3 Tage, 3 Gärten

Und sonstige Landschaft. Somerset / Wiltshire. Septemberausflug.

Die Verpflegung war üppig. Da reicht zum letzten Frühstück vor der Abreise eine abgespeckte Version des full English: Dieses “Stilleben” zeigt Black Pudding (eine Art feste Blutwurst), ein Würstchen (und Toast gab’s dazu). Macht auch satt.

Stourhead House, Wiltshire

Einer der bekanntesten Gärten des Landes. Er lebt von Überraschungsmomenten. Man geht im Schatten der Bäume das Tal entlang – und stößt ganz “spontan” auf großartige Blickachsen auf Tempel und Brücken oder stolpert in eine Grotte hinein. Die ganze Szenerie ist auf klassische Vorbilder ausgerichtet. Generationen der Bauherrenfamilie waren jahrelang auf der Grand Tour – der großen Tour – in Europa unterwegs. Dies war eine lang anhaltende Mode, junge Männer sollten vor Ort etwas über die Antike lernen, die als der Hort von Schönheit, Eleganz und Weisheit galt. Natürlich nutzten viele junge Männer die Grand Tour, um ein paar Monate Party in Europa zu machen, aber nicht alle. Die Stourhead Familie besaß eine Bank und eine blühende Landwirtschaft, und konnten sich eine besonders grandiose Grand Tours leisten. Sie nutzten ihre Zeit und ihr Geld anschließend für die Errichtung eines klassisch-irdischen Paradieses.

Nur der hintere Teil, es gibt noch mehr Haus.
Die Maronibäume sind 600 Jahre alt (man lernt nicht aus, sie können so alt werden) und manche erneuern sich bei Bedarf von selbst – ein neuer Stamm wächst längst aus dem alten.

Montacute House, Somerset

Dieses Haus wurde um 1600 erbaut, gerade am Ende der Regentschaft von Elisabeth I. An der Bauweise sieht man, nach der Abwehr der spanischen Eroberung (1588) gab es keine Angst mehr, man verschanzte sich nicht hinter mittelalterlichen Schießscharten. Der Anwalt und Politiker, der das Haus erbauen ließ, setzte auf jede Menge riesiger Fenster, bestückt mit dem teuren Fensterglas. Durch eine Lindenallee, die vor ca. 50-100 Jahren neu gepflanzt wurde, konnte man im Anritt auf das erleuchtete Haus sehen. Im 17. Jahrhundert muss das wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt gewirkt haben.

Bad im Schlafzimmer. Immer wieder schön, diese frühen Sanitäranlagen.

Hauser und wirth Somerset Garden

Etwas ganz anderes: ein moderner Garten des weltbekannten niederländischen Designers Piet Oudolf. Oudolf schafft u.a. Präriegärten aus mehrjährigen Stauden und viel Gräsern. Dieser Garten ist an kein Haus gebunden, sondern gehört einer Stiftung. Es gibt auch eine Kunstgalerie, Tagungsräume und einen Bauernhofladen (der teuerste Farmshop, den wir je besucht haben. Das Brot war aber wirklich gut).

Wir tankten im Dorf, an der Tankstelle einer Kette, die im Umkreis von 20 Meilen noch zwei Tanken betreibt, beide haben wir im Laufe der drei Tage passiert und den relativ billigen Preis gesehen. Im Dorf nun: deutlich teurer als an der Hauptverkehrsstraße. Wir wundern uns darüber nicht mehr, als wir erfahren und auch sehen, dass hier geknubbelt einige der teuersten Privatschulen Englands ihren Sitz haben. Auf dem Parkplatz des Farmshops steht auch passend ein echt hässlicher Aston Martin (ich weiß, es gibt Fans, und normalerweise sehen die gar nicht so schlecht aus. Dieser war wirklich hässlich).

Die Kunstgalerie, die der chilenische Architekt Smiljan Radic als befristeten Bau in London errichten ließ, hat ihren endgültigen Platz im Präriegarten gefunden. Drinnen befinden sich Möglichkeiten, Kunst zu präsentieren, jedoch auch eine Zapfanlage. Prost!

Mere, Wiltshire

Aus dem Ei

schlüpfte nicht das Urmel, sondern der Schlüpfling (The Hatchling).

Kurz nach dem Schlüpfen aus dem Ei: der Hatchling hat sich entfaltet, mitten in der FußgängerInnenzone

Mein Chor, der Mayflower A Cappella Chorus, singt normalerweise Barbershop, doch diejenigen von uns, die es einrichten konnten, probten wochenlang frisch komponierte Musik der Komponistin Ruth Chan. Unser Beitrag bestand vor allem aus uhs, ahs und mhms. Einen Text gab es nicht. Sehr atmosphärisch. Eines Tages wurde unser Beitrag dann professionell aufgenommen, das war spannend, wir sind Amateurinnen und machen das nicht alle Tage.

