Das Jahr des Hasen

In China haben sie gerade den Tiger im Kalender, aber für mich ist 2022 eindeutig das Jahr des Hasen, und zwar des echten. Auf der Loire-Radtour im Mai dieses Jahres hat mich ein Langohr fasziniert und nun, auf einer kleinen Bretagnetour, konnte ich in Ruhe zweien zusehen. Frankreich scheint ein Hasenland zu sein. Kaninchen gab es auch. Und natürlich Hinkelsteine.
Schon wieder Frankreich? Da ist ein Glückskeks am Reisen … Und das kam so: Unser Covid-Gutschein für die nicht stattgefunden habende Fährfahrt nach Spanien ist immer noch nicht aufgebraucht, da darf man kreativ werden. Ich habe mein Rad gepackt und auf ging es nicht nur auf die Fähre, sondern gleich über Nacht in einen Schlafsessel, der adequat ist für Kopf, Rumpf und Arme, aber unmöglich für Beine, denn man kann sie nicht hochlegen. So kann niemand schlafen. Bis zu 100% der Sesselmietenden haben auf dem Boden oder den reichlich über das Schiff verteilten Bänken geschlafen. Ich habe es mir irgendwie wie ein Schlangenmensch relativ gemütlich gemacht. Nächstes Mal packe ich einfach den Schlafsack ein. Aber es war billig, nur 5 Pfund für den Schlafsessel zusätzlich zum Fahrschein. Eine Kabine kostet um die 40 Pfund und liegt innen, hat also keine Fenster, das ist nicht schön. Von Plymouth nach Roscoff fährt man nachts, die Rückkehr findet jedoch tagsüber statt. 12 Stunden gegenüber 6 Stunden – die Fähre fährt nachts langsamer. Sie kommt immer pünktlich an.

Gerade war ich von einer heftigen Covidattacke genesen gewesen, einen Tag fühlte ich mich dabei wie eine Glühbirne, so ein Fieber hatte ich, dachte, ich leuchte im Dunkeln. Das hätte mir nicht geholfen, hatte zum Lesen echt keine Lust. Doch es ging steil nach oben. Nach den ersten drei miesen Tagen konnte ich bereits nach einer Woche bei sehr warmen Temperaturen in meinem Job als Gärtnerin arbeiten und dennoch abends frisch und fröhlich die Fähre besteigen. Diese Widerstandsfähigkeit hat mich wirklich gefreut, ein bisschen fit und halbwegs gesund essen scheinen wenigstens nicht zu schaden. Über Krankheiten zu reden ist öde, doch weil es ein neuer Infekt ist, dachte ich, ich sehe mal genau hin, ob ich ins Schema passe. Es gab keinen Geschmacks- und Geruchsverlust wie bei den Alphavarianten, dafür Müdigkeit schon bevor ich wusste, ich bin infiziert. Dazu ein nicht tief gehender Husten, der lange anhielt (dauert, bis die Lunge sich selbst gereinigt hat), Fieber, etwas Herzrasen – alles übliche Symptome eines Omikronvirusses.

Politikeinschub

Derweil ich angeschlagen war, ist die angeschlagene britische Regierung (endlich) gekentert. Boris Johnson ist fast zurückgetreten, aber immer noch da, da er sich selbst zum Interimspremier ernannt hat, was ethisch mal wieder zweifelhaft ist, aber legal. Die Parteimitglieder seiner Torypartei dürfen nun bis Herbst aus zwei von den Parlamentarier:innen der Torys vorausgewählten Kandidat:innen den/die nächsten Premier wählen. Das sind 150.000 potentielle Wählende für diesen minimalistischen Wahlzettel. Ist das demokratisch? Ja und nein, es ist immerhin partei-demokratisch. Erzwungene Neuwahlen sind natürlich volksnäher, doch in Deutschland verbleibt so ein Fall völlig im Parlament. Wenn ein Kanzler zurücktritt, schlägt der Bundespräsident jemanden vor, der mit absoluter Mehrheit gewählt werden müsste. Wenn der Bundestag das nicht macht, kann er (der Bundestag) jemand anderen wählen. Hat diese Person die absolute Mehrheit, muss der Präsident ihn oder sie ernennen. Hat diese Person nur die relative Mehrheit, also die meisten Stimmen aller Kandidat:innen, kann der Präsident sie ernennen oder aber Neuwahlen ansetzen. In keinem dieser Szenarien hat also das Volk oder irgendwelche Parteimitglieder ein Wahlrecht. Allerdings entscheidet das ganze Parlament, nicht nur die bisherige Mehrheitspartei(en).

Bei Mr. Johnson denkt man sich ja, schlimmer kann es nicht werden, doch wir werden sehen. Die beiden übrig gebliebenen Kandidat:innen haben in der Vergangenheit wenigstens etwas Integrität bewiesen, aber über den Tellerrand schauen, nicht nur flicken und reparieren, wo’s gerade brennt, ob sie das können, das wird man sehen.

Man wundert sich ohnehin, dass sich so viele Menschen dafür bewerben …

Die Rolle des britischen Premiers ist etwas anders als die des deutschen Bundesbämbels, es ist mehr auf Kooperation mit den Minister:innen und den eigenen Mehrheiten ausgerichtet. Einerseits. Andererseits ernennt und feuert er oder sie das Kabinett.
Premier war immer ein Schleudersitz. Seit 1945 hat es 15 verschiedene Premierminister:innen gegeben. In Deutschland sind es seit 1949 10 Kanzler:innen und da ist Walter Scheel mit dabei, der zwischen der Amtszeit von Willi Brandt und der von Helmut Schmidt nur für 9 Tage kommisarisch die Geschäfte geführt hat. Wir haben es also mit einer Relation von etwas über 5 Jahre pro Premier zu weit über 7 Jahren pro Kanzler:in (ohne Scheel sogar über 8 Jahre) zu tun. Vielleicht sagt das was über das parlamentarische System oder die Mentalität der Völker oder den Augenblick der Geschichte aus. Oder auch nicht, das kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls hatte jeder Premier, oder in früherer Zeit die entsprechende Position, es hieß nicht immer Premier, immer eine Rückfahrkarte in der Tasche. Seit Robert Walpole 1721 der quasi erste halbwegs moderne Premier wurde, gab es 77 Amtszeiten, etliche Inhaber mehrmals in nicht aufeinanderfolgenden Amtsperioden. Das sind 3,9 Jahre pro zusammenhängender Amtszeit. Erscheint nicht viel.
Britain ist es gewohnt, dass es etwas rau zugeht und Verluste realisiert werden. Ohne die traditionellen Formalien würden die Messer gewetzt, so ist die großkotzige politische Rhetorik ein Ritual, das erwartet wird. Mr. Johnson ist sicher einer, der alle Möglichkeiten ausgereizt hat. Nun hat er sie überreizt.

