Ja, wo laufen sie denn?

In Bangor-on-Dee (toller Name), einem walisischen Örtchen mit Rennbahn (Hindernisrennen). 10 Pfund pro Nase Eintritt inklusive Parkplatz. Wir sind mit Freunden auf dem open course verabredet, wissen aber nicht, was das bedeuten soll. Was es heißt, wissen wir „offene Rennbahn“, also die billigste Option, aber was bedeutet das, wo ist es? Wir stellen uns nach dem Parken und Erwerb der Tickets am Parkplatzeingangshäuschen an einem Tor an. Es gibt zwei Schlangen, ich weiß nicht, dass sie nicht gleichwertig sind. Werde an der einen freundlich an die andere verwiesen, ich bin in der VIP Ecke gelandet, die Leute haben bessere Tickets, grins. In der anderen Schlange bemerke ich, die Leute haben dieselben Tickets wie wir, doch die legen noch 10 Pfund am Tor drauf. Ich trete aus der Schlange heraus, finde heraus, das ist der Aufpreis für die Tribüne. Kompliziert. Wir haben vergessen, viel Geld einzupacken, Aufpreise gehen nicht, wir wollen ja noch wetten.

Open course meint also, man ist schon hier. Es gibt eine erhöhte Wiese zwischen Parkplatz und Rennbahn, Spitzenblick, wir müssen nur die paar Meter hingehen und finden die Freunde. Picknickdecken, manche Leute feiern mit Freunden ihren 50. Geburtstag, Sektgläser, aufgebrezelte Leute, Leute in lässiger Kleidung, ein typischer britischer Ausflug an einem Freitagnachmittag.

Wir passieren die Wettbüros: die Buchmacher haben mobile Stände mit den Wettchancen für das jeweils nächste Rennen aufgebaut. Wie rustikal ist das denn!

7 Rennen sind angesagt. Der familienfreundliche Minimum Einsatz beträgt 2 Pfund. Und so ist es gelaufen:

Im ersten Rennen wetten wir noch nicht. Unsere Freunde setzen klugerweise 3 Pfund auf irgendein favorisiertes Pferd (im ersten Rennen sind nicht viele Pferde am Start, die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen ist einfach höher) und gewinnen 12 Pfund. Damit kann man wuchern …

1. Rennen, Zieleinlauf und kurz dahinter

Klaus setzt ohne Vorabsprache mit ihnen im 3. Rennen auf dasselbe Pferd wie die Freunde. Es wird Dritter. Ich setze auf ein anderes Pferd wie die Freunde im 4. Rennen. Grrhh, es wird Zweiter, das reicht aber nicht. Erst gegen Ende des Rennens holte es von ganz hinten auf. Unserer Freunde Pferd gewinnt auch nicht. Das 5. Rennen, beide setzen wir wieder zufällig auf dasselbe Pferd, erzielt wieder einen nur zweiten Gewinner.

Wir geben nicht auf. Klaus zieht los, wir haben nur noch 2 Pfund, also werden die 2 Pfund auf ein Pferd gesetzt. Er kommt mit dem Wettschein wieder. Unsere österreichische Freundin kommt auch zurück. Nicht zu fassen, sie hat 3 Pfund auf dasselbe Pferde gesetzt. So was kann man nicht planen. Eine kontinentale Vorliebe für dieselben Namen / Chancen? Nicht wirklich, ihr walisischer Freund hatte das Pferd erwählt.

Bei Pferderennen gibt es keinen Startschuss, das würde die Tiere in alle Richtungen auseinanderstieben lassen. Wegen der verschiedenen Längen der Rennen findet der Start überall auf der Bahn statt, auch weit weg von den Zuschauenden. Denn das Ziel liegt immer vor den teuren Plätzen – ist aber von den billigen Plätzen aus noch gut zu sehen. Selbst dann, wenn man wie wir den Fernstecher vergessen haben. Wir sind halt RennamateurInnen.

Den Start bekommt man also nicht unbedingt mit, doch dann kommen die Ansagen aus den Lautsprechern. Ich kucke alleine von der Anhöhe zu, die anderen stehen irgendwo an der Bahn. Ich habe fast vergessen, wie das Pferd heißt, ich glaube, es war Hermanus, Nummer 12, also achten wir mal auf dieses, mit irgendwas will man ja mitfiebern.