Eine bekannte Event-Künstlerin hat den Hatchling entwickelt: Ein Kunstprojekt mit den besten PuppenspielerInnen und DrachenfliegerInnen, die das Land zu bieten hat. Ich übertreibe nicht.

Die Idee bestand darin, einen riesigen Drachen in Plymouth aus dem Ei schlüpfen zu lassen, die Stadt zu erkunden, in Kontakt mit den Bewohnenden zu treten, den Kunstbegeisterten und denen, die finden, Museen sind eine Verschwendung von Steuergeldern. Viele Vereine, Kindergruppen und andere Organisationen wurden eingebunden. So wie wir.

Vom Regisseur bis zur Produzentin: wir, die regionalen Sängerinnen, wurden von Anfang bis Ende auf Augenhöhe behandelt, professionell, freundlich, aufmerksam. Dies war ein Projekt für die vielen.

Der Event sollte 2020 stattfinden, nun gut, das hat er nicht, der neue Termin wurde ein Wochenende Mitte August 2021. Zwei Tage zuvor hat ein Einwohner fünf Menschen und dann sich selbst erschossen. Seit 10 Jahren das größte Blutbad Englands, dem weder Terror- noch Bandenkrieg zugrunde lagen (sondern Menschen- besonders Frauenhass). Aus Respekt für die Opfer wurde der Hatchling erneut verschoben. Auf dieses letzte Augustwochenende. Wo wir für unsere Geduld mit blendendem Wetter belohnt wurden.

Ich war in der Innenstadt beim Schlüpfereignis mit dabei und habe mir die Kommentare der Menschen angehört. Sie zielten alle auf eines hin: faszinierend, toll, so etwas Besonderes.

Was Menschen begeistert.

Vor einigen Jahren kamen wir zufällig zur Glockenspielzeit auf den Marienplatz in München. Seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen, also warteten wir den Glockenschlag ab. Aber nicht nur wir, TouristInnen aus der ganzen Welt taten es uns gleich und filmten mit ihren Handys alles mit. Dieses alte Spielwerk zieht immer noch!
Virtuelle Welten machen praktisch alles möglich, eine Chirurgin in Singapur kann mir z.B. übers Internet und mit Hilfe von Feinrobotern ein Auge operieren; ich spreche immer und jederzeit mit den entlegendst wohnenden Menschen der Erde; ich kann mich 24 Stunden am Tag unterhalten lassen, mit informieren und desinformieren, alles selbstverständlich.
Doch eine vertrackt aufgebaute Puppe ist immer noch ein Magnet.

Der Hatchling (der immer weiblich gesehen wurde, “sie”) legte sich, von einem anderen Chor mit einem Schlaflied bedacht, später schlafen. Am Sonntag wachte sie auf und war sogar noch gewachsen … Ich radelte auf dem Weg zum Meer am Schlafplatz vorbei und schon um 8 Uhr morgens war das Team damit beschäftigt, Gliedmaßen etc anzupassen.

Die Puppenspielenden waren nie versteckt, die Illusion wurde im Kopf der Zusehenden erzeugt. Auch nicht anders als im Kasperltheater.

Sonntag Abends dann der Höhepunkt: der Hatchling zog aus Plymouth weiter, indem er sich in einen Flugdrachen verwandelte und einer Ballonperle folgend aufs Meer hinausflog. Unsere Ehre war es, der Chor zu sein, der das begleitete. Unsere Stimmen waren mit Musik abgemischt worden, doch wir standen zusätzlich in vorderster Reihe und haben noch einmal live gesungen und das vor Tausenden von Menschen. Vielen sind wir bestimmt nicht aufgefallen, aber wir hatten einen Bombenblick.

Zum Technischen: Flügelspannweite: 20 Meter. Höhe: etwa ein Doppeldeckerbus. Anzahl der Handgriffe / Kommandos, um aus einer maximal beweglichen Puppe einen steifen Flugdrachen zu bauen: über 600.
Die Landpuppe erhielt sogar einen neuen (leichteren) Kopf und neue (größere) Flügel.

Auf diesen Bildern bin ich mit meinen weißen Haaren in der Mitte zu sehen. Die meisten Bilder sind von Mitsängerinnen gemacht.

In Bewegung kann man sich das Ganze auf diesem youtube Film ansehen:

Zu Beginn ein bisschen unserer Musik.