Der Rest der Welt

Die Fähre, deren Hafen in Plymouth von mir (ich war dieses Mal alleine) in unter 15 Minuten mit dem Rad zu erreichen ist, fährt nach Roscoff in der Bretagne. Von dort liegt einem theoretisch nicht nur ein Kontinent zu Füßen, Europa, sondern man könnte auf dem Landweg sogar Asien und Afrika ansteuern. Verheißungsvolle Aussichten! Doch manchmal ist ganz einfach. Die Bretagne ist in vier Departements gegliedert, das um Roscoff heißt Finistère, Land-Ende. Weiter muss man gar nicht, denn es ist ein idealer Flecken Erde, Sandstrände, nette Dörfer, entspannter Familientourismus, der sich verläuft, Gemüseanbau und viel Ruhe. Ich wohnte in einer Pension bei Plouescat nur 25 km von Roscoff entfernt.

Der örtliche Hinkelstein.

Breton:innen und Cornwaller:innen sind Verwandte. Ihre Länder sind auch von der Geologie her ähnlich, aber es gibt auch viele Unterschiede. So gibt es in der Bretagne, soweit ich weiß, keine Bodenschätze wie z.B. den Zinn, das Kupfer und das Kaolin in Cornwall. Dafür erlebte das Land vor Hunderten von Jahren eine wohlhabende Phase mit der Woll- und Leinenproduktion und -verarbeitung und es gibt diese Menge an steinzeitlichen Gräbern und von Menschenhand bewegten Felsen.
Fisch und Meeresfrüchte stehen auf beiden Seiten des Ärmelkanals auf dem Speiseplan, es gibt Austern hüben wie drüben, aber so ein Frühstück wie die beiden unten gezeigten wird man lange suchen müssen.

Es war fast ein bisschen schade, dass das Wetter so gut war. Ich wohnte im Malzimmer, in dem tatsächlich kleine Leinwände und professionelle Pastellkreiden usw. zur Verfügung standen. An den Wänden hingen Werke ehemaliger Gäste. Eine sehr gute Idee, wenn der Wind pfeift und der Regen an die Glastür prasselt. Das war jedoch nicht der Fall, vielmehr sah es die 4 Tage meist so aus:

Strand in der Bretagne. Der Tidenhub beträgt 6-8 Meter, deshalb liegen die Boote die halbe Zeit auf dem Trockenen.

Die schon 2019 erwähnten Enclos (eingefriedete Ensembles aus Kirche, Gebeinhaus, Triumphbogenartiger Zugang und Kreuzigungsgruppe aus der reichen Woll- und Leinenzeit) sind auch immer eine beliebtes Radziel.

Ich habe all diese Dinge, Baden, Radeln, Essen keineswegs immer alleine gemacht. Nahebei hat die deutsche Familie L aus D wie jedes Jahr in wechselnder Besetzung den Monat Juli in Plouescat verbracht und mich gleich herzlich mit eingebunden. Sie waren es eigentlich, die uns schon 2019 gezeigt haben, wie interessant und fantastisch diese Gegend ist und man einfach die Weite des Himmels und das gute Essen eine Zeit lang auf sich wirken lassen kann. Zufrieden bin ich, dass ich mit Freund L. s elektrischem Fahrrad ganz gut mithalten konnte …

Und so stellt sich Plymouth dar, wenn man mit der Fähre ankommt. Die Säule des Kriegerdenkmals zeigt an, wo es zur Stadt hinunter geht und Smeaton’s Tower (der Leuchtturm) ist heute rein dekorativ, stand früher aber außerhalb des Sunds auf offener See und hat dort seine wichtige Arbeit verrichtet.
Man sieht, das Gras auf dem Hoe (der Hügel) ist braun, auch auf der Insel haben wir eine Trocken- und Hitzewelle.

Leute

Oder, wie man hier sagt: PEOPLE.

Kurz bevor mich Covid ein paar Tage ins Bett gezwungen hat, ergab sich die Gelegenheit, bei einem Kunstprojekt mitzumachen. In Plymouth ist wie immer viel los in der Kunstszene Von-allen-für-alle. Das ist lebendig (und gemalte Bilder sterben natürlich auch nicht aus). Für mich bedeutet dieses Mitmachen meist Teil eines Projektchores zu sein, doch dieses Mal handelte es sich darum, Teil eines Photos zu werden.

Dieses Bild ist auf dem Hoe entstanden, das ist der Mittelpunkt von Plymouth, wenn man das Meer einbezieht. Vor uns sehen wir die Hochfläche des Hoe mit dem Kriegerdenkmal und dann geht es in die Innenstadt hinein. Hinter uns befindet sich unmittelbar das Meer, nur 20 Meter den Hang hinunter.
Im Vordergrund der Schriftzug PEOPLE., gebildet aus Freiwilligen, die sich an dem Sonntagmorgen eingefunden hatten. Teilnahmebedingung: dass man irgendetwas unentgeltlich für die Gesellschaft tut.

In dem End-E befindet sich eine Person im kräftig grünen T-Shirt. Das ist Alena, meine Glockenkapitänin. Vor und hinter ihr sind weitere bell-ringer, auch ich, wenn ich auch auf dem Bild nicht wirklich zu sehen bin.

