Unterwegs in Sachen Kultur

Die Theaterkritik des Tages kommt von Klaus:

Ich hatte mir Theaterkarten gekauft. Bertolt Brecht, „Mutter Courage und ihre Kinder“. Ich hatte das Stück bereits zweimal in Deutschland gesehen, zuletzt sogar beim Brecht-Ensemble in Berlin. Diesmal sollte es in Manchester aufgeführt werden. Vorgestern (11. Februar 2019) war es soweit. Ich fahre mit dem Zug. Der Blick bei der Einfahrt nach Manchester fällt auf eine Masse von Kränen. Aha, hier bau-boomt es. Es boomt auch in der Innenstadt. Die Medien beschwören das Ende der High Street. (Gemeint ist, dass in Großbritannien viele traditionsreiche Innenstadtläden, Kaufhäuser usw. straucheln, teilweise schließen müssen.) Davon ist in Manchester nichts zu sehen, nichts zu spüren. Es pulsiert. Hier ist man nicht arm. Doch halt. Es pulsiert eben an der Armut vorbei. Sie sitzt am Straßenrand, vor sich einen Plastikbecher mit ein paar Münzen drin, später am Tag dann in einen Schlafsack eingerollt, vor einem Schaufenster liegend. Die Stadt hat ihr ein Denkmal gesetzt: eine Skulptur auf dem Bürgersteig einer Straße, die einen Obdachlosen im Schlafsack auf einer Bank schlafend darstellt.

Überall in der Innenstadt sieht man Gebäude aus einer Zeit, in der Manchester schon einmal boomte. Imposant ist die Corn Exchange (Getreidebörse), in ihrer jetzigen äußeren Form 1897/1903 erbaut. 1996 attackierte die IRA (Irisch Republikanische provisorische Armee) Manchesters Innenstadt mit einer 1.500 Kilogramm-Bombe. Zu jener Zeit beherbergte die Börse vornehmlich alternative kleine Läden und Marktstände. Die IRA machte diesen mit ihrem Fanal ein Ende. Seit 2015 dürfte der Ausdruck „Fress-Tempel“ für das Gebäude nicht unangemessen sein. 17 Restaurants reihen sich im Rund aneinander. In der Mitte dieses Runds stehen ebenfalls Esstische (gemeinsam genutzt) – und zwar unter einer beachtlichen Glaskuppel, die den Ausdruck „Tempel“ zusätzlich nahelegt.

Und eine solche Glaskuppel befindet sich in einem zweiten Börsengebäude, nicht weit von der Corn Exchange. Es ist die Royal Exchange (Königliche Börse). Mein Weg führt mich einfach deshalb dorthin, weil Brecht im Royal Exchange Theatre aufgeführt wird. Meine Vorstellung von diesem Theater ging etwa in die folgende Richtung: Was immer dieses Börsengebäude heute ausmachen mag (Läden, Restaurants, Büros), irgendwo würde ich eine Treppe hinunter in den Keller suchen müssen, um ins Theater zu finden. In dieser Vorahnung betrete ich das Gebäude und bin perplex. Wieder ein Rund, über dessen Mitte die Glaskuppel schwebt, unter ihr die Theaterbühne, zu vier Fünfteln rundherum eingefasst durch die Zuschauerränge, von ebenbühnig (= ebenerdig) bis hinauf zum zweiten „Balkon“. Ein Theater wie ein Zirkusrund. Um das eigentliche Theater herum die obligatorischen Gelegenheiten für den kleinen Imbiss vor und nach der Vorstellung wie auch in den Pausen.

Der Marketender-Wagen, den anfangs noch die Söhne „der Courage“ ziehen, ist ein kleiner (ursprünglich) Lieferwagen, aus dem heraus Speiseeis verkauft wird, hier mit einer Aufschrift, die zu Deutsch etwa besagen würde „Speiseeis mit ,Warentest’-Urteil sehr gut“. Dass ein solcher Wagen nicht in den Dreißigjährigen Krieg passt, in dem Brecht das Stück spielen lässt, ist nun bereits klar. Die Soldaten tragen Tarnuniformen, wie sie heutzutage in vielen TV-Nachrichten zu sehen sind – Nationen-unspezifisch. Die kriegführenden Parteien sind die Roten und Blauen (und nicht wie im Originaltext die Schweden und die Kaiserlichen). Die musikalischen Einlagen sind neu komponiert, geben aber – so fand ich – die Brechtsche Intention zeitangepasst gut wieder. An der Handlung selbst findet keine „entstellende“ Änderung statt, ebensowenig wie am Textstrang. (Wort für Wort kann ich’s nicht beurteilen, weil die Schauspieler – sie sind großartig – eine sehr volkstümliche nordenglische, mir nicht immer en detail verständliche Mundart sprechen.)