Zu Beginn des Rennens läuft Hermanus mittig mit, bleibt weiter mittig, wird dann erstaunlich oft vom Rennsprecher genannt, denn er bleibt nicht mittig, kommt tatsächlich weiter nach vorne und weiter nach vorne, ist auf einmal ganz vorne in dem dichten Feld, keine Ausreißer hier, schiebt sich auf den zweiten Platz vor, es sind nur noch 2 Hürden bis zum Ziel, er bleibt vorne, erster, noch eine Hürde, niemand fällt, Hermanus ist vorne, das kann doch nicht sein, Zielgerade
– und unser Pferd hat gewonnen … 14 Pfund.

Da nehmen wir doch das Geld und hauen ab, solange wir im Wettplus sind (3 Pfund). Auf das 7. Rennen warten wir nicht mehr, man muss es nicht verschreien.

 

Massenweise Eindrücke

Ein letztes cornisches Schmankerl ist St. Isaac, ein kleiner Fischerhafen mit tief in das Land eindringende / vorragende, wie man es nimmt, Bucht. Selbst diese Premiumlage wird zusätzlich mittels zweier Kaimauern (Bild, links hinter dem Haus kann man ein Stück sehen) geschützt.

Typischer Wetterschutz: Schiefer.

Weitere Dorfansichten:


Übernachtung in Ilfracombe, bereits Norddevon. Hier habe ich vor fast 30 Jahren eine Nacht in einer Jugendherberge verbracht auf einer kleinen Exmoor-Reise mit zwei Freundinnen. Gute Erinnerung an die JuHe (jedes der Meerbettzimmer war  andersfarbig mit Blümchenmustern gestaltet, hatte nichts gemein mit den damaligen deutschen kasernenartigen Unterbringungen). Keine Erinnerung an den Ort selbst. Wir kamen bei Dunkelheit an und haben am nächsten Tag irgendwo stundenlang auf einen Bus gewartet, so mein Eindruck und der, fürchte ich, ist nicht falsch.

Dieses Mal gibt es ein Zimmer mit Meerblick:

Die Marina:

Und eine Überraschung:

Tunnel-Strände? Da müssen wir rein, auch wenn es Eintritt kostet und kurz vor Schließungszeit ist.

Seit 1823 badeten Damen und Herren, fein säuberlich getrennt natürlich, an zwei Stränden, die durch Tunnels zu erreichen sind, auch heute noch, es gibt den Ladies Beach und den Gentlemen Beach. An den Wänden sind Zeitungsartikel aus den folgenden Jahrzehnten nachgedruckt, die von traurig – jemand ist beim Klettern auf den Felsen abgestürzt – bis amüsant reichen. So wurde um 1850 ein Mann dabei erwischt, in die Damenbucht geschwommen zu sein. Wenn die Zeitung den Namen des Mannes, der ihr bekannt ist, abdruckte, könnte er sich in vornehmer Gesellschaft (polite society) nicht mehr blicken lassen!

Wie im Film

Atlantikküste und Inland

An den Stufen von Budruthan sieht es so aus. Eine Treppe führt zum Strand hinunter, bei Ebbe kann man von Bucht zu Bucht gehen, bei Flut werden die Buchten voneinander abgeschnitten und müsste sehr ungemütlich 6 Stunden ausharren. Wir kommen bei gerade steigender Flut an und machen den üblichen Versuch: durch die lappenden Wellen ein paar Meter quer gehen, um das obere Foto schießen zu können. Beim Zurückgehen, nach wenigen Minuten, sind die Wellen 20 cm höher. Solche Küstenabschnitte sind Naturschutzgebiete, alle dürfen sie sich ansehen und daran erfreuen. Solche Landschaften werden gerne für Filmaufnahmen genutzt, bestimmt haben alle schon so etwas gesehen und siehe da: keine Kulissen und man muss nicht einmal nach Thailand dafür reisen.

Strand gibt es auch mit Sanddünen, in Holywell, wo nur ein fieser Regenschauer vom Baden abgehalten hat:

Stranddistel (Eryngium, wenn man es genau wissen will, Arten davon gibt es als Gartenpflanze)

Dünenlandschaft


Inlandsorte: sehen meist gut aus wie das schicke Truro, die Hauptstadt von Cornwall. Man lebt nicht nur vom Tourismus, wenn man einen schönen Wochenmarkt hat, auf dem mit heimischem Honig verfeinerte Orangenmarmelade angeboten wird oder Kalbfleisch, eine Seltenheit in GB.

Die Kathedrale ist aus dem 19. Jahrhundert, deshalb wirkt sie „aufgeräumt“. Sie ist aus einem Guss, man hat nicht jahrhundertelang seinen Geschmack geändert bzw. Bau-Wetter-und Kriegsschäden reparieren müssen. Sie ist alt genug für Flair, die Ablagerungen der Geschichte erzeugen.