Und das kam so: Im Stadthaus hängen verschiedene Archivbilder in den Korridoren, darunter auch dieses:

Vor 40 Jahren gab es einen in Vergessenheit geratenen “Fun day”, Spaßtag, für Freiwillige und Mitarbeitende im Nachbarschafts- und sozialen Bereich. Dabei wurde das Wort People gebildet und von der Polizei fotografiert. Dieses Bild wurde von einem Duo aus zwei hiesigen Künstlerinnen entdeckt und eine Idee entstand: den Freiwilligen von Plymouth, dem Kleber, der Gesellschaften oft zusammenhält, ein kleines Denkmal zu setzen. Aufgerufen waren alle, die irgend etwas freiwillig in der Stadt machen. Von Besuchsdiensten zum Fußballtraining, Nachbarschaftshilfe, Engagement zeigen. Freiwillige halt. Wir Glockenläutenden wurden speziell eingeladen, eine von uns ist auch Künstlerin, so hatten wir den Draht zu den Veranstalterinnen. Dieses Mal mussten wir nicht auf einen Polizeihubschrauber warten, die Technik ist fortgeschritten, es kam eine Drohne zum Einsatz.

Man sieht uns etwas in der Hand halten, das ist das abgebildete gelbe Heft. Darin befindet sich ein kleiner Dialog, der von den Veranstaltenden und uns vorgetragen wurde. Es ging erwartbar darum, dass ohne Leute gar nichts geht und Engagement Freude bereitet. Diese gemeinsame Aktion war wirklich schön und etwas bewegend, und in dem Moment standen wir für alle, die in der Stadt engagiert sind.
Das Bild mit uns allen “PEOPLE” wird ab Herbst auf einer riesigen Plakatwand in der Stadt zu sehen sein. Damit die Freiwilligen nicht wieder im Archiv verschwinden.

Bayrische Seen

und andere Vergnügungen im extra schön herausgeputzten Deutschland. Nach zweieinhalb Jahren und mit Hilfe von 5 Verkehrsmitteln (halbe Stunde Beine, 3 Stunden Bus, 1 Stunde Flieger, 8 statt 6 Stunden in 3 Zügen und 5 Minuten Auto) in dem schmucken Freizeitpark Bayern angekommen. So sieht es von meiner Warte aus – aus. Urlaubsland!!!

In meinem Elternhaus gab es jeden Abend: Igel-TV, denn Igel werden jeden Tag mit Futter angelockt, das die Knaben und Knäbinnen dann unverschämt laut knirpschen. Ein endlos unterhaltendes Schauspiel, kein Fern-, sondern Nahsehen. Nichts ist schöner als beim abendlichen Kartenspielen Geraschel in der Hecke zu hören und dann huschen sie herum, fast um die Beine.
Nach einigen Nächten kamen die Glühwürmchen hinzu und eine einsame Fledermaus drehte ihre Runden. Ein echtes Kleinstadtidyll das.

Ich habe Deutschland wiedererkannt, war ganz einfach. Sieht immer noch geputzt aus, sauber (ja, ja, ja, so wenig Müll auf den Straßen, großartig!), gepflegt, reich. Die Leute scheinen immer meckeriger zu werden, das war das einzig Schade. Es wäre nett, wenn die endlose Anzahl schöner und funktionierender Dinge auch mal betrachtet und Erwähnung finden würde. z.B. habe ich mir in Frankfurt nach der Landung sofort, obwohl ich noch einen ICE-Anschluss hatte, ein 9 Euro Ticket gekauft. Was für ein schönes Gefühl, man kommt an und bekommt etwas Vernünftiges quasi geschenkt. Nix Unnützes, was einstaubt oder gleich kaputtgeht. Ich habe es auch gut genutzt, am Feiertag, zu Stoßzeiten, auf Hauptstrecken, ich bekam immer einen Sitzplatz und alle anderen auch. Dennoch wurde es in Gesprächen mit Misstrauen und, natürlich, Besserwissen, begrüßt. Zu gut, um wahr zu sein. Steuerverschwendung. Hätte man viel früher machen sollen. Sollte man nicht nur für drei Monate machen. Hätte man gar nicht machen sollen. Bringt die Bahn in Misskredit, weil alles zu voll wird, kann kommen noch weniger Leute. Und das nach nur einer Woche Erfahrung mit dem Ticket! Beeindruckende Hellseherei hier.
Und richtig, mein Zug fiel mal aus, aber im nächsten waren nicht übermäßig viele Leute. Alles unter Kontrolle. Ich stand im Münchener Hauptbahnhof, der gerade anfängt, umgebaut zu werden und fand es sehr stressig, dies ist ein Riesenumschlagplatz für Menschen, es war so voll, wird Zeit, dass die Leute mehr Platz finden. Auf der anderen Seite, da kam ein Zug aus Rimini, da erhielten Reisende aus Hintertupfingen noch Anschluss nach Stuttgart, ein anderer Zug steuerte Nürnberg an und Paris geht immer. Dass so etwas überhaupt funktioniert, ich bewundere das. Da stecken viel Arbeit und Jahrzehnte Erfahrung drin. Man muss auch nicht den Schaffner bestechen, um reinzukommen in den Zug, und das Gleisbett ist nicht mit Billigzement verwackelt worden und investitiert wird auch. In England sind nicht einmal alle Linien elektrifiziert.

Dann gibt es auch Coronamaßnahmen, aber diejenigen der 80 Millionen Virologen und Virologinnen, die Deutschland bewohnen, mit denen ich sprechen konnte, sind sich zwar uneinig unter sich, aber irgendwie doch darin einig, dass jede gemachte Maßnahme ein Schmarrn, sogar gefährlich oder schlicht überflüssig war und gleichzeitig jede mögliche Maßnahme, die nicht gemacht wurde, die einzig richtige gewesen wäre. Vermutlich sind die Wählerinnen und Wähler schuld, denn sie haben die einzigen Nicht-Virolog:innen des Landes in die Regierung gewählt. Das scheint mir die logische Auflösung dieses Rätsel zu sein. Ich will das nicht kleinreden, ich nehme an, die Psyche des perfekten Deutschland hat sich von der Schockwelle der Ereignisse noch nicht erholt, wer wollte es ihr verdenken. Bin schließlich auch sehr deutsch. Da kann man schon mal nach einfachen Lösungen suchen oder der Ansicht sein: das war nicht perfekt, doch es muss eine perfekte Lösung geben. Es muss!