Brecht als ausgewiesener Dialektiker war ein Propagandist der Idee, dass die Dinge sich fortwährend ändern. (Sein Lied von der Moldau ist ein Beispiel:

„Am Grunde der Moldau wandern die Steine

Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.

Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.

Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne

Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.

Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne

Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt.“)

Auf sich selbst bezogen war er wohl weniger veränderungsbereit. Er hat für seine „Mutter Courage“ Regieanweisungen verbindlich für jede, auch künftige, Inszenierung festgelegt. So kam es, dass die beiden Aufführungen, die ich bis dato in Deutschland gesehen hatte, sich kaum voneinander unterschieden. Langweilig. Die Aufführung in Manchester hingegen ignoriert seine Anweisungen und versorgt somit die „Mutter“ mit frischem Blut. Ich glaube sogar, Brecht wäre einsichtig gewesen und zufrieden mit der englischen Art.

Köpfe zählen in Liverpool

Zu Besuch bei zwei Skulpturenprojekten.

Die vielen

Das erste Projekt findet sich am Übergang Merseyufer zu Meer, Liverpoolseite.

Auf der einen Seite Hafenkräne, auf der anderen ein Naherholungsgebiet mit den Gästen, die diesen Strand international bekannt gemacht haben:

In Crosby bei Liverpool (einmal umsteigen mit dem Zug von Chester) weht zwar heute eine eisige Brise, doch dorthin muss man, will man die 100 lebensgroßen Eisenfiguren von Anthony Gormley, genannt Another Place (ein anderer Ort) besuchen. Bei Flut umspült, bei Ebbe aus dem Sand aufragend, schauen alle Figuren in dieselbe Richtung, weg vom Land auf das Wasser hinaus. Sie bleiben unbeweglich. Ein oder zwei kippen, wie im Hintergrund zu sehen. Man denkt: stütz dich doch ab, doch sie fallen nicht organisch, sie bleiben steif.

Die Jahre am Meer haben den einfach gegossenen Figuren zugesetzt, das Eisen korrodiert, löst sich auf, wird im Laufe von Jahrzehnten? Jahrhunderten? mit dem Sand verschmelzen, in die Luft getragen, vom Wasser weggewischt werden.

Manchmal kommt jemand vorbei und spendiert einen Janker.

Kaum zu erkennen, wer von den streichholzgroßen Figuren im Hintergrund hat Blut in den Adern und wer friert niemals.


Von den vielen zu dem einen

Derweil in Liverpool vor der Anglikanischen Kathedrale eine besondere Leihgabe, der Knife Angel (Messerengel). Bedauerlicherweise haben im schusswaffenarmen Großbritannien die Gewaltverbrechen mit spitzen Gegenständen zugenommen. Nimmt das verletzte Ego halt Messer für Banden-Stecherei, das häusliche Zerwürfnis, die betrunkene Auseinandersetzung am Wochenende zur Hand. Ob Hackebeil oder 50 Pence Küchenmesser, Hauptsache scharf und jemandem eine Lehre erteilt!

Der Künstler Alfie Bradley wollte diese zerstörerische Energie in etwas anderes verwandeln und hat von der Polizei konfiszierte und durch Amnestien eingebrachte Messer erhalten, gereinigt und ent-schärft. In zwei Jahren Arbeit hat er über einem Stahlskelett 100.000 (in Worten: einhunderttausend) Messer in einen über 7m hohen Engel verwandelt.

Vor der enormen Wand der Kathedrale steht ein kleines Männchen; eigentlich.

Näherkommend, da steht er, mit ernsthaftem Blick, und zeigt seine leeren Hände.

Die bunten Plastikgriffe der Messer sind zu sehen, die verschiedenen Größen; die Flügel sind nur aus Klingen gefertigt. Einige tragen Inschriften, die auf Wunsch von Operfamilien oder auch Tätern eingraviert wurden.

