Der Brite / die Britin und sein / ihr Haustier

von Klaus

Hier im Lande sorgt man sich sehr um das Haustier. Ich erinnere nur an meine Erfahrung als Zuschauer beim Polo-Spiel, die man in diesem Blog in einem Beitrag vom 5. Juni 2017 nachlesen kann.

Merkwürdig in diesem Zusammenhang ist auch eine sprachliche Formulierung, die eine entscheidende Frage offenlässt – in diesem Fall die Frage, wer wen rettet. Eine Dame aus dem Tennisklub erzählte mir, ihr Hund sei ein „rescue dog“, wörtlich und korrekt übersetzt „ein Rettungshund“. Ich stellte mir also so etwas wie einen Bernhardiner vor und war nicht wenig erstaunt, als ich das Tier in Augenschein nahm und einer ziemlich kümmerlichen Kreatur gewahr wurde. Auf Nachfrage wurde ich belehrt, dass „rescue dog“ auch das glatte Gegenteil bezeichnen kann, nämlich einen Hund, der von seiner aktuellen Besitzerin aus Tier-unwürdigen Lebensumständen gerettet wurde.

Wenn König oder Königin zur Rettung des Vaterlandes rufen (wie etwa im Ersten Weltkrieg), dann müsssen nicht nur die menschlichen Untertanen sich unwürdigen Lebensumständen zum Beispiel in Schützengräben aussetzen, sondern die tierischen Untertanen ebenfalls. Respektabel dabei ist, dass man im Nachhinein nicht allein den menschlichen Opfern und Helden Denkmäler setzt. Auch dem leidenden Tier wird gedacht und Respekt gezollt. Ein Beispiel dafür ist George, ein handgeschmiedetes Eisenpferd (Granaten transportierend), aufgestellt nahe der Säule mit den Namen der in den Kriegen gefallenen Kameraden aus unserm Dorf Tattenhall. Eine Inschrift erklärt den Sinn des Dekmals: Man solle sich auch der vielen Pferde aus Tattenhall und dem gesamten Land erinnern, die im Ersten Weltkrieg zu Tode gekommen sind oder zumindest sehr gelitten haben.

Nun ist aber nicht allein der Leiden-stiftende Erste Weltkrieg großes Thema der britischen Patrioten und Patriotinnen. Stolz ist man hierzulande außerdem auf die industrielle Revolution, als deren Kernland man sich (möglicherweise zu Recht) empfindet. Ebenfalls respektabel: Es wird dabei nicht verschwiegen, welche enormen Opfer (unter den Arbeitern und Arbeiterinnen) diese Revolution hervorgebracht hat. Auch hier wird das Tier ins Opfer-Gedächtnis mit einbezogen.

Auf einem Spaziergang entlang eines der Kanäle, auf denen Produkte eben dieser Revolution transportiert wurden, sah ich dieses Holzpferd. Es erinnert an jene Huftiere, welche die Lastkähne auf den Treidelpfaden ziehen mussten. Die Schrifttafel lässt das arme Tier sprechen: „Trottend auf dem immergleichen schmutzigen Pfad / und das immergleiche alte Boot ziehend / Kannst du dir vorstellen, wie das ist … / tagein – tagaus?“

Bei soviel Augenmerk auf das geliebte Haustier, wen wundert dann noch Folgendes, das ich kürzlich einem britischen Nachrichtenmagazin entnahm?: Befragt wurde eine repräsentative Auswahl von Personen mit schulpflichtigen Kindern und gleichzeitig einem oder mehreren Hunden. „Was ist Ihnen bei der Wahl Ihres Wohnortes wichtiger, die Nähe zur Schule Ihrer Kinder oder die (Auslauf-)Bedingungen Ihres Hundes?“ Es waren nicht wenige, die antworteten …. – na was wohl?

Sonnenuntergang

in Plymouth, vom schönsten Platz dort – hoch über der Hafeneinfahrt. Im Sommer lud das zum Baden ein, heute ist es zu kalt dafür. Urlaub im November ist eben anders!

Plymouth ist ein merkwürdiger Ort. Die geschützteste natürliche Bucht, die man sich vorstellen kann, Francis Drake erwartete hier die Armada (er vertrieb sich die Zeit, wie man sagt, mit Boulespielen auf der zentralen Anhöhe, von der das Bild oben geschossen worden ist).

Blick seitlich zurück auf die zentrale Anhöhe, den so genannten Hoe.
Nach der Zerbombung im 2. Weltkrieg wurde die Innenstadt neu auf dem Reißbrett entworfen. Der Entwurf ist symmetrisch wie ein barocker Garten, großzügig, doch die Folgebebauung und die moderne Ladenaußenausstattung machen daraus heute ein typisches und hässliches Konsumterrornetzwerk. Die Stadt besteht aus riesigen Wohnvierteln, die sich an die umliegenden Hügel zwischen den Flüssen Tamar und Plym schmiegen, doch wo ist die Arbeit? Die Marine und Universität spielen wichtige Rollen, doch die aggresive Vermarktung von Wohnheimen und Privatunterkünften legt nahe, dass es zu viel Angebot am Wohnungsmarkt gibt. Die Preise sind nicht höher oder sogar niedriger als in Tattenhall, wo nun wirklich nichts los ist.