Ich saß einfach in den Zügen und ließ es mir (mit Maske) gutgehen. Wie die Pendler:innen, die sich von ihrer 3-monatigen Ersparnis jetzt hoffentlich genügend hochwertiges Essen im teuren München leisten können. Und ein paar Halbe. Fahren müssen sie ja nicht. Alle anderen: wartet doch die drei Monate erst mal ab, dann könnt ihr immer noch kritisieren. Wenn euch zwischendurch langweilig wird, findet ihr auch noch was anderes. Okay, ich weiß, das macht mich auch zur sauren Motzerin, dieses Motzen über Motzende, aber ich musste diese Welle an Negativität, die da an mich heranwallt kam, erst einmal verarbeiten. Das ganze Land schien gewillt, sich bei mir zu beschweren. Vielleicht liegt es am Gesicht?

Ich bin einfach baden gegangen, in zwei Seen, und habe im Schwimmbad hechten geübt. Zeit optimal genutzt.

Bogen schlagen

zur Bogenbrücke. Wollte ich nur erwähnen, eine Meisterleistung der Ingenieurskunst. Wir sind hinübergefahren, auf dem Weg zu einem Markt und der Wieskirche.

Die Echelsbacherbrücke ist fast 100 Jahre alt und überspannt das tief eingeschnittene Tal der Ammer. Im Baujahr 1929 war sie mit 130 m die weitestgespannte Bogenbrücke ihrer Art der Welt. In den letzten Jahren wurde sie komplett erneuert (im Bild rechts sieht man im Hintergrund die eigens errichtete Behelfsbrücke), denn sie ist weiterhin notwendig. Selbst heute wären zu große Umwege zu fahren, wenn hier keine Brücke stände. Was beim Benutzen auffällt, sind die hohen und bewehrten Brückengeländer – leider hat die Brücke traurige Selbstmordrekorde geschlagen, das soll unterbunden werden. Es gibt aber extra eine Untersichtsplattform mit Parkplatz, damit man die Brücke gefahrlos bewundern kann.

Nochmal Chiemsee.

Platin hatte bisher keine Farbe

Doch jetzt ist es sowohl weiß als auch rot als auch blaue. Es ist ein Rekord, 70 Jahre Thron, vermutlich einzigartig auf der Welt. Wenn man Throne für nötig hält …

Noch eine Farbe kommt dazu, das offizielle Emblem jedoch ist lila wie die neue U-Bahnlinie, die Elisabeth Line und sieht ganz nett aus. Über der Krone ist stilisiert eine 70 zu erkennen, wenn man genau hinsieht. Man kann es auf folgendem Dokument sehen:

Meine Turmkapitänin hat uns das nach dem Sonntagsläuten geschickt. Bit of funf – ein bisschen Spaß.

Dabei ist das so eine Sache mit den Daten. Für manche Leute gilt eine andere Zeitmessung. So hat Elisabeth II von alters her zwei Geburtstage, einen biologischen und einen, der besser zum Feiern passt (finde ich als Winter geborene gar keine schlechte Idee übrigens). Königin wurde sie irgendwie im Februar 1952, beim Ableben ihres Vaters, gekrönt aber zweiten Juni 1953. Dazwischen also das Jubiläum, Pi mal Daumen. Da wird kreativ mit Daten umgegangen, aber wollen wir mal nicht so sein. Weder 1952 noch 1953 hat irgendjemand erwartet, dass ein Ereignis “Platinum Jubilee” stattfinden würde.

Den Britischen wurde (um von der politischen Lage abzulenken?) ein extra Feiertag spendiert; dazu wurde ein Feiertag, der End-Mai-Feiertag, verlegt, so dass alle, Royalist:in oder nicht, ein viertägiges Wochenende hatten. Es gab Tausende Straßenfeiern, Zäune wurden mit Flaggen geschmückt, daz ein Riesen offizielles Programm. An dem Elisabeth nur kurz teilnehmen konnte, denn sie ist alt geworden, das ist nicht zu ändern.
Von dem offiziellen Programm ist bestimmt sehr viel in den Deutschen Medien übertragen worden, ich kenne so viele Deutsche, die die Royals besser als manche Einheimische kennen und auch ich weiß weitaus mehr, als ich je wissen wollte. Doch hier geht es um ein historisches Ereignis.

Obwohl, hm ….
Charles und Camilla sind tatsächlich bei einer der wichtigsten Soaps (Eastenders, eine tägliche Vorabendserie, so was wie Lindenstraße) aufgetreten. Als sie selbst, nämlich die Jubiläumsfeier in der Soap besuchend. Das nennt man wohl volksnah. Und die Queen hat wirklich in einem Sketch mitgemacht mit dem berühmten Paddingtonbären, dem aus Peru, in dem sie mit ihm im Buckingham Palast Tee trinkt und sie sich gegenseitig ihre Marmeladenbrote zeigen, die sie zum Vorrat immer bei sich tragen. Paddingtonbär im Hut, die Queen in ihrer Handtasche. Das ist WIRKLICH süß und kann auf youtube angesehen werden, wer’s noch nicht gesehen hat. Dafür muss man auch kein Englisch können.

Kritische Worte waren nicht zu hören, z.B. zu dieser ganzen disfunktionalen Familie und der Unnötigkeit einer Monarchie, es wurde wieder mal das Durchhaltevermögen gefeiert. Derweil brodelt es sogar in der konservativen Partei (das sind die, die gerade eine fette Mehrheit haben), ob sie nicht doch genug von Boris und seinen unendlichen Lügen haben.

Naja, ich habe ja auch geläutet und ein Stück Torte gegessen. Hier ein paar Details aus der Region, die es nicht ins Fernsehen geschafft haben:

Völlig zusammenhanglos eigentlich mit einem Jubiläum und herrlich sinnfrei, aber dafür umso charmanter und lustiger, hat Plymouth die Gelegenheit genutzt in seinem Strandbad, dem Lido, einen Weltrekord zu brechen, nämlich den der meisten Meerjungfrauen (und -männer). Eine Frau aus meinem Chor nahm mit ihrem Sohn teil und ich habe das bunte Treiben nach einer Runde Schwimmen im angrenzenden Meer von der Terrasse aus beobachtet. Ich bin sogar von hinten auf diesem Foto zu sehen (grauer Pferdeschwanz, Mitte links im Bild, mein Kopf ragt in einen hellen Streifen hinein)

388 Nixusse und Nixen, wo kriegen die bloß ihre Fischschwänze her? Aus dem Internet, vermute ich.

Mit – Basssängerin Becky mit Sohn Lewin. Und Perücken.