Fast wie ein Gekreuzigter steht / hängt er an seinem Stahlkorsett.

Es gibt sie noch …

… die Dinge, die verschwunden oder verborgen scheinen; oder deren Existenz angezweifelt werden:

NICHT verschwunden:

Der intellektuelle Reisende in seiner arttypischen Tracht, dem schweren Stoffmantel, der einem Politiker aus den 50iger Jahren auch gut zu Gesicht gestanden hätte. Auf dem Tisch in der üblichen Anmutung von Sportzeitschriften doch die Edelste unter diesen: die Schachzeitschrift. Der Mantelträger ist nicht sichtbar, als Verbeugung in Richtung Moderne wird eine Cola gekauft (Flughafen München, MUC).

Impression vom Rollfeld (was soll man auch sonst machen)

NICHT (mehr) verborgen:

Der Mond ist wieder da. Herbe Enttäuschung am Montag um 5 Uhr früh, als sich die angekündigte Mondfinsternis hinter unbewegtem Hochnebel versteckte. Eine Finsternis hätte es nicht nötig gehabt, sich zu verstecken, doch – da machste nix. Seitdem sieht man wie spottend den schwächer werdenden Mond jeden Morgen bei klarstem Himmel in den Tag hineinscheinen (6.30 GMT).

 

NIE wieder anzweifeln:

Schnee in Tattenhall. Selbst das ist möglich. Hoffentlich ist er bis zum Abend wieder verschwunden. Ohne Winterreifen, die es hier nicht gibt und schon gar nicht vorgeschrieben sind, kann und will nicht zur Glockenprobe in umliegenden Kirchen angetreten werden. Aus dem ersten Stock auf die Choisya (Orangenblumenstrauch) im Vorgarten.

Der Brite / die Britin und sein / ihr Haustier

von Klaus

Hier im Lande sorgt man sich sehr um das Haustier. Ich erinnere nur an meine Erfahrung als Zuschauer beim Polo-Spiel, die man in diesem Blog in einem Beitrag vom 5. Juni 2017 nachlesen kann.

Merkwürdig in diesem Zusammenhang ist auch eine sprachliche Formulierung, die eine entscheidende Frage offenlässt – in diesem Fall die Frage, wer wen rettet. Eine Dame aus dem Tennisklub erzählte mir, ihr Hund sei ein „rescue dog“, wörtlich und korrekt übersetzt „ein Rettungshund“. Ich stellte mir also so etwas wie einen Bernhardiner vor und war nicht wenig erstaunt, als ich das Tier in Augenschein nahm und einer ziemlich kümmerlichen Kreatur gewahr wurde. Auf Nachfrage wurde ich belehrt, dass „rescue dog“ auch das glatte Gegenteil bezeichnen kann, nämlich einen Hund, der von seiner aktuellen Besitzerin aus Tier-unwürdigen Lebensumständen gerettet wurde.

Wenn König oder Königin zur Rettung des Vaterlandes rufen (wie etwa im Ersten Weltkrieg), dann müsssen nicht nur die menschlichen Untertanen sich unwürdigen Lebensumständen zum Beispiel in Schützengräben aussetzen, sondern die tierischen Untertanen ebenfalls. Respektabel dabei ist, dass man im Nachhinein nicht allein den menschlichen Opfern und Helden Denkmäler setzt. Auch dem leidenden Tier wird gedacht und Respekt gezollt. Ein Beispiel dafür ist George, ein handgeschmiedetes Eisenpferd (Granaten transportierend), aufgestellt nahe der Säule mit den Namen der in den Kriegen gefallenen Kameraden aus unserm Dorf Tattenhall. Eine Inschrift erklärt den Sinn des Dekmals: Man solle sich auch der vielen Pferde aus Tattenhall und dem gesamten Land erinnern, die im Ersten Weltkrieg zu Tode gekommen sind oder zumindest sehr gelitten haben.

Nun ist aber nicht allein der Leiden-stiftende Erste Weltkrieg großes Thema der britischen Patrioten und Patriotinnen. Stolz ist man hierzulande außerdem auf die industrielle Revolution, als deren Kernland man sich (möglicherweise zu Recht) empfindet. Ebenfalls respektabel: Es wird dabei nicht verschwiegen, welche enormen Opfer (unter den Arbeitern und Arbeiterinnen) diese Revolution hervorgebracht hat. Auch hier wird das Tier ins Opfer-Gedächtnis mit einbezogen.

