Russische Ferien

Nicht zu verwechseln mit Ferien in Russland, solche wären eine ganz andere Geschichte.

Vom sehr englischen Cheshire ins provinzielle ?? Freilassing, ein so genannter Heimaturlaub. (Die Frage, was Heimat ist, wird ein anderes Mal beleuchtet werden.)

Grundsätzlich war Freilassing seit 1803, als der Flecken während der Säkularisierung zu Bayern geschlagen wurde, weg vom alten Bistum Salzburg, international. Die Bande mit Österreich rissen nie, zwei Länder reicht ja wohl für die Bezeichung international. Den kleinen Grenzverkehr gab es sogar noch in den 30igern, vor dem Anschluss, wo er in einer Sommergeschichte von Erich Kästner die Hauptrolle spielte.
In jüngerer Zeit waren es profanere Bande wie Einkäufe der Österreichischen, als sie noch nicht in der EU waren. Die Milchprodukte etwa waren in Deutschland billiger. Hingegen ist Kraftstoff auch heute noch in Austria für weniger zu haben. Von der Kultur profitieren die bayrischen Provinzler, viele Ösis dagegen leben in Bayern, weil sie sich Salzburg nicht mehr leisten können.

Im Verhältnis zu all diesem Hin und Her ist das Flüchtlingskontingent von Freilassing klein. 150-180 Menschen. Zwar strömten 2015 wirklich Menschenmassen über die Salzach von Österreich über die Grenze. Doch über Auffang- und Kontrollstationen gelangten sie in die Busse und Züge, mit denen sie in den Rest von Deutschland verteilt wurden.

Auch das ist lange vorbei.

Man sieht ab und an einen dunkelhäutigen Menschen auf der Straße, was vor 1-2 Jahren eher nicht der Fall war.

Und was die Ehrenamtlichen vermelden: Aus dem Freitagsprojekt Sprachcafé Lingua ist zu erfahren, die Deutschkenntnisse der neueren und älteren MigrantInnen haben sich verbessert, einige haben dt. Pässe oder einen anerkannten Status. Wohnungs- und Arbeitssuche sind nun Thema, also Probleme, die wir alle kennen, wenn auch Ex-Migrierende zusätzlichen Diskriminierungen unterliegen können.

Wer noch keinen Paß hat, und in Freilassing sind viele afghanische und nigeranische Menschen, Gruppen mit einer geringeren Asylwahrscheinlichkeit, der oder die kann bald mit Ablehnungen rechnen, das könnte noch hart werden.

Auf der Straße hört man auch weiterhin Russisch, das ist nichts Neues, irgendwelche Deutschstämmigen Rückkehrenden gibt es seit Jahrzehnten überall.

Falls oben falsche Angaben sind, sind sie alleine meine Irrtümer!


Umgeschaut

Und was macht die Hauptstadt? Nein, nicht Berlin, München natürlich. Es hat überrascht, im Münchener Zoo viel Internationalität vorzufinden. Ich hätte nicht erwartet, dass eindeutige Touris da sind. Hellabrunn als Höhepunkt neben Olympiazentrum, Frauenkirche und Isarauen? Offenbar wollen nicht alle Touris ihre ganze Zeit auf dem Oktoberfest verbringen. Es sind jedoch viele dafür angereist, so waren im Flug von Manchester bestimmt ein Fünftel (noch wohlbenommener) Feierlustiger auszumachen. Und der Öffentliche Nahverkehr Münchens wimmelt vor lauter Maskierten. Maskiert steht in netter Form für mit Lederhose oder Dirndlkleid bekleidet.

Die Tiere im Zoo haben ihre eigenen Sprachen und sind immer photogen:

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Dies ist ein Elefant.
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Und zwar dieser.
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Aus der Greifvogelschau – Uhu ganz nah.

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Später in der Woche, wieder München:

Auf dem Marienplatz. Mitten unter der Woche, das Oktoberfest ist nun vorbei, es nieselt und ist kalt. Dennoch, Menschen, darunter viele asiatische, versammeln sich unter Regenschirmen und schauen nach oben zum Rathausturm. Auf zu dem Glockenspiel von 1909 und da stehen sie da, im Computerzeitalter. Die Musik beginnt zu erklingen und spielt eine Melodie. Und noch eine. Dann bewegen sich die Ritterspiele. Ein kollektives Ahh auf dem Platz. Richtig nett.

Ein dt.-russisches Bildwörterbuch gekauft. So wird der Kampf gegen das Vergessen der Vokabeln zwar auch nicht wirklich gewonnen, aber man hat mehr Spaß.

Auf den Straßen: alle Sprachen, sogar Schwäbisch.


Sprung nach Baden.