Das Taufbecken innen sieht imposant aus, doch unpraktisch: ein dicker Steindeckel deckt das Wasser ab. Doch halt, man hat mitgedacht. Ein Haken an einem Flaschenzug erleichtert die Bedienung.

 

Kunst und Krempel

In einem Dorf namens Luxulyan (sprich Laxilian) verbringen wir drei Tage. Nahebei ragen kegelförmige Abraumhalden auf, bereits bewaldet, so alt sind sie. Die berühmten aufgegebenen cornischen Zinnminen? Dem ist nicht so, noch heute wird hier Lehm abgebaut – im großen Stil, zum Töpfern und für andere Zwecke.

Da wir gerade vom Töpfern reden, das hat vor Ort eine riesige Tradition und zwar z.B. in St. Ives, DEM touristischen Ort in Cornwall. Wir fahren mit dem Zug hin. Das ist einfacher als Park&Ride oder sich – i bewahre – bemotord durch die winzige Innenstadt zu quetschen (die brauchen unbedingt Beratung von autofreien Innenstädten wie Zermatt oder den ostfriesischen Inseln). Davon abgesehen sieht man schnell, warum hier viele Leute hinkommen: hinreißende atlantische Badebuchten mit etwas Wellengang, perfekt zum Erlernen von dem auf dem Brett liegenden, nicht stehenden, Surfen für Groß und Klein. Einfach so ins Wasser gehen und die Wellenkraft zu erleben macht auch Freude und es ist NICHT kalt … Leckeren Fudge  gibt es, dieses Karamelzeugs … und Kultur wie das Bernard Leach-Museum. B.L. war ein multi-begabter Künstler, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Japan lebte, japanisches Töpfern lernte und bestimmte Aspekte deren Keramik und gleich einheimische Gasttöpfer mit nach England brachte. Sein Einfluss auf Kunstkeramik war enorm. Seine alte Werkstatt ist heute Museum, doch eine lebendiges. Im angrenzenden Produktionsraum schaffen weiterhin professionelle Töpfernde aus aller Welt ihre Interpretation sehr bodenständiger Töpfe mit erdigen Glasuren.

Töpfermarke der Leach Werkstatt. Letztes Jahr habe ich einen Krug daraus geschenkt bekommen, s.b. diesen älteren Beitrag (zweites Bild von oben)

Die alte Werkstatt, mit original Werkzeugen, auf dem Foto im Foto B.L selbst.

Als wäre der Ort nicht schon gesteckt voll mit allem Möglichen, gibt es auch einen Ableger des berühmten Tate Museums, denn Cornwall inspiriert KünstlerInnen und hat das immer schon getan. Der runde Bau des Museums, auf einer alten Gashalle erbaut, mutet seltsam zurückgenommen in seiner Gipsfarbenheit an, das ist interessant. Deshalb bezahle ich den stolzen Eintrittspreis von 9.50 – und das in einem Land, in dem die großen Museen wie die Tate in London freien Eintritt haben – und bin in der ersten der 10 Galerien, sprich Räumen, noch nicht entzückt. Doch das ändert sich. St. Ives war offenbar ein Hort, eine Brutstätte abstrakter Kunst von einheimischen und internationalen Kunstschaffenden und ist es bis heute geblieben. Sonnenuntergänge (nichts gegen Sonnenuntergänge, aber es gibt ein Leben jenseits gemalter Sonnenuntergänge) findet man hier nicht, sondern das andere, sich reibende, das Kunst so spannend macht. Hat sich mal wieder ausgezahlt, die Investition.

Die Tate in St. Ives. Im Vordergrund ist eine Mauer zu sehen, davor stehen Bänke und nach einer Brüstung fällt der Felsen 5 Meter bis zum Strand ab. Es gibt alle üblichen Strandzubehöre, Café, Surfbretter zum Leihen, Strandwacht, wasserhungrige Kinder in Handtücher gewickelt und Atlantikwellen. Klaus hat auf einer Bank Schach gespielt, derweil ich im Museum war.


Luxulyan liegt nahe an St. Austell, einem der wenigen Orte, die uns aufgefallen sind, die ärmlich wirken. Cornwall soll die ärmste Gegend Englands mit einer hohen Arbeitslosenrate sein. Es wirkt meist nicht so, aber Tourismus kann nicht für alles sorgen. Wir sind das bescheiden auftretende Nordwales gewohnt, vielleicht ist Cornwall im Verhältnis dazu wohlhabender.