Auf einem Spaziergang entlang eines der Kanäle, auf denen Produkte eben dieser Revolution transportiert wurden, sah ich dieses Holzpferd. Es erinnert an jene Huftiere, welche die Lastkähne auf den Treidelpfaden ziehen mussten. Die Schrifttafel lässt das arme Tier sprechen: „Trottend auf dem immergleichen schmutzigen Pfad / und das immergleiche alte Boot ziehend / Kannst du dir vorstellen, wie das ist … / tagein – tagaus?“

Bei soviel Augenmerk auf das geliebte Haustier, wen wundert dann noch Folgendes, das ich kürzlich einem britischen Nachrichtenmagazin entnahm?: Befragt wurde eine repräsentative Auswahl von Personen mit schulpflichtigen Kindern und gleichzeitig einem oder mehreren Hunden. „Was ist Ihnen bei der Wahl Ihres Wohnortes wichtiger, die Nähe zur Schule Ihrer Kinder oder die (Auslauf-)Bedingungen Ihres Hundes?“ Es waren nicht wenige, die antworteten …. – na was wohl?

Sonnenuntergang

in Plymouth, vom schönsten Platz dort – hoch über der Hafeneinfahrt. Im Sommer lud diese Stelle zum Baden ein, heute ist es zu kalt dafür. Urlaub im November ist eben anders!

Es ist schön hier, doch Plymouth ist ein merkwürdiger Ort. Die geschützteste natürliche Bucht, die man sich vorstellen kann, Francis Drake erwartete hier die Armada (er vertrieb sich die Zeit, wie man sagt, mit Boulespielen mit Blick auf die Bucht).

Blick  zurück auf die zentrale Anhöhe, den so genannten Hoe.

Doch seitdem, was ist geschehen? Nach der Zerbombung im 2. Weltkrieg wurde die Innenstadt neu auf dem Reißbrett entworfen. Der Entwurf ist symmetrisch wie ein barocker Garten, großzügig, doch die Folgebebauung und die moderne Ladenaußenausstattung machen daraus heute ein leider typisch hässliches Konsumterrornetzwerk. Der Rest der Stadt besteht aus riesigen Wohnvierteln, nicht unschön, die sich an die umliegenden Hügel zwischen den Flüssen Tamar und Plym schmiegen, doch wo ist die Arbeit? Marine und Universität spielen wichtige Rollen, doch die aggressive Vermarktung von Wohnheimen und Privatunterkünften legt nahe, dass es zu viel Angebot am Wohnungsmarkt gibt. Die Preise sind nicht höher oder sogar niedriger als bei uns in Tattenhall, wo nun wirklich nichts los ist.

Katholische Kathedrale (links) mit anglikanischem Kirchturm Mitte hinten. Italienisch anmutende Architektur findet sich an einigen Stellen der Stadt.

Viele Gegensätze also in Plymouth, eine Stadt, die sich bemüht, aus der Zeit der Sparpolitik nach dem 2008er Crash herauszukommen und offensive Stadtplanung zu betreiben. Es gibt da ein neues Viertel am Fährhafen, das sieht modern und interessant aus …


Nicht weit entfernt wunderbare Fels- und Sandstrände:

Zur Lage: Plymouth liegt an der Grenze zu Cornwall und zwar an der Südküste, der Kanalküste.

Quert man von dort Cornwall nach Norden, findet man einen sehr netten Rad-/Wanderweg, eine ehemalige Eisenbahnstrecke, die das Inland mit der Küste verbindet.

Mündung des Flusses Camel bei Padstow, Endstation des Radweges.

Hier ist viel los und es ist November! Wir kehren in Padstow in ein von einer Neuseeländerin geführtes Café ein (amerikanischer Käsekuchen mit salziger Karamellsoße und Popcorn, im Hintergrund Klaus‘ Baiser-Beeren-Roulade). Die Eigentümerin sagt mir auf Nachfrage, für November sei das Geschäft normal, im Sommer dagegen kann es verrückt viel werden. Ich kann es mir nur als vollkommen überlaufen vorstellen, denn jetzt schon bekommt man kaum einen Platz.