Ein Besuch in Baden-Baden. Dort hat Dostojewski, der für mich größte russische Schriftsteller, gelebt, gespielt, verspielt und deshalb den „Spieler“ schreiben müssen. Damit er wieder Knete hatte. Ist näher als Russland. Im Internet liest sich dazu, es gäbe noch immer viele RussInnen, die Baden-Baden aufsuchten. Schau ma doch mal hin. Meine Freundin und ich kommen mit dem Auto und fahren in die erstbeste Tiefgarage:

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Aufschriften viersprachig, und Russisch ist dabei. Sagenhaft! Der erste Eindruck bestätigt sich: in der sehr schönen Caracalla-Therme, vor Hotels, auf Speisekarten, von überall her schlängeln sich die kyrillischen Buchstaben ins Bild. Großes Kino.

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Balkon des Hauses, in dem D. seinerzeit gewohnt hatte.
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Blick vom Casino auf die kleine Allee, die im Spieler auch einen Schauplatz bildet (die Figuren sind immer unterwegs).
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Eines der Bäder Baden-Badens. Das Trinken des Wassers wird nicht mehr empfohlen, da die Quelle Arsen enthält.

 

Dazu russische Laute, bis auf die Alte Schloss genannte Burgruine hoch über der Stadt.

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Wie viel haben wir gewonnen? Wir hatten keine Chance, da ich, englische Gewohntheit angenommen habend, kein Ausweispapier mitführte. Denn selbst vor dem Automatenbereich, höher reichte unser Ehrgeiz nicht, wird sinnvollerweise geprüft, ob man wegen Spielsucht gesperrt ist. Mehr Dostojewski-Gefühl also beim nächsten Mal.


Endpunkt. Am Flughafen, ein Klischee: ich bin am Easyjet Einsteigebereich, also hinter der Sicherheitssperre, und finde in den wenigen Läden keinen Alkohol als Mitbringsel für’s Handgepäck. Meine letzte Chance, denn im Koffer waren keine Kilos mehr frei. Etwas enttäuscht sitze ich Krimi lesend da, als die weibliche Hälfte des jungen russischen Pärchens gegenüber mit ein paar Duty-Free Tüten daherkommt. In einer sind Alkohol-Miniaturen, ich erkenne Asbach-Uralt. Im Vorurteil bestätigt, dass russische Menschen Alkohol überall finden, gehe ich dahin, wo sie hergekommen ist und werde im hinteren Teil eines Parfümgeschäfts fündig: ein von der Cointreau Firma neu kreierter Blutorangen-Cointreau wird noch in den Rucksack gestopft.

Ich trage die Tüte nicht separat, denn bei den HolzklassepassagierInnen macht Easyjet jetzt Dampf, wirklich nur ein Handgepäcksstück ist erlaubt, nicht etwa zwei kleine. Gepäck und Fliegen, das ist weiterhin eine nervige Räuber-Beute Schaukel, was man warum und wann wohin und wie viel vielleicht oder auch nicht mitnehmen darf.


Ich bin wieder in England, wo es kaum Dialekte gibt, nur regionale Akzente, also Sprachweisen, etwa weiter vorne im Mund reden, gedehnter, nasaler, dergleichen. Weniger Wortveränderungen. Dazu etwas Walisisch und Polnisch auf der Straße. Wenn man tief genug gräbt, finden sich russische sprechende oder lernende Menschen.

Zwei Tage Cardiff

Gastbeitrag von Klaus

Cardiff, zirka 350.000 Einwohner, ist walisische Landeshauptstadt und liegt im Süden von Wales an der Mündung des Severn in die Keltische See bzw. den Bristol-Kanal.

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Blick auf die Severn-Mündung, Cardiff Bay

An einem Freitag habe ich mich in der Früh’ ins Auto gesetzt und bin südwärts zum Bahnhof von Whitchurch in Shropshire gefahren. Eine halbe Stunde später saß ich im Zug nach Cardiff. Nach einmal Umsteigen und zweieinhalb Stunden Fahrt traf ich am Cardiff Central ein.

Die Ausschilderung des Weges zur Tourist Information war perfekt. Allein(!) – die Tourist Information gibt es an der angegebenen Stelle gar nicht mehr, dafür nicht weit davon das Stadtmuseum, wo man mich mit einem Stadtplan ausstattete und mit der Nachricht, die Tourist Information befinde sich jetzt an der südlichen Wasserkante, der Cardiff Bay.

Dort wollte ich ja sowieso hin. Denn dort befindet sich das stattliche Opernhaus, für dessen Abendvorstellung ich bereits ein Ticket hatte. Zuvor allerdings erkundete ich die Innenstadt. Besonders beeindruckend der Gewürz- und der Fischstand in der Markthalle. (Wer mich kennt, weiß, dass eine Örtlichkeit mit gut sortiertem Fischangebot allein deshalb zum Favoriten wird. Wenn außerdem die Möglichkeit besteht, zwischen zehn Chili-Sorten zu wählen, umso besser.)

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Das walisische Landesparlament.