Katholische Kathedrale (links) mit anglikanischem Kirchturm Mitte hinten. Italienisch anmutende Architektur findet sich an einigen Stellen der Stadt.

Viele Gegensätze also in Plymouth, eine Stadt, die sich bemüht, aus der Zeit der Sparpolitik nach dem 2008er Crash herauszukommen und offensive Stadtplanung zu betreiben, z.B. durch den Bau eines Viertels am Hafen.


Nicht weit entfernt wunderbare Sandstrände mit Felsenschutz.

Plymouth liegt an der Grenze zu Cornwall, wo auch obiges Bild entstand und zwar an der Südküste, der Kanalküste.

Quert man Cornwall nach Norden, findet man einen sehr netten Rad-/Wanderweg, eine ehemalige Eisenbahnstrecke, die das Inland mit der Küste verbindet.

Mündung des Flusses Camel bei Padstow, Endstation des Radweges.

Hier ist viel los und es ist November! Wir kehren in Padstow in ein von einer Neuseeländerin geführtes Café ein (amerikanischer Käsekuchen mit salziger Karamellsoße und Popcorn, im Hintergrund Klaus‘ Baiser-Beeren-Roulade). Sie sagt mir auf Nachfrage, für November sei das Geschäft normal, im Sommer dagegen kann es verrückt viel werden.

 

100 Jahre

Während in Deutschland der Schwerpunkt der Erinnerung an 100 Jahre Ende Ersten Weltkriegs vielerorten auf dem lag, was kam, Revolution, Weimarer Republik, das Frauenwahlrecht, ist der „Große Krieg“, wie er in Frankreich oder den UK genannt wird, DAS Ereignis. In Großbuchstaben. Seit vier Jahren lief z.B. jeden Tag eine viertelstündige Radiosendung, die typische Kriegsereignisse gespiegelt an der Heimatfront nachspielt. Danach kann man nur sagen: ist dieser Krieg denn nie zu Ende?

Naja, 2018 war er dann doch vorbei, die Erinnerungskultur trieb Blüten, besonders in manchen Dörfern. So auch in Tattenhall, das an vielen landesweiten Aktionen teilnahm. Es hatte schon was von: wir tun das nun alle und das tut man jetzt so. Niemand wurde jedoch gezwungen, eine schweigende Minder- oder Mehrheit hat in dem Rausch des ‚wir stehen zusammen und gedenken‘ nicht mitgemacht. Überall rote Mohnblumen an Revers, der Frauenverein hat seit Monaten alle und jede gedrängt, Mohnblumen zu häkeln, stricken, zu basteln, die Pfadfinderinnen wurden eingespannt, es gab Aufrufe auf der Dorfwebseite. Alles nur, um ein großes Netz mit den Blumen zu benähen, das einen Blutsee zeigen soll. Als Echo der tönernen Mohnblumen, die 2014 im Tower von London gezeigt wurden, siehe im Link.

Rechts im Bild ist eine Plexiglassilhouette zu sehen, die in dieser Form auch in vielen Kirchen in den Bänken zu finden war: der fehlende Mensch.

Viel sympathischer als diese Darstellungen:

Schwarze Soldatenausschnitte an etlichen Geschäften und am Gemeindehaus.

Eingang zum Friedhof, der Metallkamerad bringt einem nicht nur nächtens das Gruseln bei.

Die Kirche ist blutrot geschmückt.

Ein bisschen der Übergau im öffentlichen Raum. Wir haben auch, wenn auch eher zufällig, unseren Beitrag geleistet: Glockenläuten war sehr gefragt. Am Sonntag war 3maliger Einsatz, einmal halb gedämmt, dann freudig in voller Lautstärke, denn der Frieden ist ausgebrochen – nicht ganz passend zum Brexitgeschehen.
Einmal läutete ich in einer Nachbarkirche vor einem Mitsingabend. Ich konnte zur ersten Hälfte bleiben, wir haben alte Gassenhauer gesungen, bis (es gab eine Dramaturgie) der Krieg ausbrach und die Lieder sich etwas geändert haben. War schon sehr eigen … Volksfest mit Untertönen. Diese unschuldige englische Art, Party zu machen.

Am Samstag wurde in der riesigen anglikanischen Kathedrale zu Liverpool (ca. 100 Jahre alt, neogotisch) Benjamin Brittains War Requiem – Kriegsrequiem gegeben. Eine Koproduktion des Royal Liverpool Orchester mit Chor und dem NDR Radioorchester und Knabenchor aus Hannover (Knabenchor auf der Empore quer über das riesige Kirchenschiff).

Das Konzert war ausverkauft und auch für nicht Klassikfans wirklich gut anhörbar und bewegend (Anmerkung: die Musik war sogar harmonisch).

In Liverpool trugen nicht so viele Menschen auf der Straße Mohnblumen, doch der Fernsehturm bekam eine jahreszeitliche Beleuchtung (in der Mitte des Bildes im Hintergrund zu sehen, das Bild wurde nur schnell auf der Straße geknipst, links findet sich eine Fassadenfigur, woher die bunten Schlieren kommen: ??):