Mein Chor hatte schon am Wochenende davor in einem Park gesungen, leider ohne mich, denn ich war heiser. Das ist nur ein weiteres Beispiel für die vielen, vielen Events, die überall zusammenkamen.

Ach ja, und ein Stück Kuchen habe ich auch noch abbekommen. Gebacken vom Pfarrer, mit Fondant verkleidet von seiner Frau, die eine ausgezeichnete Glockenläuterin ist und verziert von jemandem aus der Gemeinde.
Dort hatte ich vor dem Abendläuten einen netten Nachmittag mit rot-blau-weiß und dem Absingen der Nationalhymne God save the Queen.

Letzte Ruhe

Nicht für uns, doch unser letztes Gebäude ist die Klosteranlage von Fontevraud, in der ein Männer- und Frauenkloster miteinander existierten, unter der Leitung von Äbtissinnen. Dieses “Experiment” zog viel Missgunst und üble Nachrede auf sich, wegen der Frauenpower natürlich, doch hat 700 Jahre gehalten. Da sollte die experimentale Phase vorbei sein. Erst die Auflösung der Klöster im Zuge der Französischen Revolution machte dem Arrangement ein Ende.

Napoleon baute danach den Komplex zu einem schnell berühmt berüchtigten Gefängnis um und das blieb Fontevraud bis in die 1960er. Von der Inneneinrichtung gibt es nur noch Reste der Malereien, doch die Struktur, das Hohe und Schlichte der Räume ist erlebbar.
Die wichtigste “Bewohnerin” ab 1204 wurde in all den Jahrhunderten nicht verschleppt, sie und drei weitere königliche Sarkophage ruhen noch / wieder in der Kirche. Entworfen wurden sie von dieser Verstorbenen, Eleanor von Aquitanien, die ihre letzten Lebensjahre hier verbrachte. Einer ihrer Ehemänner, Henry II., ihr Lieblingssohn Richard Löwenherz und dessen Frau Isabella von Angouleme liegen bei ihr. Zwei Könige von England. Richard ist der, der in der Robin Hood Geschichte immer gut wegkommt, leider zu Unrecht, ihm fiel auch nichts Besseres als teures Kriegsführen ein, er ist nicht der strahlende Retter.

Eleonore ist eine treibende Kraft ihrer ganzen Epoche gewesen, ein Leben wie im Film, das erst mit 82 Jahren zu Ende ging. Nur Königin von Frankreich konnte sie nicht werden, da Frauen dort fast in fanatischer Weise von der Thronfolge ausgeschlossen waren. Als Begründung diente altes salisches (fränkisches) Recht, das Frauen Grundbesitz untersagte, und die Salbung der Könige, die automatisch damit Kirchenaufgaben übernahmen, fast Priester waren. Da konnte man dem Pakt zwischen Vatikan und Königshäusern nicht dazwischenfunken. Frauen galten bis zu einem Konzil im 16. Jahrhundert nicht einmal als Menschen, geschweige denn als salbbar, sondern als Ding mit Gebärmutter (so die offizielle Definition!), hatten folglich wenig Chancen auf der Leitungsebene. Nicht nur, aber auf jeden Fall in der französischen Welt. Es gibt viele Länder, in denen das immer noch so ist und das ist das eigentlich traurige daran.


Eleonore stellte sich mit Buch dar. Sie wollte tatsächlich ihre Bildung zeigen.
Kreuzgang der Frauen.
Alte Küchengebäude.
Durchfahrt

Jeden Tag Kuckucksrufe, Grillenzirpen und Fröschegeschrei, Schwalben fliegen sehen, einem Käuzchen lauschen und die ersten großen Glockenblumen. Wer sich Zeit nimmt, kann viel erleben.

Auf den letzten Metern vor unserem Zielpunkt Saumur dann noch ein völlig unerwartetes Schmankerl: ein mittelalterlicher Markt in den Fels gehauen (nicht mehr aktiv). Der Radweg führt einfach hindurch, das war eine Überraschung, mitten hinein in die Sehenswürdigkeit.

Später sürzte manches Dach ein, wie ein Karstloch.
Sogar auf zwei Ebenen.

Wir haben auf unseren Wegen wenig Pedelecs gesehen, doch es gibt Infrastruktur. Die Gemeinde mit dem Höhlenmarkt hat z.B. Schließfächer aufgestellt, in denen man seine Batterie einschließt. In den Fächern befinden sich Steckdosen zum Aufladen. Kostet nicht mal was. Clever.

Kein Fazit

Was man in Frankreich tun sollte: Zug fahren. Pünktlich, sauber und Eins A gepflegte Gleisanlagen. Selbst der letzte Bummelzug fährt butterweich über jede Weiche. Mein Test dazu: vor dem Halt, wenn man schon an der Tür steht, ohne sich festzuhalten, stehen. Ich habe eine gute Balance, doch das geht weder in Deutschland noch in den UK so richtig gut. In Frankreich war es kein Problem. Da es ein Angebot gab, eine Strecke für buchstäblich 2 Euro mehr in der Ersten Klasse zu fahren, haben wir auch das ausprobiert – anstatt 4 Sitzen drei in der Reihe, wie ein Sessel, das tut dem Hintern, der vom harten Sattel nicht verwöhnt ist, richtig gut.