Es heißt, wer in Cornwall Auto fahren kann, ist praktisch einheimisch. Wahr ist, es gibt auch zu völlig normalen Ortschaften manchmal Straßen, die abschnittsweise einspurig sind, unübersichtlich durch Hecken und die hügelige Geographie der gesamten Region sind und ganz wenige Ausweichstellen haben. Man kann da gut fahren, aber das ständige Aufpassen darauf, ob jemand entgegen kommt, ist anstrengender als auf zweispurigen Straßen. Das ist der Unterschied, die Art der Konzentrationleistung.


Was nie verkehrt ist, am frühen Nachmittag, wenn das englische Frühstück langsam verdaut ist: ein Cream Tea mit Scones, Clotted Cream und Marmelade.

Ein Schritt weiter – Cornwall

Die Straßen sind alle besser geteert als in Cheshire. Auf der anderen Seite sind schmale Straßen wirklich schmal und nicht reich an Ausweichstellen – man windet sich durch die Weiler, wenn man sich zum B&B verfährt. Geht aber alles und Gegenverkehr gibt es wenig, die Einheimischen kennen die besseren Straßen. Vor dem B&B finden passiert an dem Tag noch einiges. Zuerst raus aus Plymouth auf einer 10 Minuten Fähre, die nichts kostet, erstaunlicherweise, und cornische Seebäder – sehr populäre wie Looe (sprich Lu), und ein weltberühmter Garten.

Dazu ein paar Bilder:

Ein Vorteil des Südens: schon wieder Fähre fahren.

Es gibt Ost-Looe und West-Looe, getrennt durch den Fluss – richtig – Looe. West-Looe hat den Strand, malerisch und voll und Gassen voller Essläden und Souvenirbuden. Ost-Looe, über eine Brücke erreichbar, kein Strand, aber viele Häuser. Die Bilder sind vom selben Standort aus gemacht worden als Art Panoramaaufnahme für Arme.

Genug Küste, es ist heiß, Schatten muss her. Am besten in Gestalt eines Gartens, des verlorenen Gartens von Heligan. Verloren, weil er 100 Jahre nicht gepflegt wurde, seit den 90ern jedoch wieder, teilweise buchstäblich, ausgebuddelt wurde. Da wir im milden Cornwall sind, wurden zu den Gemüsegärten, italienischen Ecken und sonstig üblichen Komponenten eines herrschaftlichen Gartens sehr exotische Elemente dazugefügt, einen Dschungel mit Seilbrücke (mit meinem Fuß) im burmesischem Stil z.B.

Jeder Garten ist anders. Diese Anlage fühlt sich ein bisschen wie ein Zoo an, da ist die Art der Besuchendenführung usw. Und richtig, es finden sich Weiden für seltene Nutztierrassen.

Nicht nur wegen des Wetters ist es  schön, auf viele Bäume zu treffen. Große und ganz große:

Auf dem Bild eine gar mächtige Eiche entlang einer Palmenallee. Die Palmen sind auch nicht klein. Kann man alles zusammen wachsen lassen in dem Klima.

Nahaufname, recht Palmwedel, links Eichenblätter.

Schöne alte Glashäuser – das Ananashaus. In der Mitte kann man einen Heizlüfter erkennen (in diesem Sommer nicht notwendig).

Die alte Befeuerung à la römisches Bad sieht man links vom Glashaus:

Kunst: Gigant aus einer Wurzel aus einem umgestürzten Baum. Die Augen sind aus Glasscherben aus einer viktorianischen Müllkippe. Im 19. Jahrhundert wurde aller Müll (von Exkrementen bis Asche) gesammelt und gebraucht, zumindest in Städten, doch auf dem Land finden sich viele kleine Gruben, die das Einwegglas und andere Dinge eines großen Haushaltes aufnahmen. Die Vegetation auf dem Kopf ist angepflanzt und wird gehegt und gepflegt.

Diese Frau ist aus dem örtlichen Lehm geformt und stört sich nicht an den Besuchendengruppen.

Unser B&B befindet sich außerhalb von St. Austell in einem Dorf mit lebhaftem Pub und hervorragenden fritierten Zwiebelringen. St. Austell ist leider etwas traurig, da boxt der Papst nicht gerade.

In Devon

Eine fette Fähre aus Frankreich steuert im Hafen von Plymouth direkt auf mich zu (schwimmend), bevor sie ordnungsgemäß den Leitbojen folgt und backbord (oder steuerbord oder wie auch immer) ablenkt. Es ist kurz nach 6 Uhr morgens, die See ist spiegelglatt und das Wasser ist warm.

