstellen kann. Jeden Winter freuen sich Generationen von Fans, Kinder, deren Eltern und Großeltern und auch ich auf die neuesten Folgen.

img_0704Wandgemälde im Wales Millennium Center, das die Oper beherbergt

Abends in der Oper die große Überraschung: Obwohl das aufgeführte Stück sowohl modern als auch ziemlich = sehr unbekannt ist, war das Publikum so zahlreich wie auch verständig. Der Komponist heißt André Tchaikowsky, 1935 als Robert Andrzej Krauthammer geboren, dem Warschauer Ghetto entkommen und 1982 in Oxford gestorben. Bis auf die Orchestrierung der letzten 28 Takte konnte er seine Oper The Merchant of Venice (Der Kaufmann von Venedig) nach dem Bühnenstück von William Shakespeare noch vollenden. Uraufgeführt wurde das Werk allerdings erst 2013 bei den Bregenzer Festspielen. Es war wohl auch diese Produktion, die in Cardiff gegeben wurde und die ich sehr beeindruckend fand.

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Anglikanische Kathedrale, Cardiff

Der zweite Besuchstag führte mich zurück in die Innenstadt und einen weiteren Stadtteil, war ausgefüllt mit Besichtigungen zweier Kathedralen (römisch katholisch und anglikanisch) sowie des Nationalmuseums. (Die riesige Burganlage habe ich nicht mehr „geschafft“.) Er endete mit einer weiteren sehr erfreulichen Überraschung:

Mein für die Rückfahrt (ohne Umsteigen) gebuchter Schnellzug fiel aus. Eine Stunde später ging ein Bummelzug mit Umsteigen. Am Umsteigebahnhof angekommen, sah ich als Erstes auf dem Bahnsteig die menschlich besetzte Fahrgastinformation. Ging also hinein und fragte nach dem nächsten Zug nach Whitchurch. Es war ca. 21 Uhr. Antwort: „22 Uhr 20“. „Das ist aber lang hin“, kommentierte ich. Und hinzugefügt habe ich die Bemerkung, dass ich ja bereits in Cardiff eine Stunde gewartet und dann auch noch einen langsameren Zug nehmen musste. (Ich habe das „nur so“ erzählt, keinesfalls im Beschwerdeton.) Der „Beamte“ benötigte ein wenig Zeit, um sich online bestätigen zu lassen, was ich ihm berichtet hatte, dass nämlich der erste Zug ausgefallen war. Als ihm dies gelungen war, bat er mich, ein wenig zu warten, er müsse telefonieren. Ein Ticket von mir wollte er nicht sehen, geschweige denn eine Reservierung. Dann ging er raus mit mir zum Taxistand und bat den nächstbesten Chauffeur, mich die 32 Kilometer nach Whitchurch zu fahren – free of charge (= für mich kostenlos). Die Bahngesellschaft heißt Arriva. Vielleicht entschließt sich die Deutsche Bahn AG ja, künftig bei Arriva Managementkurse zu buchen.

Sponsorengelder II

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Ist sie nicht schön? Meine Wohlfahrtsradelei zu Gunsten der Kirchbauten des Landes bringt mich an die Grenzen Cheshires in einen nahe einer Bundesstraße befindlichen Winkel. Dies ist Neuland und hat, obwohl nicht weit von Tattenhall entfernt, einen anderen Charakter. Die Streifen von ärmeren Böden mit Mooren und Heiden gehören nicht mehr zur Cheshire-Ebene. Hinter der letzten Kurve (ein Haus, Hunde bellen, ein Bächlein plätschert) wäre es keine Überraschung, ein Wallfahrts-Barockkircherl zu erblicken. Wo es sich dazu um eine Marienkirche handelt. Doch nichts Barockes wird hier erblickt, Großbritannien und Skandinavien sind im Wesentlichen zwiebelturmfrei. St. Mary’s ist noch Pfarrkirche, sehr untypisch mit dem weißen Anstrich, und leider bin ich zu früh dran, ich finde die Tür verschlossen.

