Segel setzen

Sommer in Plymouth. Während halb Mitteleuropa in Regen ertrinkt, darf die Südküste Englands eine rare Sonnenwoche genießen. Hier der Plymouth Sund, kurz vor der Segelregatta SailGP am 17./18. Juli.

Mit Sonnencreme und langen Ärmeln sitzen wir zwei Nachmittage auf den Abhängen von Plmouth Hoe, der Anhöhe über den Sund. Wir fiebern mit der Welt schnellsten und technisch interessantesten Segelboote mit. Die F50 genannte Klasse hält eines ihrer neun über ein Jahr verteilten Rennwochenenden ab. Nach Bermuda und Taranto in Italien ist Plymouth der dritte Startort. Es folgen Dänemark, Frankreich, Spanien, Australien (dann schon im Winter), Neuseeland. Das letzte Rennen wird 2022 in den USA ausgefochten werden.

Alle Teilnehmenden (manche Crews bestehen aus Frauen und Männern, wobei Frauen noch weit in der Unterzahl sind) benutzen denselben Typ Boot. F50 Katamarane mit Foils, das sind diese Art dünnen Flossen, die unter dem Boot hängen. Wenn das Boot segelt, hebt die Aerodynamik der ganzen Konstruktion (ich weiß, das ist eine unpräzise Beschreibung) den Rumpf aus dem Wasser, die Boote fliegen auf den Flossen über das Wasser. Bei wenig Wind sind dabei nur drei Leute an Bord, bei mehr Knoten 4 oder sogar 5.

Schema eines Katamarane mit Foils/Flossen.

Jedes Rennwochenende besteht aus 6 kurzen Rennen mit 8 Booten. Im letzten, dem 6., Rennen dürfen die 3 Bestplatzierten den Sieger des Wochenendes unter sich ausmachen.

Die Bewertung ist einfach: 8 Teams (wie sich die 8 Länderteams qualifiziert haben, weiß ich nicht) bedeuten 8 Punkte pro Rennen maximal. Der Verlierer erhält einen Punkt. Nach drei Rennen sah am Samstag das Klassement folgendermaßen aus:

Nach dem ersten Renntag sieht die Tabelle so aus. Das Team mit Heimvorteil, Großbritannien, hatte zweimal Pech mit dem Start und erreichte trotz eines zweiten Platzes in Rennen 3 nur den letzten Rang. Grund dafür waren auch zwei Strafpunkte für ein bestimmtes Manöver. Deshalb haben sie nur 8 anstatt 10 Punkte. Die Schiedsrichter sind hier sehr genau.
So sieht ein Manöver aus am Beispiel des dänischen Teams.

Am zweiten Renntag sieht es für die Britischen schon besser aus. Ein zweiter und ein erster Platz reichen zwar nicht für die Teilnahme am letzten Rennen, doch sie hieven sich vom letzten auf den 4. Platz hoch und halten im Gesamtwettbewerb sogar Platz 2. Jedes Rennen war anders, die ersten können gut die letzten werden, manchmal ist das Feld dicht an dicht, manchmal segelt jemand davon. Wirklich spannend zum Zusehen.

Hier fährt die Passagier- und LKW Fähre von Frankreich kommend ein. Links daneben drei F50. Der Größenvergleich mit der riesigen Fähre lässt die Höhe der F50 erahnen: die Segel sind bis zu 24 m hoch.
Australien, die Siegenden des Wochenendes, fliegen ins Ziel. Hier lässt die Silhouette des Crewmitglieds die Dimensionen des Boots erahnen.
Der Hoe mit dem Smeaton Leuchtturm war gut besucht, dieses ungewöhnliche Sportereignis ist auf großes Interesse gestoßen.

Giganten

Luftbildaufnahme, entnommen der Tourismusseite von Plymouth. Zeigt eine bessere Übersicht als Fotos vom Straßenniveau aufgenommen.

Die Giganten sind zurück auf Plymouth Hoe, der Anhöhe über dem Plymouth Sund! Künstler Charles Newington hat mit vom örtlichen Fußballverein Plymouth Argyle gespendeter Rasenmarkierfarbe zwei Giganten im Kampf (nach)gezeichnet. Vom 14. bis 17. Jahrhundert befanden sich an dieser Stelle Originalzeichnungen, die beim Bau der Zitadelle / Kaserne im Hintergrund zerstört wurden. Leider habe ich keine historische Abbildung der Figuren finden können, es wurde jedoch vermeldet, man strebte eine möglichst genaue Rekonstruktion an. Da Rasenfarbe nicht ewig hält, zeichnet das in der Festung stationierte 29. Kommando, die Figuren den ganzen Sommer über bei Bedarf nach. Man kann das als späte Wiedergutmachung sehen, immerhin hat das Militär die früheren Kämpfer aus dem Weg geräumt.