Ins Inland

Salisbury

Der Weg von der Isle of Wight nach Plymouth erfordert einen Umstieg in Salisbury. Grund genug, nach einem Besuch im Jahr 1986 (Interrail!) die Kathedrale erneut zu besuchen und sich eine Übernachtung lang Zeit für diese Stadt zu nehmen.

Salisbury ist bekannt für die Kathedrale mit dem höchsten Kirchturm Englands (123m).

Außenbilder sind nichts geworden, deshalb als Ansicht das Gemälde von John Constable um das Jahr 1825.

Ein besseres Bild von Wikipedia
Das Beste ist, wie so oft, der Kreuzgang. Diese Orte strahlen immer Ruhe aus, ob in Toledo, Bonn, Chester oder Salisbury.

Es ist ein Vergnügen, im Kathedralenviertel herumzuschlendern und an vielen Häusern auf Blauen Schildern zu lesen, wer hier mal gelebt oder gewirkt hat. So war William Golding, der Autor von Herr der Fliegen und Literaturnobelpreisträger (war Schullektüre, harte Geschichte), Lehrer im Ort.

Salisbury scheint es gut zu gehen, es gibt Kneipen und leckere Restaurants ohne Ende und selbst unser kleines “Bahnhofshotel” ist modern und freundlich und der Frühstücksraum (der abends als Bar mit Speisen fungiert, leider Ruhetag) sieht so aus:

Bekannt ist die Stadt für ihre Nähe zu Stonehenge. Stonehenge konnte bereits 1986 nur indirekt besichtigt werden, indem man auf einem Pfad drum herumlief und an die Steine selbst keinesfalls heran kam. Heute soll man noch mehr Distanz haben. Und teuer war es damals schon. Deshalb genießen wir lieber einen Spaziergang durch ein kleines Feuchtgebiet nach Old Sarum, dem alten Salisbury, der bereits in der Steinzeit aufgeschütteten Doppelwallanlage auf einem Hügel 2 km außerhalb der Stadt, auf dem auch die Vorgängerkirche der Kathedrale stand.


Von der alten Kirche ist praktisch nichts übrig. Man kann jedoch erkennen, sie lag ußerhalb des innersten Walls, das die weltliche Festung beherbergte. Vielleicht ein Grund, von einem Randplatz des Geschehens an den Fluss hinunter zu ziehen, um zu einem starken neuen Mittelpunkt zu wachsen. Das ist jedenfalls gelungen.

Salisbury liegt im Inland. Erst dort fiel mir auf, wir haben von den zwei Jahren Plymouth, die ersten an der Küste überhaupt, die letzten eineinhalb Jahre Pandemie bedingt sogar komplett am Meer verbracht. Selbst die beiden kleinen Aufenthalte in Cornwall und auf der Isle of Wight waren “Strandurlaube”. Eine radikale Abkehr vom bisherigen Leben, in dem einem Möwen nicht potentiell die Fritten aus der Hand geklaut haben.

Die königliche Dusche

Isle of Wight 2

Osborne House

Das berühmteste Gebäude auf der Isle of Wight ist Osborne House, die Sommerresidenz Königin Victorias. Im italienischen Stil nach Entwürfen ihres Mannes, Prinz Albert, umgebaut, wurde es von ihrem Sohn und Nachfolger, König Edward, dem englischen Volk geschenkt und kann besichtigt werden.

Wie ein kleiner Campanile lugt der Turm von Osborne Haus durch den großzügigen Park.

z.B. ist zu sehen das Sterbebett von Victoria, des zu ihrer Zeit mächtigsten Menschen der Erde. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sie nur formal einer parlamentarischen Monarchie vorstand.
Noch interessanter ist allerdings ihre Dusche:

Die wird nie wieder jemand benutzen, das steht fest, aber an anderer Stelle ist die Zeit (demokratisch) fortgeschritten: über die formal angelegte Terrasse hinaus, durch Wälder geht es hinab an den königlichen Badestrand. Da ich einen Tipp bekommen hatte, dass da irgendwo ein Strand sei, war ich mit Badezeug ausgerüstet und konnte an dem heißen Tag erfrischend ins Wasser tauchen.
Die Badekabine ist auch von Victoria. Aus Gründen der Sittsamkeit ging man in die Kabine und wurde ins seichte Wasser hinausgefahren. Dort konnte man, obwohl ohnehin von Kopf bis Fuß und bis in die Fingerspitzen in ein Badekostüm der Zeit gewandet, ins Wasser gehen, ohne fremden Blicken ausgesetzt zu sein.