 

100 Jahre

Während in Deutschland der Schwerpunkt der Erinnerung an 100 Jahre Ende Ersten Weltkriegs vielerorten auf dem lag, was kam, Revolution, Weimarer Republik, das Frauenwahlrecht, ist der „Große Krieg“, wie er in Frankreich oder den UK genannt wird, DAS Ereignis. In Großbuchstaben. Seit vier Jahren lief z.B. jeden Tag eine viertelstündige Radiosendung, die typische Kriegsereignisse gespiegelt an der Heimatfront nachspielt. Danach kann man wirklich nur sagen: ist dieser Krieg denn nie zu Ende? 4 Jahre können endlos sein.

Naja, 2018 war er dann doch vorbei, die Erinnerungskultur trieb Blüten, besonders in manchen Dörfern. So auch in Tattenhall, das an vielen landesweiten Aktionen teilnahm. Es hatte schon was von: alle tun es und das tut man jetzt so. Niemand wurde gezwungen, eine schweigende Minder- oder Mehrheit hat in dem Rausch des ‚wir stehen zusammen und gedenken‘ nicht mitgemacht. Aber fast überall rote Mohnblumen an Revers, der Frauenverein hat seit Monaten alle und jede gedrängt, Mohnblumen zu häkeln, stricken, zu basteln, die Pfadfinderinnen wurden eingespannt, es gab Aufrufe auf der Dorfwebseite. Alles nur, um ein großes Netz mit den Blumen zu benähen, das einen Blutsee zeigen soll. Als Echo der tönernen Mohnblumen, die 2014 im Tower von London gezeigt wurden, siehe im Link.

Rechts im Bild ist eine Plexiglassilhouette zu sehen, die in dieser Form auch in vielen Kirchen in den Bänken zu finden war: der fehlende Mensch.

Viel sympathischer als diese Darstellungen:

Schwarze Soldatenausschnitte an etlichen Geschäften und am Gemeindehaus.

Eingang zum Friedhof, der Metallkamerad mitte rechts bringt einem nicht nur nächtens das Gruseln bei.

Die Kirche ist blutrot geschmückt.

Ein bisschen der Übergau im öffentlichen Raum. Wir bell ringer haben ebenso, wenn auch eher zufällig, unseren Beitrag geleistet: Glockenläuten war sehr gefragt. Am Sonntag war 3-maliger Einsatz, einmal halb gedämmt, dann freudig in voller Lautstärke, denn der Frieden ist ausgebrochen – nicht ganz passend zum Brexitgeschehen.

Einmal läutete ich im Zuge der Feierlichkeiten in einer Nachbarkirche vor einem Mitsingabend zum Krieg. Das muss man sich vorstellen! Ich konnte zur ersten Hälfte bleiben und habe mir das angesehen und auch mitgemacht. Wir haben alte Gassenhauer gesungen, bis (es gab eine Dramaturgie) der Krieg ausbrach und die Lieder sich etwas geändert haben. War schon sehr eigen … Volksfest mit Untertönen. Diese unschuldige englische Art, Party zu machen.


Am Samstag des Feierwochenendes wurde in der riesigen anglikanischen Kathedrale zu Liverpool (ca. 100 Jahre alt, neogotisch) Benjamin Brittens War Requiem – Kriegsrequiem gegeben. Eine Koproduktion des Royal Liverpool Orchester mit Chor und dem NDR Radioorchester und Knabenchor aus Hannover (Knabenchor auf der Empore quer über das riesige Kirchenschiff).

Das Konzert war ausverkauft und auch für nicht Klassikfans wirklich gut anhörbar und bewegend (Anmerkung: die Musik war modern und trotzdem harmonisch).

In Liverpool trugen nicht so viele Menschen auf der Straße Mohnblumen, doch der Fernsehturm bekam eine jahreszeitliche Beleuchtung (in der Mitte des Bildes im Hintergrund zu sehen, das Bild wurde nur schnell auf der Straße geknipst, links findet sich eine Fassadenfigur, woher die bunten Schlieren kommen: ??):

Ein Spaziergang an Wales Südküste

Es wurde Zeit, den Kanal von Bristol von der anderen, der walisischen Seite aus zu besuchen.

Samstag mit Sturm.