Das Land war auch so schön sauber … Frankreich und Deutschland sind ja sehr unterschiedlich, Mentalität, Lebensgefühl, Kultur, schon sehr anders. Aber Müll auf den Straßen? Nein danke. Leider anders in England, da wird öffentlicher Raum von zu wenigen Menschen geschätzt. Wir kennen aber nur die Leute, die den Müll aufheben bzw. erst gar nicht wegwerfen. Viele Leute kümmert es nicht, wenn die Mülltonnen mal wieder vom Wind umgeweht werden. Man könnte sie ja festketten …

Was man nicht machen sollte: sich auf Öffnungszeiten von Geschäften verlassen und auf Restaurants. Das liegt nicht unbedingt nur an einer gallischen laissez-faire Mentalität, wir haben gelernt, dass es auch, wie in England, seit Covid einen Personalmangel in der Gastronomie und Serviceindustrie gibt. Also immer eine Packung Nüsse dabei haben und bei jedem Bäcker auftanken, das Restaurant könnte auch beim besten Willen der Betreibenden geschlossen bleiben! Es ist uns nur einmal passiert, aber genau zum unrechten Zeitpunkt. Unsere Taschen waren gerade leer gefuttert.

Was will man mehr als Wiesen voller Butterblumen?

Komplizierte Verhältnisse

Die vielen Schlösser der Renaissance im Loiretal dienten oft mehr zur Zierde und als Extraresidenz oder als Königssitz in Zeiten, in denen man sich in seinem Kernland sicher fühlen konnte. Jedenfalls vor feindlichen Armeen. In der Festung von Chinon dagegen entschieden sich die Schicksale ganzer Reiche.

Doch zuerst: wir haben es geschafft und etwas nicht Schlössisches besucht.

Höhlenleben

Die weichen Kalksteinfelsen der Region dienen seit langer Zeit den Winzern als Weinlager. Überall sieht man die Tore in die Felswände hinein.

Weingut in Chinon.

Doch diese Tradition des Unterschlupfs geht weiter zurück. Nahe Azay-le-Rideau wurden in den 90ern vergessene Wohnhöhlen wiederentdeckt, die immerhin bis weit ins 19. Jahrhundert eintausend Jahre lang Menschen als Bauernhaus dienten. Leider mussten die Menschen, die bestimmt nicht zu den Reichsten zählten, zusätzlich Schutzhöhlen anlegen, da man immer wieder Verstecke vor z.B. Söldnerhorden benötigte, die jahrhundertelang ihr Unwesen trieben. Wie erfolgreich man damit war, ist nicht bekannt. Ein Besuch in einem etwas anderen Bauernhofmuseum.

Typische Einraumbauernhöhle
Das eigene Getreide wurde verbacken.

Heute ist das Museum ein idyllisches Plätzchen, das den Einfallsreichtum und die Überlebensfähigkeit der Landwirte feiert. Mit Esel, Schwein und grauen Tourrainehasen (lokale Rasse). Und natürlich Gänsen.

Chinon

Auch in den Stein gehauen ist die Festung von Chinon, einem lieblichen Städtchen am Ufer der Vienne, eines Loirezuflusses. Die Gewerbegebiete liegen über der Talanhöhe, auf deren Kante die Festung von Chinon thront, im Flusstal die Innenstadt. Die Vienne fließt still vor sich hin, doch an dem Wintertreibholz an den Brückenpfeilern kann man sehen, wie reißend sie werden kann. Ganze Baumstämme haben sich verkeilt.

Ufer der Vienne
Chinon

Die heutige Festung rührt aus dem 10. Jahrhundert und wurde auf römischen Vorgängeranlagen errichtet. Im 11. Jahrhundert war sie Teil der englischen Besitzungen auf französischem Boden. Das waren alles sehr komplizierte Verhältnisse. Die Normannen hatten England erobert, aber ihr Geschlecht starb bald aus. Durch Heirat waren sie längst mit anderen Herrschergeschlechtern des heutigen Frankreich verwandt. So entstand die Situation, dass Johann Ohneland, der jüngste Sohn, deshalb ohne Land, durch Tod seines Bruders Richard Löwenherz nun doch Land hatte und zwar als König von England souverän, als Herrscher von Aquitanien als Vasall des französischen Königs so halb souverän. Johann Ohneland ist der, der in der Robin Hood Geschichte immer so schlecht wegkommt und nicht zu Unrecht. Er schaffte es, es sich mit allen zu verderben ( das ist die Kurzversion ) und verlor 1205 nach monatelanger und erfolgreicher Belagerung Chinons durch den französischen König, der direkt König nur um die Pariser Gegend war, letztendlich alle Besitzungen auf dem Kontinent. Damit war die Doppelbeherrschung Englands und Frankreichs durch ein Haus praktisch gestorben, auch wenn noch jahrhundertelang, z.B. im 100jährigen Krieg, zwischen Adelshäusern dies- und jenseits des Kanals gekämpft wurde.

Burg von der Altstadt aus gesehen.

John Ohneland wird in England auch der schlechte König genannt ( bad John ) und alsbald gezwungen, die Magna Carta zu unterschreiben, die er zwar nicht einhalten wollte, doch die wie ein Schwelbrand weitreichende Folgen für die gesellschaftliche Entwicklung Englands haben sollte.

Im 15. Jahrhundert traf Johanna von Orléans in Chinon auf Karl den VII. und überzeugte ihn, ihr die Heeresführung anzuvertrauen.

Man weiß auch, wo sie bei ihrem Aufenthalt gewohnt hat und kann hinein. Heute sind alle erhaltenen Räume kahl, doch mit Hilfe eines Tablets, das man am Eingang erhält, kann man, im Raum stehend, jeden auch möbliert und bewohnt erleben. Für einen Eindruck ist so eine virtuelle Realität gar nicht schlecht.

Einer der Wehrtürme. Man kann in alle Türme hinein. Geschätzte Zahl aller erklommenen Stufen: 250 einfach.

Blick auf das Tal.

In Chinon wurden auch wichtige Tempelritter eingekerkert. Der Papst wollte eine Wiedereingliederung in die Kirche, doch der französische König, der die Verfolgung aus Gewinnsucht quasi angefangen hatte, wollte ihre Schätze und Ländereien doch lieber behalten und ließ sie hinrichten. Johann Ohneland war nicht der einzige schlechte König, die Liste ist endlos.