Doch zurück ins Haus:

Ein Kronleuchter aus Glas

Ein Kuriosum, hängt etwas versteckt an einer Seitenwand:

1897 hatte Victoria ihr 60-jähriges Thronjubiläum. Zu diesem Anlass hat jemand dieses Art Poster gestaltet, das alle englischen Monarchen mit ihrer Amtszeit zeigt. Je höher und gewaltiger die Säule, desto länger hat jemand regiert. George III hatte auch 60 Jahre auf dem Buckel, das ist die dicke Säule fast rechts. Doch darunter wird festgestellt: nur 59,5 Jahre! Victorias Regierung wird mit einer ein ganzes Stück höheren und mit Blumenschmuck verzierten Säule gefeiert. Die heutige Elisabeth II kann darüber natürlich nur müde lächeln.

Das ist Spitze

Was muss man sonst noch unbedingt auf der Insel gesehen haben? Die Needles (Nadeln). Das sind Felsklippen und die sind so beliebt, dass sich auf dem Weg dorthin ein kilometerlanger Stau bildet, dem auch der regionale Bus nicht entkommt. Das sieht nicht gut aus, lohnt sich die Anfahrt? Am Parkplatz sind jedenfalls Buden aufgebauts, fast wie ein kleiner Freizeitpark. Eine Seilbahn transportiert die Leute nach unten an einen Strand und Bootsanleger, von dem man einen seitlichen Blick auf die Needles erhält. Es gibt auch Treppen, die wir nutzen, all dies ein bisschen viel Rummelplatz.

Und das sind die Needles:

Doch es gibt eine bessere Art, sich den Needles zu nähern: durch ein Naturschutzgebiet zu einem alten Fort an der Spitze des Berges kann man schön gehen, die Massen sind weg und schon hat man den Premiumblick. Das flache Dach auf dem Leuchtturm ist übrigens ein Hubschrauberlandeplatz.

Sonnenuntergänge sind immer schön.

Am Freiheitstag auf Reisen

Isle of wight 1

Am 19. Juli war der versprochene “Freedom Day”, der Tag der Freiheit. Der Tag, den die Regierung Mitte Juni um einen Monat nach hinten verschoben hatte, weil man noch nicht so weit sei mit der Coronaeindämmung. Seit 19. Juli waren und sind theoretisch keinerlei Einschränkungen wegen Corona mehr zu beachten. (Außer man will ins Ausland. Außer man kommt aus dem Ausland.)

Wenn man nun denkt, die Leute hätten Parties gefeiert, dann trifft das auf eine Minderheit sicher zu und natürlich ist es schön, die mündige Bürgerin auch sein zu dürfen, die man ohnehin die ganze Zeit schon war. Die meisten Menschen sind aber unzufrieden, dass die Regeln zu Abstandhalten, Maskentragen und Händewaschen jetzt wischiwaschi sind. Es ist so kaum möglich, sich gegen gefährliche Rüpel zu wehren. Die Verkehrsbetriebe und die Supermärkte waren gar nicht “amused”, dass sie ums Maskentragen jetzt betteln müssen. Je nach Hausrecht natürlich. Viele Räumlichkeiten, z.B. unser Fußballstadium, wo wir in den Rängen als Chor proben dürfen, verlangen weiterhin einen Schnelltest. Der wird nicht nachgeprüft, das geht auf Vertrauensbasis.

Bislang, nach fast zwei Wochen, verhalten sich die meisten Leute sinnvoll und mit Augenmaß. Wir haben alle etwas gelernt in den letzten eineinhalb Jahren, viele Menschen haben auch jemanden an Corona verloren oder kennen Menschen mit Long Covid, oder sind einfach froh, dass es sie bislang nicht erwischt hat und das soll auch so bleiben.

Zufällig war jener Freiheits-Montag unser erster Reisetag mit den Öffis – Zug und Fähre – auf die Isle of Wight. Bei Buchung war Züge nur bis zu einer 50% Auslastung buchbar und mit Reservierungspflicht, es war nicht einfach, überhaupt Fahrkahrten zu bekommen. Würden die Züge nun gleich überfüllt sein? Die Probe aufs Exempel machten wir mit einem ausgefallenen Anschlusszug. Die reguläre nächste Verbindung nach einer Stunde war auch nicht besonders voll und führte nicht zu unguten Reisegefühlen. Masken wurden von fast allen Menschen im Zug getragen, mindestens beim Gehen durch die Gänge. Ein guter Effekt der Masken könnte sein, dass man nicht so leicht Halsschmerzen von Klimaanlage oder offenen Fenstern erhält. Das lohnt sich für die Zukunft im Auge zu behalten!