Eine Schachspielkonferenz gibt uns die Gelegenheit, Swansea zu besuchen. Nicht nur wegen des drohenden Sturmes mit Namen Callum sind wir froh, mit dem Zug zu fahren. 3,5 Stunden ohne Umsteigen, wundervoll! Endlich mal Zeit zu lesen.

Das Wetter ist nicht so ideal dieses Wochenende, doch durch die Stadt zu wandern vermittelt den Eindruck einer internationalen Stadt mit einer großen Uni und vielen neuen Wohnvierteln, z.B. am alten Hafen.

Sonntag ohne Sturm.

Die Südwalisischen sind ausgesprochen freundlich und entspannt, besonders die Busfahrer. Sehr hilfsbereit und der erste zuckt nicht mit der Wimper, als mir mein münzschweres Marktgeld (wir fahren direkt nach dem Freitagsmarkt) aus dem Netzchen fällt, in das ich es gesteckt hatte. Viel hartes Geld auf dem Busboden. Ich bin also die perfekte Touristin, die ihre Pfunde in einer Extrabörse hat und bestimmt die Euros in einer normalen;-) So kam ich mir jedenfalls vor.

Wie in Nordwales sind alle Beschriftungen zweisprachig, Walisisch auf der Straße hört man nicht viel. Die meisten MuttersprachlerInnen leben an der Westküste und im Inland.


Ein Schild mit Penceparkgebühren wie dieses unten hätte ich in jeder Sprache originell gefunden.

Gleich hinter dem Parkplatz befindet sich ein Art Deco Schatz: Die Brangwyn Hall, eine Veranstaltungshalle aus den 30ern. Fühlt man sich wie in Darmstadt auf der Mathildenhöhe.

Der Sonnenschein auf dem Seitenansichtbild ist nicht „echt“, das Foto ist aus dem Netz.

Detail, am Tag gemacht.

Es gibt einen großen Innenmarkt, den größten von Wales oder Großbritannien, doch so besonders fand ich ihn nicht. Dagegen der Wochen?markt am Industriemuseum, für das wir leider keine Zeit hatten, versorgte uns mit guten Hackfleischmet-im-Schlafrock Bissen und Pastetchen für Sonntag Abend und die Heimfahrt am Montag.


Bei so trübem Wetter gibt es nichts Besseres, als ein altmodisches Museum aufzusuchen. War ich froh, endlich das Glynn Vivian gefunden zu haben, bin immer in die falsche Richtung marschiert. Ein altes Gebäude, das die Sammlung und Geschichte eines dieser viktorianischen Weltenbummler und Schöngeister (der Namensgeber) beherbergt. Einer der das, was er gesehen und erfahren hat, mit allen Menschen teilen wollte. Erfreulicherweise sammelte er auch Briefbeschwerer. Ich habe eine Schwäche für Briefbeschwerer.

Es findet sich Platz für moderne Kunst, siehe das Un/Gleichgewicht der Kräfte um den ersten Weltkrieg von Yinka Shonibare (Das Ende des Imperiums):


Zurück am Meer Blick nach Mumbles, einem Touristenstädtchen mit Burg (nicht im Bild, da leider schon für den Winter geschlossen, ein Aufsuchen lohnte nicht).

 

 

 

 

Das Schach? K hat wieder mal einen kleinen Preis gewonnen. Dafür dass er als nicht so hoch eingestufter Spieler auch stärkere geschlagen hat.

 

 

 

Ja, wo laufen sie denn?

In Bangor-on-Dee (toller Name), einem walisischen Örtchen mit Rennbahn (Hindernisrennen). 10 Pfund pro Nase Eintritt inklusive Parkplatz. Wir sind mit Freunden auf dem open course verabredet, wissen aber nicht, was das bedeuten soll. Was es heißt, wissen wir „offene Rennbahn“, also die billigste Option, aber was bedeutet das, wo ist es? Wir stellen uns nach dem Parken und Erwerb der Tickets am Parkplatzeingangshäuschen an einem Tor an. Es gibt zwei Schlangen, ich weiß nicht, dass sie nicht gleichwertig sind. Werde an der einen freundlich an die andere verwiesen, ich bin in der VIP Ecke gelandet, die Leute haben bessere Tickets, grins. In der anderen Schlange bemerke ich, die Leute haben dieselben Tickets wie wir, doch die legen noch 10 Pfund am Tor drauf. Ich trete aus der Schlange heraus, finde heraus, das ist der Aufpreis für die Tribüne. Kompliziert. Wir haben vergessen, viel Geld einzupacken, Aufpreise gehen nicht, wir wollen ja noch wetten.