Von der Idylle in eine andere Wirklichkeit: für die nächsten Kirchen kann die Bundesstraße nicht vermieden werden, auf der die meisten Autos ihren Unmut, einer Radfahrerin ausweichen zu müssen, dadurch Luft machen, dass sie ungebremst vorbeidüsen. Doch die beiden St. Chad’s (alt und neu) sind es wert.

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Die eine liegt mitten im Feld, nur über Grasfurchen zu erreichen, nennt weder Heizung noch Elektrizität ihr eigen, und wird für besondere Gottesdienste im Sommer genutzt (Kirchenbänke aus dem 17. Jahrhundert, ich habe mir sagen lassen, extra unbequem). Die neue Kirche liegt genau an der Bundesstraße, etwas laut, doch bis zur nächsten Nebenstraßenabzweigung ist glücklicherweise eine Gehsteig vorhanden, die A41 kann sicher verlassen werden.

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Brindley liegt nicht nur angenehm ruhig, sondern hat auch ein paar Grabengel. (vor dem Tor steht mein Fahrrad)

Bislang ist die ganze Tour solo abgelaufen, keine Kirche offen (zu früh), keine Menschen getroffen. Das ändert sich in Marbury:

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St. Michael’s in Marbury liegt im Ort, am Rand eines Meres. Mere hat denselben Stamm wie Maar oder Mare und an diesen Beispielen sieht man die unterschiedliche Nutzung desselben indogermanischen Wortstammes. Im Englischen ist Mere weder ein Vulkansee noch das Meer schlechthin, sondern ein flacher See oder sogar ein sehr nasser Sumpf. Vermutlich hat das Mere in Marbury zur Sackung des Turmes im 20. Jahrhundert beigetragen. In dem Moment stand er bereits seit dem 15. Jahrhundert gerade, also mehrere 100 Jahre, das kann Pisa nicht von sich behaupten. Man beachte auf dem Foto die zusätzlich eingefügten keilförmigen Hölzer auf der rechten Seite, die verbrämen den Schiefstand geschickt.

In St. Michael werde ich quasi erwartet, denn Ride und Stride Reisende werden heute mit Informationen, Keksen und Getränken versorgt. Es ist 11 Uhr.

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In Wrenbury ist die Kirche leer, aber offen. Man beachte die geschlossenen Kirchenbänke, eine alte Sache: früher gehörten sie Familien und in manchen Kirchen waren sie sogar abgeschlossen, so dass garantiert niemand Fremdes das sprichwörtliche Handtuch von der Badeliege am Hotelpool nehmen und sich einfach reinsetzen konnte. Es gab mancherorts sogar den Job des Bank-Öffners, jemand (vermutlich eine arme Person aus Pfarrei) öffnete die Banktür gegen ein Trinkgeld.

Bevor es an Kirchen auf dem Rückweg ausdünnt, noch ein Höhepunkt: die nur über eine lange Sackgasse erreichbare Michaelskirche in Baddiley. Man beachte die Zwischenwand in der Kirche. Das ist der alter Lettner (Trennung zwischen Chor und Gemeinde), der in den meisten Kirchen nach der Reformation unter Heinrich VIII entfernt wurde. Hier wurde er belassen, man nimmt jedoch an, dass bildliche Darstellungen durch die vorhandenen mehr nüchternen Texttafeln ersetzt wurden. Baddiley lohnt den Umweg.

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Für den Weg nach Bunbury, meiner vorletzten Station, muss ich mich mit eingepacktem Kuchen stärken, die Beine werden doch etwas schwerer. Am Wegesrand „nur“ zwei methodistische Kirchen in typischer Schlichtheit, die zählen natürlich auch, erstens, weil Kirchen grundsätzlich zählen, zumindest für mich, und zweitens, weil die Stiftung ökumenisch ist.

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Im wohlhabenden Bunbury (hier der Turm von St. Boniface) sind alle Kneipen voll und in der Kirche bereitet man sich auf eine Hochzeit vor.

Zwischen den heimatlich vertrauten Burgruinen Beeston und Peckforton finde ich heim nach Tattenhall, wo mich in St. Alban’s Tee und Kuchen erwarten.