Die Isle of Wight liegt vor der Südküste im Ärmelkanal gegenüber der Mündung des Test und Itchen, wo sich die Städte Southampton und Portsmouth befinden. Der Wasserstreifen zwischen Insel und Insel (Isle of Wight und Großbritannien) heißt Solent. Wir nehmen eine Schnellfähre in Southampton und gelangen in einer knappen halben Stunde nach Cowes, einem Ort an der Nordküste der Isle of Wight. Mit Blick auf den Solent beziehen wir in einer alten Villa ein Zimmer mit ins Dach gebauter Terrasse.

Die englische Küste verschwindet im Dunst.
Nächtlicher Blick auf Southamptons Ölindustrie

Was wir nicht wussten: Cowes ist in Segelkreisen weltberühmt fürs Segeln. Alle Klassen, alle Ränge, AmateurInnen, Profis. Weltrekorde wurden auf dem Solent schon eingefahren, doch es ist für alle etwas dabei. Etwa 500 m nach rechts am Kiesstrand entlanggehend trifft man auf den Königlichen Jachtclub, bei dem schon Kaiser Wilhelm zu Gast war. Noch heute wird hier mittels einer Kanone der Startschuss für Regatten gegeben. Nicht nur für die großen. Man kann stundenlang zusehen, wie verschiedene Bootsgattungen wie Holzjachten, kleine Katamarane oder halb wie Piratenboote aussehende Teilnehmende von Ost nach West vorbeisegeln. Die Anordnung der Segeldreiecke auf dem Wasser ändert sich im Minutentakt. Die fast schon abstrakten Tableaus werden nicht langweilig.

Kreuzfahrtschiffe legen alle Nase lang aus Southampton ab.
Jachthafen von Cowes. Kleiner Ausschnitt.

Der coolste Job der Welt

Den ich leider verpasst habe: Führerin eines Luftkissenfahrzeugs, eines Hovercrafts. Die gab es, genauso wie die Isle of Wight, in einem meiner Englischbücher zu bestaunen, doch im 20. Jahrhundert, als ich Fähren benutzte, um nach England zu gelangen, war die Alternative Hovercraft zu teuer. (Im 21. Jahrhundert reiste ich per Eurostar, Flugzeug oder der luxuriösen Frankreichfähre.) Also habe ich in Ryde, ein Ferienort im Nordosten der Isle of Wight und gleich gegenüber von Portsmouth, zum ersten Mal ein Hovercraft, was ja ein Amphibienfahrzeug ist, in Aktion gesehen. Und konnte es nicht glauben: das Ding fährt wirklich auf Beton! Und auf Sand! Es kommt an, entleert in Sekundenschnelle das Luftkissen, sackt also in sich zusammen, nimmt Passagiere auf, bläht sich wieder auf und ab geht es wie ein Urgetüm aus der Frühzeit der Ozeane. Absolut beeindruckend. Da mein eigenes Video leider streikt, hier ein link zu einem Fremdvideo von derselben Anlegestelle in Ryde. Viel Spaß!:

Hovercraft

Segel setzen

Sommer in Plymouth. Während halb Mitteleuropa in Regen ertrinkt, darf die Südküste Englands eine rare Sonnenwoche genießen. Hier der Plymouth Sund, kurz vor der Segelregatta SailGP am 17./18. Juli.

Mit Sonnencreme und langen Ärmeln sitzen wir zwei Nachmittage auf den Abhängen von Plmouth Hoe, der Anhöhe über den Sund. Wir fiebern mit der Welt schnellsten und technisch interessantesten Segelboote mit. Die F50 genannte Klasse hält eines ihrer neun über ein Jahr verteilten Rennwochenenden ab. Nach Bermuda und Taranto in Italien ist Plymouth der dritte Startort. Es folgen Dänemark, Frankreich, Spanien, Australien (dann schon im Winter), Neuseeland. Das letzte Rennen wird 2022 in den USA ausgefochten werden.

Alle Teilnehmenden (manche Crews bestehen aus Frauen und Männern, wobei Frauen noch weit in der Unterzahl sind) benutzen denselben Typ Boot. F50 Katamarane mit Foils, das sind diese Art dünnen Flossen, die unter dem Boot hängen. Wenn das Boot segelt, hebt die Aerodynamik der ganzen Konstruktion (ich weiß, das ist eine unpräzise Beschreibung) den Rumpf aus dem Wasser, die Boote fliegen auf den Flossen über das Wasser. Bei wenig Wind sind dabei nur drei Leute an Bord, bei mehr Knoten 4 oder sogar 5.

Schema eines Katamarane mit Foils/Flossen.

Jedes Rennwochenende besteht aus 6 kurzen Rennen mit 8 Booten. Im letzten, dem 6., Rennen dürfen die 3 Bestplatzierten den Sieger des Wochenendes unter sich ausmachen.