Open course meint also, man ist schon da, das Außengelände am Parkplatz ist gemeint. Es gibt eine erhöhte Wiese zwischen Parkplatz und Rennbahn, Spitzenblick, wir müssen nur die paar Meter hingehen und finden die Freunde. Picknickdecken allüberall, manche Leute feiern mit Freunden ihren 50. Geburtstag, Sektgläser, aufgebrezelte Leute, Leute in lässiger Kleidung, ein typischer britischer Ausflug an einem Freitagnachmittag.

Wir passieren die Wettbüros: die Buchmacher haben mobile Stände mit den Wettchancen für das jeweils nächste Rennen aufgebaut. Wie rustikal ist das denn!

7 Rennen sind angesagt. Der familienfreundliche Minimum Einsatz beträgt 2 Pfund. Und so ist es gelaufen:

Im ersten Rennen wetten wir noch nicht. Unsere Freunde setzen klugerweise 3 Pfund auf irgendein favorisiertes Pferd (im ersten Rennen sind nicht viele Pferde am Start, die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen ist einfach höher) und gewinnen 12 Pfund. Damit kann man wuchern …

1. Rennen, Zieleinlauf und kurz dahinter

Klaus setzt ohne Vorabsprache mit ihnen im 3. Rennen auf dasselbe Pferd wie die Freunde. Es wird Dritter. Ich setze auf ein anderes Pferd wie die Freunde im 4. Rennen. Grrhh, es wird Zweiter, das reicht aber nicht. Erst gegen Ende des Rennens holte es von ganz hinten auf. Unserer Freunde Pferd gewinnt auch nicht. Das 5. Rennen, beide setzen wir wieder zufällig auf dasselbe Pferd, erzielt wieder einen nur zweiten Gewinner.

Wir geben nicht auf. Klaus zieht los, wir haben nur noch 2 Pfund, also werden die 2 Pfund auf ein Pferd gesetzt. Er kommt mit dem Wettschein wieder. Unsere österreichische Freundin kommt auch zurück. Nicht zu fassen, sie hat 3 Pfund auf dasselbe Pferde gesetzt. So was kann man nicht planen. Eine kontinentale Vorliebe für dieselben Namen / Chancen? Nicht wirklich, ihr walisischer Freund hatte das Pferd erwählt.

Dazu zu den Bedingungen dieser Rennen: Es gibt es keinen Startschuss, das würde die Pferde in alle Richtungen auseinanderstieben lassen. Wegen der verschiedenen Längen der Rennen findet der Start überall auf der Bahn statt, auch weit weg von den Zuschauenden. Denn das Ziel liegt immer vor den teuren Plätzen – ist aber von den billigen Plätzen aus noch gut zu sehen. Selbst dann, wenn man wie wir den Fernstecher vergessen hat. Wir sind halt RennamateurInnen.

Den Start bekommt man also nicht unbedingt mit, doch dann kommen die Ansagen aus den Lautsprechern. Ich kucke alleine von der Anhöhe zu, die anderen stehen irgendwo an der Bahn. Ich habe fast vergessen, wie das Pferd heißt, ich glaube, es war Hermanus, Nummer 12, also achten wir mal auf dieses, mit irgendwas will man ja mitfiebern.

Zu Beginn des Rennens läuft Hermanus mittig mit, bleibt weiter mittig, wird dann erstaunlich oft vom Rennsprecher genannt, denn er bleibt nicht mittig, kommt tatsächlich weiter nach vorne und weiter nach vorne, ist auf einmal ganz vorne in dem dichten Feld, keine Ausreißer hier, schiebt sich auf den zweiten Platz vor, es sind nur noch 2 Hürden bis zum Ziel, er bleibt vorne, erster, noch eine Hürde, niemand fällt, Hermanus ist vorne, das kann doch nicht sein, Zielgerade – und unser Pferd hat gewonnen … 14 Pfund.

Da nehmen wir doch das Geld und hauen ab, solange wir im Wettplus sind (3 Pfund). Auf das 7. Rennen warten wir nicht mehr, man muss es nicht verschreien.