Obwohl mein Bahnticket bis Cardiff Bay gültig war, wählte ich des Urlaubers Freude wegen das Wassertaxi auf dem Fluss Taff. Auf den ersten Blick ist Cardiff Bay eine Amüsiermeile. Der zweite Blick ändert an diesem Eindruck nicht viel. Attraktionen sind die Norwegische Kirche, die Taufstätte Roald Dahls, des berühmten Sohnes der Stadt und Kinderbuchautors, dessen Name einem in Cardiff auf Schritt und Tritt begegnet, die permanente Ausstellung zur BBC-TV-Science Fiction-Serie Dr. Who, und natürlich das Wales Millenium Centre, welches die Oper beherbergt.

Wahrscheinlich ergeht es den Leserinnen und Lesern dieses Blogs so wie dem französischen Touristenpaar im Foyer von Dr. Who. Sie kannten (natürlich) diese TV-Serie nicht und boten damit dem jungen Mann an der Kasse Gelegenheit, Dr. Who zu erklären. Offensichtlich war er damit in seinem Element, zum Beispiel mit der Verdeutlichung des Unterschieds zwischen Star Trek, das die beiden Franzosen wohl kannten, und Dr. Who. (Ich habe mir die Ausstellung nicht angesehen.)

Anmerkung Barbara: Dr. Who ist eine seit Jahrzehnten laufende Serie um einen Außerirdischen, der viele Leben hat (dadurch konnten ihn bereits viele Schauspieler verkörpern, wir sind bei Dr. Nummer 12), durch Zeit und Raum reist und gegen das Böse kämpft. Er hat wechselnde  Abenteuergefährtinnen, die er auf der Erde kennen lernt. Sein “Raumschiff” ist eine blaue Polizeinotrufbox (innen größer als von außen ersichtlich), die man sich ähnlich wie eine Telefonzelle, nur blau und ohne Fenster vorstellen kann. Jeden Winter freuen sich Generationen von Fans, Kinder, deren Eltern und Großeltern und auch ich auf die neuesten Folgen.

img_0704Wandgemälde im Wales Millennium Center, das die Oper beherbergt

Abends in der Oper die große Überraschung: Obwohl das aufgeführte Stück sowohl modern als auch ziemlich = sehr unbekannt ist, war das Publikum so zahlreich wie auch verständig. Der Komponist heißt André Tchaikowsky, 1935 als Robert Andrzej Krauthammer geboren, dem Warschauer Ghetto entkommen und 1982 in Oxford gestorben. Bis auf die Orchestrierung der letzten 28 Takte konnte er seine Oper The Merchant of Venice (Der Kaufmann von Venedig) nach dem Bühnenstück von William Shakespeare noch vollenden. Uraufgeführt wurde das Werk allerdings erst 2013 bei den Bregenzer Festspielen. Es war wohl auch diese Produktion, die in Cardiff gegeben wurde und die ich sehr beeindruckend fand.

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Anglikanische Kathedrale, Cardiff

Der zweite Besuchstag führte mich zurück in die Innenstadt und einen weiteren Stadtteil, war ausgefüllt mit Besichtigungen zweier Kathedralen (römisch katholisch und anglikanisch) sowie des Nationalmuseums. (Die riesige Burganlage habe ich nicht mehr „geschafft“.) Er endete mit einer weiteren sehr erfreulichen Überraschung:

Mein für die Rückfahrt (ohne Umsteigen) gebuchter Schnellzug fiel aus. Eine Stunde später ging ein Bummelzug mit Umsteigen. Am Umsteigebahnhof angekommen, sah ich als Erstes auf dem Bahnsteig die menschlich besetzte Fahrgastinformation. Ging also hinein und fragte nach dem nächsten Zug nach Whitchurch. Es war ca. 21 Uhr. Antwort: “22 Uhr 20“. “Das ist aber lang hin“, kommentierte ich. Und hinzugefügt habe ich die Bemerkung, dass ich ja bereits in Cardiff eine Stunde gewartet und dann auch noch einen langsameren Zug nehmen musste. (Ich habe das „nur so“ erzählt, keinesfalls im Beschwerdeton.) Der “Beamte” benötigte ein wenig Zeit, um sich online bestätigen zu lassen, was ich ihm berichtet hatte, dass nämlich der erste Zug ausgefallen war. Als ihm dies gelungen war, bat er mich, ein wenig zu warten, er müsse telefonieren. Ein Ticket von mir wollte er nicht sehen, geschweige denn eine Reservierung. Dann ging er raus mit mir zum Taxistand und bat den nächstbesten Chauffeur, mich die 32 Kilometer nach Whitchurch zu fahren – free of charge (= für mich kostenlos). Die Bahngesellschaft heißt Arriva. Vielleicht entschließt sich die Deutsche Bahn AG ja, künftig bei Arriva Managementkurse zu buchen.