In der Nähe der Badestelle. Dies ist mitten in Plymouth (260.000 Einwohnende)

 

Ein bisschen Erfrischung braucht es nach einem langen Tag auf oft einspurigen Straßen der zerklüfteten Küste von Devon folgend. Dabei im Inland das kreative Städtchen Totnes besuchend, in dem man problemlos einen Vollkornkuchen bekommt.

Kingsbridge, s.u., ist ein netter Ort, aber weder am Meer noch im Inland: dorthin mündet das letzte Zipfelchen eines sehr langen Meeresarmes. Aber wirklich das letzte, dann ist Ende Gelände, s.Bild. Wirkt wie eine Gracht. Die Tiden bewirken, dass die Boote zwei Stunden früher noch völlig auf dem Trockenen lagen und auch die Tatsache, dass es sich um wertvolles Watt handelt, tröstet nicht darüber hinweg, dass sich kein Meergefühl einstellen will.

Ewig kurvige enge Sträßchen zwischen Hecken und Getreidefeldern und das Ganze auf Hügeln, die höher und steiler sind als die im Voralpenland: das ist Süddevon. Hat man es an die Küste, die mehr Ausbuchtungen als das Innere eines Darmes hat, geschafft, trifft man auf solche Badebuchten:

Cheers aus Plymouth:

Hafenbecken links unsichtbar ist das Ausgehviertel. Hafenbecken Richtung Ärmelkanal, Insel mit Festungsanlagen, im Bild. Ein Hafenbecken rechter Hand beherbergt dann die Fähren, die immer noch mit den ganz alten, wirklich schmutzigen Dieselmotoren fahren.

Vor 8 nur für Möwen?

Willkommen an der Britischen Riviera in Torquay in der Bucht von Torbay. Der Kanal, der ärmelige, hat ein anderes Licht als die Mittelmeer Riviera, doch ansonsten kann man nicht meckern. Die geschützte, weit geschwungene Bucht hat direkt im Zentrum einen Sandstrand mit glasklarem Wasser davor. Morgens bin ich erst alleine dort, deshalb frage ich mich, ob es hier eine Abmachung mit dem Möven-Federvieh gibt, doch dann bin ich auch vor 8 nicht der einzige Mensch im Wasser. Am Ufer, auf den Betonstufen, kehren Arbeiter den Sand des Vortages zurück ins Meer. Links ragt das Riesenrad weiß vor den Klippen. Diese Bucht kann man sich sogar bei Regen und Sturm als schön vorstellen.

Blick auf die Bucht von außen, sieht so herum nicht so spektakulär aus, ist aber gut.

Mit einer Fähre über die Bucht nach Brixham, einem nicht nur Ausflugsort, sondern auch funktionierenden Fischereihafen. Nicht auf den Fotos: ein rostiges Schiff, gepflastert mit enttäuschten Plakaten zur Brexit Politik. Man, oder einige, will richtig raus aus der EU. Fischerei hat einen emotionalen Stellenwert in den UK, doch ist keine wirtschaftliche Größe als solche, die Fischereichancen sind also schlecht. Und selbst der wohlwollendste Politiker kann die Überfischung, die alle Anrainerländer seit Jahrzehnten verursacht haben, nicht zurücknehmen.

Der Hafen von Brixham

Jede Menge Boote, jede Menge Preisklassen (bei einem Bootsmakler sehen wir Preise, die deutlich über das eines Einfamilienhauses hinausgehen).

Ein englisches Lido (gesprochen Leido) – ein Schwimmbad am Meer.

Wanderzeichen am Boden: man kann die ganze zerklüftete Küste Meter für Meter, oder foot for foot, abgehen. Wir belassen es bei 1-2 Meilen. Dieses Mal.

Einen Abend verbringen wir bei Freunden von Freunden: Tipps von Einheimischen erhalten und zwei extrem nette und offene Menschen kennen lernen – großartig.

Die Kelsall Steam (Dampf) Ralley – hinter den Kulissen

Als Marktfrau kann man rumkommen. Unser Tattenhaller Dorfmarkt entschließt sich, bei der oben genannten Ralley einen gemeinsamen Stand zu bestücken und ich manage die Ware an den zwei Tagen. Eine von uns, die professionell Topfpflanzen zieht, Hühner, Schweine etc. verkauft, also eine Kleinbäuerin, ist seit ein paar Jahren mit ihren Pflanzen dort und hat uns als zweiten Stand angemeldet – inmitten von vielen vielen Autozubehörständen, E-Bikes, einem wunderschön restaurierten Roma-Wagen und diversen anderen Tandlern auf der zweitägigen Fahrzeugschau. Es sind nur 11 Meilen, man kann heimfahren, ich entscheide mich aber für leichtes Frieren im Zelt (das orange im Hintergrund) und fahre nur zum Brausen nach Hause. Denn die sanitären Anlagen sind eher rudimentär. Die meisten Leute haben einen Caravan dabei und den anderen ist es eh Wurst.