 

Massenweise Eindrücke

Ein letztes cornisches Schmankerl ist St. Isaac, ein kleiner Fischerhafen mit tief in das Land eindringende / vorragende, wie man es nimmt, Bucht. Selbst diese Premiumlage wird zusätzlich mittels zweier Kaimauern (Bild, links hinter dem Haus kann man ein Stück sehen) geschützt.

Typischer Wetterschutz: Schiefer.

Weitere Dorfansichten:


Übernachtung in Ilfracombe, bereits Norddevon. Hier habe ich vor fast 30 Jahren eine Nacht in einer Jugendherberge verbracht auf einer kleinen Exmoor-Reise mit zwei Freundinnen. Gute Erinnerung an die JuHe (jedes der Meerbettzimmer war  andersfarbig mit Blümchenmustern gestaltet, hatte nichts gemein mit den damaligen deutschen kasernenartigen Unterbringungen). Keine Erinnerung an den Ort selbst. Wir kamen bei Dunkelheit an und haben am nächsten Tag irgendwo stundenlang auf einen Bus gewartet, so mein Eindruck und der, fürchte ich, ist nicht falsch.

Dieses Mal gibt es ein Zimmer mit Meerblick:

Die Marina:

Und eine Überraschung:

Tunnel-Strände? Da müssen wir rein, auch wenn es Eintritt kostet und kurz vor Schließungszeit ist.

Seit 1823 badeten Damen und Herren, fein säuberlich getrennt natürlich, an zwei Stränden, die durch Tunnels zu erreichen sind, auch heute noch, es gibt den Ladies Beach und den Gentlemen Beach. An den Wänden sind Zeitungsartikel aus den folgenden Jahrzehnten nachgedruckt, die von traurig – jemand ist beim Klettern auf den Felsen abgestürzt – bis amüsant reichen. So wurde um 1850 ein Mann dabei erwischt, in die Damenbucht geschwommen zu sein. Wenn die Zeitung den Namen des Mannes, der ihr bekannt ist, abdruckte, könnte er sich in vornehmer Gesellschaft (polite society) nicht mehr blicken lassen!

Wie im Film

Atlantikküste und Inland

An den Stufen von Budruthan sieht es so aus. Eine Treppe führt zum Strand hinunter, bei Ebbe kann man von Bucht zu Bucht gehen, bei Flut werden die Buchten voneinander abgeschnitten und müsste sehr ungemütlich 6 Stunden ausharren. Wir kommen bei gerade steigender Flut an und machen den üblichen Versuch: durch die lappenden Wellen ein paar Meter quer gehen, um das obere Foto schießen zu können. Beim Zurückgehen, nach wenigen Minuten, sind die Wellen 20 cm höher. Solche Küstenabschnitte sind Naturschutzgebiete, alle dürfen sie sich ansehen und daran erfreuen. Solche Landschaften werden gerne für Filmaufnahmen genutzt, bestimmt haben alle schon so etwas gesehen und siehe da: keine Kulissen und man muss nicht einmal nach Thailand dafür reisen.

Strand gibt es auch mit Sanddünen, in Holywell, wo nur ein fieser Regenschauer vom Baden abgehalten hat:

Stranddistel (Eryngium, wenn man es genau wissen will, Arten davon gibt es als Gartenpflanze)

Dünenlandschaft


Inlandsorte: sehen meist gut aus wie das schicke Truro, die Hauptstadt von Cornwall. Man lebt nicht nur vom Tourismus, wenn man einen schönen Wochenmarkt hat, auf dem mit heimischem Honig verfeinerte Orangenmarmelade angeboten wird oder Kalbfleisch, eine Seltenheit in GB.

Die Kathedrale ist aus dem 19. Jahrhundert, deshalb wirkt sie „aufgeräumt“. Sie ist aus einem Guss, man hat nicht jahrhundertelang seinen Geschmack geändert bzw. Bau-Wetter-und Kriegsschäden reparieren müssen. Sie ist alt genug für Flair, die Ablagerungen der Geschichte erzeugen.

Das Taufbecken innen sieht imposant aus, doch unpraktisch: ein dicker Steindeckel deckt das Wasser ab. Doch halt, man hat mitgedacht. Ein Haken an einem Flaschenzug erleichtert die Bedienung.