Corineus und Gogmagog

sind zu sehen. Wer waren sie und was machten sie auf dem Hoe?
Dazu sagt das deutsche Wikipedia: “Gogmagog war ein Riese in der angelsächsischen Mythologie. Er war dreieinhalb Meter groß und so stark, dass er ganze Eichenbäume wie Haselnussruten ausreißen konnte. Etymologisch wird damit die biblische Erzählung von Gog und Magog aufgenommen, der Name könnte aber möglicherweise auch auf Gawr Madoc zurückgehen (Gawr = Riese).
Geoffrey von Monmouth erzählt in der Historia Regum Britanniae, d. h. in der Geschichte der Könige Britanniens um 1136, wie die Insel Britannien unter Brutus von trojanischen Flüchtlingen besiedelt wurde. Corineus, einer seiner Gefolgsleute, wurde der Herrscher von Cornwall, wo es besonders viele Riesen gab.
Als Gogmagog und zwanzig andere Riesen Brutus während eines Gottesdienstes angriffen, ließ er sie töten bis auf Gogmagog, der zu seiner Unterhaltung mit Corineus ringen sollte. Gogmagog brach Corineus drei Rippen, aber dann schleppte ihn dieser an die Küste und warf ihn von den Klippen ins Meer, wo er zerschellte.”

Und da waren sie fort

… an den Strand. Es gibt Strand in Plymouth, aber da woanders noch mehr Strand bereit liegt, wurde es Zeit, endlich wieder nicht im eigenen Bett zu schlafen, sondern zu reisen. Die erste Hürde bestand darin, den Waschbeutel ganz unten aus dem Schrank zu fischen. Der war lange nicht gefragt gewesen. Aus den benötigten Gepäckstücken mussten erst die überzähligen Bettwäschestücke, die wir gerne Gästen anbieten, entfernt werden. Auch die, die Besuche, liegen noch in weiter Zukunft.

Wir sind nach Westen gefahren, so weit es eben geht, Land’s End in Cornwall.

Originaler Soundtrack.

Erster und letzter Pub im Land.

Quartier, 700 m runter zum Strand
Mediterraner Hausgarten mit Artischocken und Trockenpflanzen
Der entwas andere Laster: gefüllt mit Brieftauben, die offenbar zu einem Wettbewerb herkamen.
Wir sind durch spektakuläre Landschaften gewandert. Alternativ hätte man den ganzen Tag die anrollenden Wellen ansehen können. Spannendes Fernsehen ohne Sendeschluss.
Ein paar kleine Fischerboote gibt es auch.

Am letzten Morgen war die See rauh, selbst die 7 Uhr Morgensurfer waren nicht angetreten in Sennen Cove. Also bin ich auch nur bis in die Knie ins Wasser und bin spazieren gegangen. Ich hatte mich gewundert, warum kein Plastik am Strand lag (außer, was Leute so liegen lassen, alle diese Fitzelchen und Kleinteile von Eisverpackungen und Dosenringen etc., die sich aufsummieren). Das konnte doch nicht der einzige Strand der Welt ohne Plastikmüll sein, wenn es den schon auf Spitzbergen und in der Antarktis anspült? Nein, er war es nicht, es gab Müll. Heute war er da. Innerhalb weniger Minuten hatte ich u.a. eine spanische Wasserflasche, eine solche aus Frankreich, eine Margarinedose aus England und ein massives Stück Nylonseil aufgesammelt, das so groß war, dass ich hinter mir herziehen musste. Das wäre in x Trillionen Mikroplastikteile zerfallen, wie alles andere Plastik auch. Es ist ein massives Thema, man sollte die Augen davor nicht verschließen. Der Müll ist erst einmal in einer Mülltonne gelandet. Von dort kommt er auf eine Deponie. Das meiste davon wäre besser nie produziert worden.

Von einer Postkarte: Der Künstler hat das Lebensgefühl in Sennen Cove gut getroffen. Auf dem Strandabschnitt zwischen den Fahnen der Seenotrettung tummeln sich Surfer und Plantscher.
Gischt, Brandung, Felsen. So sieht das Ende der Welt aus.

Ohne Garten geht nicht

Auf der Heimreise noch schnell einen Süßwassersee umrundet – fast wie in Deutschland, einfach durch einen Wald gehen. Wald ist in England selten.

Und einen Garten besucht. Jeder Garten ist anders.

Die Bankfrauen

Nun, das ist ein Buch! (Links dazu unten.) Nicht von mir, sondern von meiner Freundin Regina Egger geschrieben. Ich war jedoch vorne mit dabei, mit Korrektur lesen, Besser-Wissen und Layouten. International vom Feinsten. Und genau darum geht es auch in diesem Buch.

Wen es interessiert, es sollte in jeder Buchhandlung über die ISBN erhältlich sein.
ISBN des eBuchs: 9783754125014
ISBN des gedruckten Buches: 9783754125793
Online geht es auch, in beiden Formen, z.B. bei epubli , wo wir das Ganze verlegt haben oder buecher.de.