Am Samstag laufen die Geschäfte so und so, alle, die etwas eingebracht haben, verkaufen etwas. Sonntag ist heiß und sehr schleppend. Davon bin ich enttäuscht, aber alle Handelnden haben Schwierigkeiten. Es sind Tausende von Leuten da, doch die Pfunde sitzen lächerlich fest. Dazu ist es heiß und mittags spielt England gegen Panama (6:1). Sport, Wetter und  Brexitunsicherheit sorgen für geringes Konsumaufkommen.

Doch abends ist ein Feuerwerk gewesen und Rundgänge über das enorme Gelände mit Dampfmaschinen, Bussen, Autos, Traktoren und vor allem Lastern sind schwindelerregend (in England wirft man wirklich nichts weg). Ich bin so müde, dass ich trotz sehr lauter Live-Bandmusik einschlafe und morgens ist es früh so hell (Sonnwend), dass ich endlich mal Zeit habe, in Ruhe zu lesen.

Endlos kommen Brummis im Abendlicht an.

Ein kleiner Ausschnitt – von der modernen Zugmaschine bis zum Holz gefeuerten Modell ist alles dabei. Es sind Hunderte Fahrzeuge.

Die Stars der Schau:

Mini-Dampfmaschine.

Eine echte Dampfwalze. Ich habe eine beim rückwärts Einparken beobachtet, viel Gekurbel, doch einwandfreie Reaktion der Maschine, sehr gute Manövrierfähigkeit.

Wofür diese „Lokomotive der Straße“ genutzt wurde, ist mir nicht bekannt, sie wird aber bis heute gehegt und gepflegt.

Das mit den Dampfmaschinen ist richtig cool, doch selbst diese wenigen Typen zeigen: die Dampftechnik ist richtig dreckig. Überall Ruß und Staub. Ein kleiner Einblick, mit welcher Luft die Leute jahrzehntelang in Städten leben mussten. Zwar weniger Fahrzeuge, doch Heizungen, Fabriken … ganz schön heftig.

Man wäre nicht in England, wenn es nicht ein paar Exzentriker gäbe, die alles Mögliche ausstellen:

Eine alte Melkmaschine (mit Notiz anbei, wenn man noch eine sehr alte Maschine auf dem Speicher rumliegen habe, der Eigentümer sammelt weiter). Die Maschine läuft, mit blauer Flüssigkeit wird der Weg der Milch nachverfolgbar gemacht.

Ein elektrisch angetriebenes Butterfass mit seinen beiden stolzen Ausstellern.

Von Hippies und Höhlenkäse

Ein Wochenende in Somerset

Wenn Deutsche Cheshire hören, denken sie oft an Käse – obwohl der Cheshire Käse ein verderblicher Halbweichkäse ist, der nicht oder kaum exportiert wird. Möglicherweise findet hier eine Verwechslung mit Cheddar statt, diesen Käse findet man massenweise – Gouda, Edamer und Emmentaler in einem Käse vereint, so allgegenwärtig ist er. Oft ist die Qualität entsprechend … bescheiden. Er kommt ursprünglich aus Cheddar in Somerset, wo es die Cheddarklamm und die Cheddarhöhlen gibt, in denen der Käse zum ersten Mal gereift ist. Man kann dort Tropfsteinhöhlen besichtigen (zu schönes Wetter für mich) und in einigen anderen Höhlen wird noch Käse hergestellt. Teurer Käse, doch lohnt: vielschichtiges Geschmackserlebnis, hat nichts mit dem Supermarktkäse zu tun. Man muss nicht immer nur über Weinnuancen reden … (eigentlich muss man überhaupt nicht über Wein reden, doch lassen wir dass dahingestellt; in Somerset kann man übrigens über Käse- oder Ciderfeinheiten reden. Cideräpfel werden in großem Stil angebaut und oft wird er zimmerwarm serviert). Den Käse habe ich vom ältesten Käsehändler der Cheddarklamm gekauft, seit 1870 verkauft man Käse.