Die Bewertung ist einfach: 8 Teams (wie sich die 8 Länderteams qualifiziert haben, weiß ich nicht) bedeuten 8 Punkte pro Rennen maximal. Der Verlierer erhält einen Punkt. Nach drei Rennen sah am Samstag das Klassement folgendermaßen aus:

Nach dem ersten Renntag sieht die Tabelle so aus. Das Team mit Heimvorteil, Großbritannien, hatte zweimal Pech mit dem Start und erreichte trotz eines zweiten Platzes in Rennen 3 nur den letzten Rang. Grund dafür waren auch zwei Strafpunkte für ein bestimmtes Manöver. Deshalb haben sie nur 8 anstatt 10 Punkte. Die Schiedsrichter sind hier sehr genau.
So sieht ein Manöver aus am Beispiel des dänischen Teams.

Am zweiten Renntag sieht es für die Britischen schon besser aus. Ein zweiter und ein erster Platz reichen zwar nicht für die Teilnahme am letzten Rennen, doch sie hieven sich vom letzten auf den 4. Platz hoch und halten im Gesamtwettbewerb sogar Platz 2. Jedes Rennen war anders, die ersten können gut die letzten werden, manchmal ist das Feld dicht an dicht, manchmal segelt jemand davon. Wirklich spannend zum Zusehen.

Hier fährt die Passagier- und LKW Fähre von Frankreich kommend ein. Links daneben drei F50. Der Größenvergleich mit der riesigen Fähre lässt die Höhe der F50 erahnen: die Segel sind bis zu 24 m hoch.
Australien, die Siegenden des Wochenendes, fliegen ins Ziel. Hier lässt die Silhouette des Crewmitglieds die Dimensionen des Boots erahnen.
Der Hoe mit dem Smeaton Leuchtturm war gut besucht, dieses ungewöhnliche Sportereignis ist auf großes Interesse gestoßen.

Giganten

Luftbildaufnahme, entnommen der Tourismusseite von Plymouth. Zeigt eine bessere Übersicht als Fotos vom Straßenniveau aufgenommen.

Die Giganten sind zurück auf Plymouth Hoe, der Anhöhe über dem Plymouth Sund! Künstler Charles Newington hat mit vom örtlichen Fußballverein Plymouth Argyle gespendeter Rasenmarkierfarbe zwei Giganten im Kampf (nach)gezeichnet. Vom 14. bis 17. Jahrhundert befanden sich an dieser Stelle Originalzeichnungen, die beim Bau der Zitadelle / Kaserne im Hintergrund zerstört wurden. Leider habe ich keine historische Abbildung der Figuren finden können, es wurde jedoch vermeldet, man strebte eine möglichst genaue Rekonstruktion an. Da Rasenfarbe nicht ewig hält, zeichnet das in der Festung stationierte 29. Kommando, die Figuren den ganzen Sommer über bei Bedarf nach. Man kann das als späte Wiedergutmachung sehen, immerhin hat das Militär die früheren Kämpfer aus dem Weg geräumt.

Corineus und Gogmagog

sind zu sehen. Wer waren sie und was machten sie auf dem Hoe?
Dazu sagt das deutsche Wikipedia: “Gogmagog war ein Riese in der angelsächsischen Mythologie. Er war dreieinhalb Meter groß und so stark, dass er ganze Eichenbäume wie Haselnussruten ausreißen konnte. Etymologisch wird damit die biblische Erzählung von Gog und Magog aufgenommen, der Name könnte aber möglicherweise auch auf Gawr Madoc zurückgehen (Gawr = Riese).
Geoffrey von Monmouth erzählt in der Historia Regum Britanniae, d. h. in der Geschichte der Könige Britanniens um 1136, wie die Insel Britannien unter Brutus von trojanischen Flüchtlingen besiedelt wurde. Corineus, einer seiner Gefolgsleute, wurde der Herrscher von Cornwall, wo es besonders viele Riesen gab.
Als Gogmagog und zwanzig andere Riesen Brutus während eines Gottesdienstes angriffen, ließ er sie töten bis auf Gogmagog, der zu seiner Unterhaltung mit Corineus ringen sollte. Gogmagog brach Corineus drei Rippen, aber dann schleppte ihn dieser an die Küste und warf ihn von den Klippen ins Meer, wo er zerschellte.”

Und da waren sie fort

… an den Strand. Es gibt Strand in Plymouth, aber da woanders noch mehr Strand bereit liegt, wurde es Zeit, endlich wieder nicht im eigenen Bett zu schlafen, sondern zu reisen. Die erste Hürde bestand darin, den Waschbeutel ganz unten aus dem Schrank zu fischen. Der war lange nicht gefragt gewesen. Aus den benötigten Gepäckstücken mussten erst die überzähligen Bettwäschestücke, die wir gerne Gästen anbieten, entfernt werden. Auch die, die Besuche, liegen noch in weiter Zukunft.