Tour nach Tours

Ich weiß, was für ein schlechter Titel, doch was für eine schöne Stadt. Wir erreichen sie direkt entlang der Loire, wo die mittlere Brücke Leuten zu Fuß oder mit dem Rad vorbehalten ist. Wir finden auch gleich ein Radgeschäft, das ein Problem mit dem Mechanismus von Ks Lenkerwinkeleinstellung behebt und uns erklärt, wie das System zusammenhängt. Es scheint zu sein, dass noch nie jemand den Lenker verstellen wollte, denn eine Verbindung ist falsch zusammengefügt, wir hatten keine Chance, das stabil hinzubekommen.

Dann noch das Hotel mit Schwimmbad gefunden, dieses Mal sogar ein 4 Sterne, läuft gut für Tours.

Hotelfoyer
Wunderschöne Kathedrale.

Ein Abend in der freundlichen Altstadt und am Hauptplatz in einer Brasserie (Brauhaus) und auf den nächsten Tag, den 1. Maifeiertag, gewartet. Und richtig, hier wird der ernst genommen. Bestimmt über 1000 Menschen demonstrieren auf dem großen Boulevard, dies ist nur der Kopf der Bauernverbände, Gewerkschaften und anderer gesellschaftlicher Gruppen:

Über diesen Boulevard links verlassen wir auch die Stadt. Die Bus- und Radspur befindet sich auf der Mitte der Fahrbahn, die Autos fahren am Rand. Ein ganz ungewohntes Gefühl und fast unheimlich, dass man mal ernst genommen wird.

Den ganzen Tag bekommt man übrigens Maiglöckchenbüschel angeboten, das scheint typisch zu sein. Ist aber unpraktisch für uns. So radeln wir wieder mal im Sonnenschein, unverschämtes Glück mit dem Wetter, durch Naherholungsgebiete mit fitten Französ:innen ( schwimmen, joggen, Freiluftfitnessparcours, Golf ) an Loire und Cher entlang, lauschen den Kuckucken, sehen einen Buntspecht und verpassen fast aus Übersättigung eine nächste Sehenswürdigkeit, die seit 110 Jahren wiedererstandenen Renaissancegärten von Schloss Villandry.

Ein grünes Wunder

Das wäre wirklich schade gewesen. Alleine das Schattenspiel der gerade austreibenden Bäume ist sehenswert.

Blick mit Dorfkirche

Die Anlage besteht aus Etagen und einer Mischung aus Flaniermeilen, Zierbeeten mit z.B. Buchs in Herzformen und Nutzgärten, wo in Buxpaneele farbkoordiniert und mit Fruchtwechsel Salate und Gemüse angebaut werden. Im Ergebnis sind die Gemüsebeete genauso schön wie die Zierbereiche. 52 km lang wären alle Buxsträucher, wenn man sie nebeneinander reihen würde. Beachtlich.

Schloss, Land, Fluss

Schloss Chenonceau mit Katharina von Medici Garten
Diese bekannte Ansicht kann man ganz umsonst vom Radweg aus haben.

Schloss Chenonceau in der Gemeinde Chenonceaux, das unsere englisch sprechende Appstimme Eric zur großen Erheiterung Tschennensoak ausspricht ( franz. beide Namen identisch ungefähr Schönosó ausgesprochen ) erstand am Standort einer Mühle über den Cher, einem Nebenfluss der Loire. Die vorhandene Holzbrücke wurde später in eine Steinbrücke mit doppelter Galerie verwandelt, die einem reichen Partyleben dienten, während in anderen Räumen ein riesiges Land regiert wurde. Von Menschen wie Katherina von Medici, die niemand als Regentin für dreier ihrer Söhne auf dem Schirm hatte, sonst hätte man die Kaufmannstochter aus Italien nie mit dem jüngeren Bruder des Königs verheiratet. Dieser verstarb unerwartet und schon war sie Königin, nach einem schon vorher absurden Achterbahnleben als Spielball der Allianzen.

Eigentlich erstaunlich, die Menschen wussten, dass ihre Lebenserwartung gering war, jeder Husten tödlich sein konnte, und doch planten sie, als könnten sie alles im Griff haben. Sie sind uns damit doch nahe, selbst in ihrer unpraktischen Kleidung und mit ihren strengen Mienen.

Blick vom Schloss auf den Cher.

Es gibt große Schlösser, kleine Schlösser, gedrungene und feine Schlösser, Weingutanlagen und Sommerresidenzen, und alle könnten nirgendwo stehen als in Frankreich. Natürlich macht unser Tourplan auch andere Vorschläge, Weinproben -mit dem Rad ein bisschen kritisch – Pilzzüchtereien, Mühlen, Museen gibt es auch ( Wetter zu gut ), aber ein Schloss lockt halt doch und so bleiben sie unser Schwerpunkt. Neben km langen Fahrten durch Weinberge, Jagdwälder und an Flüssen entlang. Es gibt Orchideen in den naturbelassenen Wiesen und gepflanzte Iris an den Hecken, Hasen im Feld und einen eingezäunten Poitieresel. Das sind diese Riesenesel, die es mal im Münchener Zoo gab. Schlecht gelaunt, aber machen was her. Toll, so etwas in einem Dorf zu sehen. Am schönsten ist es, durch die Natur zu radeln, bei einer Bäckerei einen Eclair zu essen und den zahlreichen Kuckucken zu lauschen. Bis zum nächsten Schloss.

Ab dem 14. Jahrhundert im 100jährigen Krieg als Verteidigung gegen England errichtet, wurde das Loiretal schlossreich und Zentrum der Macht und höfischen Lebens der Renaissance. Auch nachdem die Regierung wieder nach Paris gezogen war, blieb man der Gegend für Jagd und Sommerfrische treu. Es sind etwa 220 km bis Paris, auch in alten Zeiten keine zu große Entfernung. Wie die Menschen früher eine Vorstellung ihres Anspruchsgebiet oder ihres Landes hatten, ist schwer nachzuvollziehen. Aber es hat seit Jahrtausenden gut funktioniert. Ab einem gewissen Organisationsgrad einer Gesellschaft kann man sich verwalten. Arbeitsteilung, Infrastruktur über Wasserwege, die See und einige Straßen, ausreichend ( oder auch nicht) Kommunikation. Und Armeen, denn Nachbarn waren grundsätzlich unfreundlich.