Um Viertel vor 8 bin ich los, nach halb 3 war ich in St. Alban’s, habe 15 Kirchen passiert/ besucht und, laut Internetkarten, 51 Meilen, das sind 82 km, zurückgelegt. Als ich am Sonntag im Gottesdienst berichte, sehe ich zufriedene Gesichter;-).

Später erfahre ich, dass langjährige Bewohnende der Gegend viele dieser Kirchen noch nie gesehen haben.

 

 

 

 

 

 

Sponsorengelder I

Warum man 15 Kirchen an einem Tag besuchen sollte

Wie geht man vor, wenn man Geld für eine gute Sache möchte? In Deutschland lässt man eine Büchse herumgehen, hält vielleicht einen Vortrag mit nachfolgender Spendenaufforderung oder hat einen Stand auf einem Markt. Das alles gibt es im UK auch, doch es endet längst nicht dort. Hier lautet eine mögliche Antwort: man strengt sich an. Diese Anstrengung muss nicht unbedingt etwas mit dem guten Zweck zu tun haben und man könnte sie auch so erbringen, z.B. auf einen hohen Berg steigen oder eine lange Radtour unternehmen, die einen an die Grenzen bringt. Man lässt sich halt zusätzlich sponsern, indem man seine Pläne öffentlich macht. Freunde und Bekannte, vielleicht auch Fremde, geben Geld für jede gewanderte Meile oder eine Gesamtsumme, die dann nicht in die Reisekasse einfließt, sondern an den guten Zweck geht.

Erstaunlich, doch üblich, schwitzen mit doppeltem Sinn: zur Selbsterfahrung und für andere. Als Klaus vor zwei Jahren nach Deutschland geradelt ist, fragten einige, wofür? Er hätte also en passant Geld für z.B. die Krebsforschung oder den Bienenschutz erschnaufen können. Es wären bestimmt ein paar Pfund zusammengekommen, denn die Leute erfuhren von seinem Ziel und haben sich am Kopf gekratzt: mit dem Rad? Nach Deutschland?

Diese Chance haben wir also nicht genutzt, jetzt bin ich dran und zwar mit Kirchen abradeln.

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St. John’s, Burwardsley, eine kleine, gemütliche Kirche, mein erster Stopp.

Da die Mitglieder unserer Kirchengemeinde in die Jahre gekommen sind, man aber nach längerer Pause wieder beim jährlichen Ride and Stride (ein alberner Reim, der Radeln und Schreiten bedeutet und einfach verschiedenste Arten der Fortbewegung abdecken soll) mitmachen möchte, melde ich mich freiwillig. Die veranstaltende Kirchbaustiftung kümmert sich um die Erhaltung von, nun ja, Kirchen. Gemeindemitglieder sponsern meine Radtour und ich freue mich darauf: mein Tempo, meine Route. Ich muss nichts Bestimmtes machen, nicht besonders viele Kirchen besuchen, denn ich werde nicht nach Meilen oder Anzahl der sakralen Gebäude „bezahlt“, sondern für’s Mitmachen. Das ist die sicherste Art, Ehrgeiz zu erwecken: Natürlich will ich für die gute Sache Ehre einlegen.

Das Schlimmste zuerst: den Hügel hinauf: St. John’s Burwardsley, eine unserer Filialkirchen. Dann hinüber nach Harthill geschwungen, es ist ein kühler, doch trockener Morgen, diesig, wie man auf dem Bild erkennen kann:

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Allerheiligen Harthill ist eine schöne, wenn auch nicht mehr genutzte Kirche am Ende des steilsten Anstieg des Tages. Das wäre also geschafft, ab jetzt werden die Steigungen flacher.

Noch 2 Kirchen, dann werde ich auf unbekanntes Terrain stoßen. Bickerton (Bild mit dem Schild) war unsere erste Gottesdiensterfahrung in West Cheshire, liegt am Fuße des Sandsteinrückens mit dem Sandsteinwanderweg und ist ziemlich zugewachsen.