Wir sind nach Westen gefahren, so weit es eben geht, Land’s End in Cornwall.

Originaler Soundtrack.

Erster und letzter Pub im Land.

Quartier, 700 m runter zum Strand
Mediterraner Hausgarten mit Artischocken und Trockenpflanzen
Der entwas andere Laster: gefüllt mit Brieftauben, die offenbar zu einem Wettbewerb herkamen.
Wir sind durch spektakuläre Landschaften gewandert. Alternativ hätte man den ganzen Tag die anrollenden Wellen ansehen können. Spannendes Fernsehen ohne Sendeschluss.
Ein paar kleine Fischerboote gibt es auch.

Am letzten Morgen war die See rauh, selbst die 7 Uhr Morgensurfer waren nicht angetreten in Sennen Cove. Also bin ich auch nur bis in die Knie ins Wasser und bin spazieren gegangen. Ich hatte mich gewundert, warum kein Plastik am Strand lag (außer, was Leute so liegen lassen, alle diese Fitzelchen und Kleinteile von Eisverpackungen und Dosenringen etc., die sich aufsummieren). Das konnte doch nicht der einzige Strand der Welt ohne Plastikmüll sein, wenn es den schon auf Spitzbergen und in der Antarktis anspült? Nein, er war es nicht, es gab Müll. Heute war er da. Innerhalb weniger Minuten hatte ich u.a. eine spanische Wasserflasche, eine solche aus Frankreich, eine Margarinedose aus England und ein massives Stück Nylonseil aufgesammelt, das so groß war, dass ich hinter mir herziehen musste. Das wäre in x Trillionen Mikroplastikteile zerfallen, wie alles andere Plastik auch. Es ist ein massives Thema, man sollte die Augen davor nicht verschließen. Der Müll ist erst einmal in einer Mülltonne gelandet. Von dort kommt er auf eine Deponie. Das meiste davon wäre besser nie produziert worden.

Von einer Postkarte: Der Künstler hat das Lebensgefühl in Sennen Cove gut getroffen. Auf dem Strandabschnitt zwischen den Fahnen der Seenotrettung tummeln sich Surfer und Plantscher.
Gischt, Brandung, Felsen. So sieht das Ende der Welt aus.

Ohne Garten geht nicht

Auf der Heimreise noch schnell einen Süßwassersee umrundet – fast wie in Deutschland, einfach durch einen Wald gehen. Wald ist in England selten.

Und einen Garten besucht. Jeder Garten ist anders.

Die Bankfrauen

Nun, das ist ein Buch! (Links dazu unten.) Nicht von mir, sondern von meiner Freundin Regina Egger geschrieben. Ich war jedoch vorne mit dabei, mit Korrektur lesen, Besser-Wissen und Layouten. International vom Feinsten. Und genau darum geht es auch in diesem Buch.

Wen es interessiert, es sollte in jeder Buchhandlung über die ISBN erhältlich sein.
ISBN des eBuchs: 9783754125014
ISBN des gedruckten Buches: 9783754125793
Online geht es auch, in beiden Formen, z.B. bei epubli , wo wir das Ganze verlegt haben oder buecher.de.

Die Bankfrauen sind locker geschrieben, doch dicht im Inhalt. Selbst nach x-maligem Lesen bin ich immer noch begeistert.

Wie veröffentlicht man ein Buch?

Regina bat mich vor ein paar Jahren, über ihren Text drüberzuschauen. Nach einigen Korrekturen und Kapitelumstellungen, den üblichen Dingen also, war er eigentlich fertig. Der letzte Schritt, eine Veröffentlichung im Selbstverlag, fehlte. Und dann kam für Regina, wie man so sagt, “viel Leben” dazwischen. Nicht alles prima für sie, aber prima z.B. für Flüchtlinge, die 2015, in der großen Welle, in meiner Heimatstadt Freilassing aufgeschlagen sind. Regina lebte dort seit einiger Zeit und rief ein Sprach- und Begegnungscafé ins Leben, das zahlreichen deutschen und nichtdeutschen Menschen ermöglichte, erste Schritte aufeinander zuzugehen. Daraus sind langjährige Freundschaften entstanden, die es allen Seiten erleichtern, die neue Realität zu akzeptieren.