Die Klamm ist ENORM populär. Sie ist nicht groß, an den Alpen gemessen, doch die größte ihrer Art in Großbritannien. Unten führt eine geringe Landstraße hindurch, voller Parkplätze. Doch oben entlang geht ein Weg, links hoch, dann hinunter, wieder hoch und auf der anderen Seite zurück. Auch kann man entlang der Parkplätze gut in die Schlucht hineingehen. Es herrscht Verkehr, doch es geht ganz gut. Die Sonne scheint, die Touris essen Eis, stehen für die Höhlen an, alles ist gut. Man merkt, dass einige der Autos nur wegen der Schlucht hier entlangfahren und nicht, weil sie von A nach B wollen. Und nach dem 10. Auto ist sogar mir aufgefallen, dass es zu laut röhrte: Porsche in allen Primärfarben sieht man im Rudel sicher nicht jeden Tag. Ein Porschetreffen in der Cheddarklamm … dann hat man alles gesehen.

Steil geht es nach oben.

Blick auf Cheddar und ein Wasserreservoir.

Warum war ich überhaupt dort? Klaus hat wieder Schach gespielt, in Frome (kam in seiner Kategorie von Platz 55 auf Platz 24, sehr respektabel). Frome ist ein sehr nettes Städtchen, ein bisschen künstlerisch, ein bisschen alternativ, ein bisschen bodenständig. Frome liegt in Somerset, nicht in den berühmten Cotswolds, die sind aber nicht weit. Wie dort dominiert hier der wunderbare gelbe Kalkstein. Wir besuchen Somerset bei perfektem Maiwetter, da sieht es überall erfreulich aus. Man kann sich die Gegend jedoch auch bei Regen und Kälte angenehm vorstellen.

Ein Vintageladen (Ware Zweiter Hand aus den 50ern, 60ern und Neuware im alten Stil). Man beachte das leuchtend rosa Kleid in der Ecke und die schönen Türgriffe aus den 60ern.

Im zweiten Bild unser B&B – sehr stilvoll in einer kleinen Gasse gelegen. Den Mini davor zeigt an, man ist eher in England, nicht in Italien, wo ein Fiat wahrscheinlicher wäre.


Die Hippies aus dem Titel finden sich in Glastonbury, dem Städtchen mit dem weltberühmten Musikfestival. Ganzjährig gibt es den Tor zu besuchen, einen Hügel in flacher Landschaft, der Alternative magisch anzieht. Die Innenstadt von Glastonbury sieht aus wie eine Zeitblase aus den 60ern. Nichts als bunte Kleidung, Rastalocken, Kristallläden. In wie vielen Orten auf der Welt spielen Straßenmusiker Harfe!

Der Tor, der Hügel, beherbergte früher ein Kloster, ein Turm ist noch erhalten.

Netterweise hat man an Radfahrende gedacht, in der Schafweide, am Weg.

Glastonbury zieht Reisende seit langer Zeit an – auf dem Brunnenbogen aus dem 19. Jahrhundert steht ‚To the Tor‘ (Zum Tor) und eine Hand deutet in die richtige Richtung.


Bristol haben wir auch besucht, mit dem Zug. Tolle Stadt, tolle Essmöglichkeiten. Viele Studies, locker, modern. Zu Fuß zur und auf die berühmteste Attraktion der Stadt: die Clifton Kettenbrücke über den Fluß Avon. Das UK hatte viele berühmte Ingenieure, doch der berühmteste ist wohl Isambard Kingdom Brunel. Von dem ist diese Brücke.

Brückenhängung auf der Brücke – Detail.


Supertoll auch Wells, eine kleine Stadt mit Kathedrale. Ich fahre hin, sehe eine Kirche, denke, ja, klar, kleine Stadt, kleine Kathedrale und gehe darauf zu. Drehe mich zufällig um, und da ist sie, die wirkliche Kathedrale: gar nicht so klein.

Ich komme gerade recht zum nachmittäglichen Evensong (Gottesdienst mit viel Gesang). Die Chorknaben und -männer singen von traditionell bis ultramodern, die Predigt dreht sich um Hegels Weltgeist. Ein unerwartetes intellektuelles Vergnügen.

April, April

Der 1. April ist längst Geschichte, Menschen, die auf mehr oder minder gelungene Scherze hereingefallen sind, dürften sich wieder beruhigt haben – entweder, indem sie mit dem Lachen aufgehört haben oder mit dem Genervt-sein.
Keine Ahnung, welche mehr offiziellen Scherze 2018 gelaufen sind, von Seiten der Medien oder einflussreicher Webseiten. Habe weder auf englischer noch auf deutscher Nachrichtenseite etwas gesehen oder gehört. Auch google, ein Unternehmen bekannt für gute Stimmung und harmlose Internetweltherrschaft in fröhlichen bunten Farben (das ist jetzt Sarkasmus) macht jedes Jahr einen Scherz mit dem bekannten amerikanischen Nicht-Humor.