Iris werden überall gepflanzt, wie die Märzenbecher an Englands Straßen.
Sumpfknabenkraut ( Anacamptris )
Platanen und belgisches Bier

Endlich gibt es überall Platanenalleen, etwas was man vielleicht mehr mit Südfrankreich verbindet. Gastronomisch herrscht viel der Norden, belgische Biere sind an der Tagesordnung, die regionale Küche scheint herzhaft nördlich zu sein, weniger schon mediterran. Regionalen Wein muss man, denke ich, nicht extra erwähnen, in Frankreich wächst an jeder Ecke das eine oder andere Fläschchen heran.

Die erste Fotowand

Beauregard liegt am Weg zwischen Cour-Cheverny und Mosnes – für die Conoisseur:innen der Gegend – ein wenig einsam und nicht der ganz große Magnet der Gruppenreisenden. Doch zu Unrecht, der Garten und die 300 Jahre alte “Fototapete” der Herrschenden sind charmant und ein Traum. Malschüler haben seinerzeit im Auftrag der Eigentümer bekannte Porträts kopiert und diese wurden in einer Galerie zusammengestellt. Lapislazuli-Farb-Malereien an die Decke und Delfter Kacheln mit einer Armee auf den Boden verlegen und fertig ist eine Galerie der frühen Neuzeit. Diese Art von Raumgestaltung soll nicht unüblich gewesen sein, die meisten Galerien sind jedoch nicht mehr erhalten.

Chateau Beauregard

Nach drei Tagen Reise sind wir so voll der Eindrücke, wir wundern uns, dass noch einige Tage vor uns liegen und der Urlaub noch nicht vorbei ist. Visuelle Überladung. Aber bald packen wir Amboise an, wo Leonardo da Vinci die letzten drei Jahre seines Lebens verbrachte. Man lernt nie aus, vielleicht sollte man mal ein Buch über ihn lesen. Seine Zeit ist mir entrückter als manche andere, die Römer z.B. kommen mir wie alte Kumpels vor. Man stolpert ja auch überall über ihre Reste. Das Wohnschloss, das da Vinci zur Verfügung gestellt wurde, und der Garten sind wirklich interessant. Im Garten finden sich Modelle seiner Erfindungen oder Weiterentwicklungen von Erfindungen anderer Leute, oder seine Brücken, die er für alle Gelegenheiten entworfen hat, alles sehr lehrreich. In einer Art Renaissancecafé schmeckt dann der gewürzte Wein nach altem Rezept, eine Art kühler Glühwein, um das alles zu verdauen.

Amboise ist ganz schön rummelig. Es gibt auch drei Schlösser dort, die zum Betreten einladen. Die beiden anderen sparen wir uns aber. Die Loire derweil, die fließt unbekümmert dahin.

Verdächtig prächtig

Wir radeln durch das helle Frühlingsgrün. Das Laub im Wald leuchtet mit den Rapsfeldern um die Wette. Inmitten der Landschaft stehen Schlösser. Manche recht gut besucht, manche schön ruhig.

Der erste Höhepunkt hinter Blois ist Chambord. Es wurde als Jagdschloss errichtet, für wenige Wochen im Jahr nur, in einem Sumpf, der im Sommer mückengeplagt war und im Winter fies kalt. Aber egal, Hauptsache, man sah gut aus dabei. So alle 100 Jahre wurde umgebaut, neu möbliert oder renoviert. Im Zuge der Gemütlichmachung wurde auch der Sumpf trocken gelegt.

Wenn man diese Pracht sieht, wundert man sich weniger, warum die französische Revolution so überhand nahm. Der Kontrast zwischen denen, die dachten, ihnen stünde alles zu, und den vielen anderen ist hier noch mehr auf die Spitze getrieben als in den UK. Von Deutschland ganz zu schweigen. Es ist obszön, dieses Anspruchsdenken. Die Zurschaustellung der Macht wirkt leicht paranoid, als hätte man seinem Glück doch nicht so recht getraut. Ich verstehe alle, die fleißig mit dem Giftfläschchen unterwegs waren, um ein Stück des kleinen Kuchen abzukriegen. Hat aber Hunderte von Jahren funktioniert, kurze Zäsur der Revolution und schon ging’s weiter. Bis 2010 wurden hier noch, wie in anderen Schlössern Frankreichs, präsidentiale repräsentative Jagden abgehalten. Pompidou hat Dutzende Wildschweine mit Jagdfreunden aus aller Welt im Dienst der Republik erlegt. Erst Sarkozy hat diesen Pomp, zugleich mit anderen Privilegien, als unzeitgemäß abgeschafft. Jetzt geht es ja vielen, darunter auch uns, viel besser, und das ist die richtige Richtung. Packen wir das Gift wieder ein.

Große Wendeltreppe
Blick vom 2. Stock
Das ist auf dem Dach. Wie Klein-Venedig. Schon toll.
Das Schloss ist längst unmöbliert. Aber die Decken sind noch da mit dem Salamander von Franz I. Salamander galten als feuerfest = unzerstörbar. Biologisch ist das übrigens eine Fehlbeobachtung.
Fernsehaufnahmen von Pompidous Jagd.
Wie Gott in Frankreich

Ich esse Sachen wie kleingehackte Gans und Gänseklein? und warme geschmorte Radieschen. Unbekannte Worte. Wir sind ja nicht hergekommen, um nichts Neues zu erleben. Schmeckt auch.

Jedes Frühstück besser als das vorige.

Hier wird angepriesen, es gebe ein Frühstücksbuffet süß und pikant. Fabelhaft! Man hat keine Angst vor Süßem.
Hier gab es 4 Nuss/Pistazien/Bitterkakaoaufstriche. Paradisische Zustände in 3 Sterne Hotels.

Doch Natur ist am besten. Mit unseren Leihrädern zuckeln wir von vorgebuchter Unterkunft zur nächsten. Unsere Radanbieterin hat uns Routenkarten, eine ausgedruckte Wegbeschreibung und eine App mit gps Verfolgung zur Verfügung gestellt. Die App spricht mit uns an Wegkreuzungen. Eine männliche Stimme, wir nennen sie Eric, ein internationaler Name. Sobald wir vom Weg abweichen, sagt er uns das. Und wieder. Und wieder. Ein treuer Kamerad. Sehr praktisch.