St. Oswald, Malpas (der Turm) ist wie eine prächtige kleine Kathedrale, wenn es auch keine ist. Um 9 ist noch nicht geöffnet, also begnüge ich mich mit einem Foto vom ersten Punkt, von dem ich sie sehen kann.

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Fortsetzung folgt.

Der Mensch lebt …

… nicht von Kunst und Blümchen allein. Er isst und trinkt. (Ein Beitrag von Klaus.) Und weil er es gern tut, gibt es in der nahe gelegenen Kleinstadt Nantwich alljährlich die Food (& Drink) Show. Die Innenstadt wird zu einem Gourmet-Tempel, einige Wochen nachdem dort bereits die (angeblich) weltgrößte Käse-Schau mit 450 Ständen stattgefunden hat. Man lässt sich nicht lumpen. Dies sind beileibe nicht die einzigen Shows im Jahr, die die Stadt zu bieten hat. Es gibt ebenfalls ein Jazz- und Blues- sowie ein Literatur- und Musikfestival, natürlich einen Antiquitätenmarkt und schließlich das Nantwich Spooktacular, ein riesiges Halloween-Feuerwerk.

Nantwich hat knapp 15.000 Einwohner, eine Kleinstadt also. Ich habe mal im Deutschen Königswinter gelebt, rund 40.000 Einwohner. Es ist mir nicht aufgefallen, dass es dort etwas von ähnlichem Umfang und Aufwand gegeben hätte, obwohl Königswinter mit „Hollands höchstem Berg“, dem Drachenfels, und dem Rhein durchaus touristisch attraktiv ist. Vielleicht unternehmen die Kleinstädte um Tattenhall herum und das Dorf Tattenhall selbst so viel, weil es eine kurze Anbindung an eine Großstadt – vergleichbar der von Königswinter mit Bonn und Köln – nicht gibt. Hier ist’s halt wirklich ländlich. Vielleicht ist dies aber auch ein wirklicher Unterschied zwischen englischer und deutscher Kultur.

Anyway (= wie dem auch sei), mein Besuch auf der Nantwich Food Show war eine echte Charakterprobe. Sich mindestens vier Stunden nach dem Frühstück ohne weitere Mahlzeit auf ein solches Terrain zu begeben, ohne eines der unzähligen Angebote anzunehmen, darauf bin ich nicht wenig stolz. Alle drei Meter kommt jemand mit einem Tablett auf mich zu und bietet mir etwas zu essen an. Ich antworte beharrlich: „Wenn ich jetzt zulange, brechen alle Dämme. Also vielen Dank, ich verzichte.“

Auf dem Weg in die Innenstadt war ich an einem Pub vorbeigekommen, den von innen zu begutachten mir äußerst lehrreich erschien – architektonisch, versteht sich. Um hierfür dann doch eine „Unterlage“ zu haben, entschied ich mich schließlich zum Verzehr eines Hot Dogs aus Wildfleisch. Nachhause mitgenommen habe ich Brot, drei Salamis (Wildschwein, Ente und Kräuter) und Fudge für Barbara. Vom restlichen Geld dann ein Bier in besagtem Pub (was übrigens soviel heißt wie „Public House“ = „Haus für die Öffentlichkeit“, eine wunderschöne, wirklich britische Umschreibung für „Kneipe“).

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Eines der Fotos zeigt einen Stand für US-amerikanische „Street Food“. Natürlich gab es auch Stände mit indonesischer, mexikanischer, indischer usw. „Street Food“, also mit dem, was in Deutschland (ohne Süddeutschland?) durch die Pommes-Bude abgedeckt wird.

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Continental Food (deutsche Würste, siehe Foto) war zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht hoch frequentiert und gab dem Verkäufer Zeit zur Weiterbildung qua Buch.

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Schließlich das Foto der Gin-Flasche Marke „Death’s Door“ („Tür zum Tode“): Sollte der Gesetzgeber mal drüber nachdenken, ob die Zigarettenaufschrift „Smoking kills“ („Rauchen tötet“) wirklich abschreckend ist. Vielleicht sollte er die Marktforscher jenes Gin-Herstellers fragen.

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