Der Text der Bankfrauen ruhte. Bis 2021! Da wurde er fertig geschmiedet und dieses Mal sollte er auch veröffentlicht werden. Absolutes Neuland für uns. Naja, ich war ja nur die Layouterin, nicht die Kreative, doch auch diese Aufgabe hat mich ein paar schlaflose Nächte gekostet. Ich habe mir das Programm Affinity Publisher gekauft. Eines von den professionellen Programmen, deren Bedienungsumgebung wie ein Raumschiffcockpit aussieht und mit dem man buchstäblich eine Hochglanzzeitschrift erstellen kann. Ich habe viele Stunden lang Lernvideos gekuckt, dann herumgespielt und dann wurde es ernst.

Den Text zu gestalten, war nicht so schwierig, aber der Umschlag, der soll ja gefallen. Aber lieber nichts zu Ausgefallenes, besser solide als verkrampft “künstlerisch”. Ich habe zahlreiche Coverversionen verschickt, für Regina zum Auswählen, in welche Richtung es weiter gehen könnte. Also Cover A, B, usw. Als es in die Feinheiten ging wie die Transparenz des Hintergrunds, Schattierung ja oder nein und Schriftgröße, gab es auch Untervorschläge wie Cover Ta, Tb.
T befindet sich ja schon ziemlich weit hinten im Alphabet, daran kann man erkennen, dass wir uns wirklich viel Mühe gegeben haben. Der Umschlag, den man hier sehen kann, trug ursprünglich die Nummer Wb.

Als das alles fertig war, also die Druckversion, musste das Meiste wieder gelöscht werden, denn für die eBuch Version darf man keine Seitenzahlen drin haben, keine Umschlagrückseite wird benötigt und keinerlei Verzierungen sind erlaubt. Ein richtiger Rückbau, macht einen traurig. Dazu ist das epub Format, so heißen die Dateien, umständlich in der Anfertigung, einer der Arbeiten, bei denen man meint, nicht atmen zu dürfen, damit einem die wenigen möglichen Formatierungen nicht auch noch zusammenbrechen. Oder zumindest hat man diesen Eindruck. Schlussendlich hat es aber gut funktioniert und erstickt bin ich auch nicht.

Regina hat auf den Knopf “Veröffentlichen” gedrückt und nun ist sie Autorin! Wie gut ist das denn.

P.S.: Ich weiß, dass im von mir verfassten Nachwort ein Tippfehler drin ist. Eigene Texte kann man nicht Korrektur lesen …

Wetterachterbahn

Seit Jahrzehnten, wenn nicht noch länger gab es keinen kälteren April oder nasseren Mai als 2021. Und diese Monate folgtem einem kalten, dürren März. Jedes Mal pünktlich zum nächsten oder übernächsten Mondwechsel folgte die nächste Großwetterlage und die hat es immer übertrieben. Unsere Juniprognose lautet nun recht trocken und mild. Für einen kleinen Sonnenbrand, mit dem niemand mehr gerechnet hätte, hat es auch schon gereicht. Das löst Glücksgefühle aus. Die Lungenflügel weiten sich beim erleichterten Aufatmen, in Gärten und Allotments werden die winzigen Pflänzchen gesucht, die überlebt haben, um ihnen im beginnenden Sonnenschein ein besseres Leben zu ermöglichen. Das im Idealfall in essbares Gemüse und pflückbare Blumen mündet. Im nicht so idealen Fall hat man wenigstens den Schnecken eine Freude gemacht.

Unterwegs

Eine Wanderung im wunderschönen Dart-Tal bei Totnes zeigt, wie grün es endlich ist. Dennoch: noch sind nicht alle Bäume ausgeschlagen. Am 2. Juni!

Ein näherer Blick auf das Bild links oben in der Galerie zeigt zahlreiche Bäume, die noch kahl sind.

Süß

Ein neuer Geheimtipp? Kürzlich stieß ich im Netz, im englisch- und im deutschsprachigen, auf Löwenzahnhonig oder Löwenzahnsirup. Nie davon gehört, aber gleich die Lauscher gespitzt. Auf unserer Wanderung zeigten sich die meisten Löwenzahne schon verblüht, aber 30-40 Blüten bekommt an am Wegesrand doch schnell zusammen.

Blüten zupfen

Damit keine Bitterkeit durch den Löwenzahn in den Honig kommt, werden die Blüten aus den Blütenköpfen gezupft (geht schnell) und mit Wasser und Zitrone ziehen gelassen – eine Herstellung wie beim Holundersirup. Anschließend abseihen und mit viel Zucker aufkochen – fertig.

Sirup genießen

Es entsteht ein Sirup, das wie Honig aussieht und tatsächlich wie ein guter Honig schmeckt. Nächstes Mal nehmen wir weniger Zucker und mehr Blüten, der erste Versuch ist ein wenig süß geraten. Dennoch: ein Toptipp für den Frühling, Löwenzahn wird auch weiterhin genügend vorhanden sein.