Was heißen kann, dass einige der bierernsten politischen Meldungen der letzten Tage HOFFENTLICH nur Scherze waren. Vermutlich leider nicht.

Ohnehin befassen sich Aprilscherze meist nicht mit der Weltlage, sondern nehmen sich Randgeschehen vor.

Einer meiner liebsten Späße kam vor Jahren von der BBC. Echte Spieler und Offizielle, die man an der Stimme schon erkennen kann, so berühmt sind sie, wurden befragt, warum sie bei der Kampagne, die Fußballtore weiter zu machen, mitmachen würden. Die Aussagen gingen dahin, sie hätten es satt, immer nur Latten zu schießen. Latten wären derart häufig, dass völlig klar sei: Tore sind zu klein. Mit einem größeren Tor gäbe es viel mehr Tore und das Spiel wede noch attraktiver.

Die haben mich ein paar Minuten lang dran gekriegt.

Meine Lieblingsmeldung aus Deutschland (vom WDR, glaube ich): Heinz Erhardt und Ludwig Ehrhard seien Brüder gewesen. Sie hätten sich nicht gut vertragen, deshalb habe man sie nie zusammen gesehen. Von der Statur her wäre das noch hingekommen … und wenn man das im Radio hört, fällt die unterschiedliche Schreibweise der Nachnamen nicht ins Auge.


Der Ursprung des Aprilscherzes ist, aller Forschung zum Trotz, unbekannt. Es gibt viele Spuren, doch eigentlich … So galt der 1. April bei den Römern als einer von mehreren Unglückstagen, später war es in Frankreich der Tag, Liebesbriefe zu übermitteln, und so gibt es der Bespiele mehr aus vielen Jahrhunderten. In Europa und Nordamerika hat sich das Ganze irgendwann im 19. oder 20. Jahrhundert zu einem unernsten Datum verdichtet. Die Menschen treiben halt gerne Schabernack und so war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich das institutionalisiert hat.

Dieses Jahr hat sich Klaus hingesetzt und an seine Schachkumpel und Kumpelinen eine E-Mail mit folgendem Inhalt abgesetzt: Es täte ihm Leid, Cheshire zu verlassen, aber wir würden auswandern. Er habe noch nie in einem Land gelebt, in dem seine Anwesenheit eine Statistik für irgendwas deutlich beeinflusst hätte. Das wolle er ändern und zwar durch einen Umzug nach – Antigua und Barbuda. Der Karibikstaat befindet sich (das kann man nachlesen) auf Rangliste 179 und damit auf dem letzten Platz der Weltschachorganisation FIDE*. Es sind dort zwei Spieler mit einem sehr geringen Rang gemeldet. Wenn Klaus dort hinziehen würde, für Antigua und Barbuda spielte und sein Rang addiert,  würde das Land sofort Laos überrunden, das nächstniedrig eingestufte Land.

*FIDE: Fédération Internationale des Èchecs. Französisch.

Die Schachspielenden von Cheshire haben teilweise mehr als scharf überlegen müssen, ob das wahr ist ! E-Mails flogen hin und her …


Kehrseite der Geschichte: ich habe mich natürlich sofort schlau gemacht, ob man nach Antigua und Barbuda auswandern kann. Es ist eines dieser Commonwealth-Staaten, die spät (1981) unabhängig wurden, eine verheerende Kolonial- und SklavInnengeschichte hinter sich haben und mehr als pleite sind – trotz der angeblich 365 Strände und des herrlichen Wetters. Deshalb sind sie nicht sehr originell auf die Idee der gekauften Staatsbürgerschaft gekommen. Seit einigen Jahren genügt es, ein Haus zu erwerben, das mehr als 400.000 Dollar kostet und eine Residenzpflicht von 30 Tagen im Jahr zu erfüllen. Das geht ja alles, Monaco macht es leider nicht anders, nur teurer. A.undB. wirbt aber auch offiziell dafür, dass man mit dem Paß des Landes visafreien Zutritt zu 131 Ländern, darunter die EU, besitzt.
Man muss nicht eine wirklich schmutzige Phantasie besitzen, um das als Einladung für Drogenhändler, Menschenschmuggler und sonstiges Gesocks zu verstehen, sich reinzuwaschen und neue Märkte zu erschließen. Ich möchte gerne gutgläubig sein, das fällt mir hier aber schwer.