Die Bankfrauen sind locker geschrieben, doch dicht im Inhalt. Selbst nach x-maligem Lesen bin ich immer noch begeistert.

Wie veröffentlicht man ein Buch?

Regina bat mich vor ein paar Jahren, über ihren Text drüberzuschauen. Nach einigen Korrekturen und Kapitelumstellungen, den üblichen Dingen also, war er eigentlich fertig. Der letzte Schritt, eine Veröffentlichung im Selbstverlag, fehlte. Und dann kam für Regina, wie man so sagt, “viel Leben” dazwischen. Nicht alles prima für sie, aber prima z.B. für Flüchtlinge, die 2015, in der großen Welle, in meiner Heimatstadt Freilassing aufgeschlagen sind. Regina lebte dort seit einiger Zeit und rief ein Sprach- und Begegnungscafé ins Leben, das zahlreichen deutschen und nichtdeutschen Menschen ermöglichte, erste Schritte aufeinander zuzugehen. Daraus sind langjährige Freundschaften entstanden, die es allen Seiten erleichtern, die neue Realität zu akzeptieren.

Der Text der Bankfrauen ruhte. Bis 2021! Da wurde er fertig geschmiedet und dieses Mal sollte er auch veröffentlicht werden. Absolutes Neuland für uns. Naja, ich war ja nur die Layouterin, nicht die Kreative, doch auch diese Aufgabe hat mich ein paar schlaflose Nächte gekostet. Ich habe mir das Programm Affinity Publisher gekauft. Eines von den professionellen Programmen, deren Bedienungsumgebung wie ein Raumschiffcockpit aussieht und mit dem man buchstäblich eine Hochglanzzeitschrift erstellen kann. Ich habe viele Stunden lang Lernvideos gekuckt, dann herumgespielt und dann wurde es ernst.

Den Text zu gestalten, war nicht so schwierig, aber der Umschlag, der soll ja gefallen. Aber lieber nichts zu Ausgefallenes, besser solide als verkrampft “künstlerisch”. Ich habe zahlreiche Coverversionen verschickt, für Regina zum Auswählen, in welche Richtung es weiter gehen könnte. Also Cover A, B, usw. Als es in die Feinheiten ging wie die Transparenz des Hintergrunds, Schattierung ja oder nein und Schriftgröße, gab es auch Untervorschläge wie Cover Ta, Tb.
T befindet sich ja schon ziemlich weit hinten im Alphabet, daran kann man erkennen, dass wir uns wirklich viel Mühe gegeben haben. Der Umschlag, den man hier sehen kann, trug ursprünglich die Nummer Wb.

Als das alles fertig war, also die Druckversion, musste das Meiste wieder gelöscht werden, denn für die eBuch Version darf man keine Seitenzahlen drin haben, keine Umschlagrückseite wird benötigt und keinerlei Verzierungen sind erlaubt. Ein richtiger Rückbau, macht einen traurig. Dazu ist das epub Format, so heißen die Dateien, umständlich in der Anfertigung, einer der Arbeiten, bei denen man meint, nicht atmen zu dürfen, damit einem die wenigen möglichen Formatierungen nicht auch noch zusammenbrechen. Oder zumindest hat man diesen Eindruck. Schlussendlich hat es aber gut funktioniert und erstickt bin ich auch nicht.

Regina hat auf den Knopf “Veröffentlichen” gedrückt und nun ist sie Autorin! Wie gut ist das denn.

P.S.: Ich weiß, dass im von mir verfassten Nachwort ein Tippfehler drin ist. Eigene Texte kann man nicht Korrektur lesen …

Wetterachterbahn

Seit Jahrzehnten, wenn nicht noch länger gab es keinen kälteren April oder nasseren Mai als 2021. Und diese Monate folgtem einem kalten, dürren März. Jedes Mal pünktlich zum nächsten oder übernächsten Mondwechsel folgte die nächste Großwetterlage und die hat es immer übertrieben. Unsere Juniprognose lautet nun recht trocken und mild. Für einen kleinen Sonnenbrand, mit dem niemand mehr gerechnet hätte, hat es auch schon gereicht. Das löst Glücksgefühle aus. Die Lungenflügel weiten sich beim erleichterten Aufatmen, in Gärten und Allotments werden die winzigen Pflänzchen gesucht, die überlebt haben, um ihnen im beginnenden Sonnenschein ein besseres Leben zu ermöglichen. Das im Idealfall in essbares Gemüse und pflückbare Blumen mündet. Im nicht so idealen Fall hat man wenigstens den Schnecken eine Freude gemacht.

Unterwegs

Eine Wanderung im wunderschönen Dart-Tal bei Totnes zeigt, wie grün es endlich ist. Dennoch: noch sind nicht alle Bäume ausgeschlagen. Am 2. Juni!

Ein näherer Blick auf das Bild links oben in der Galerie zeigt zahlreiche Bäume, die noch kahl sind.

Süß

Ein neuer Geheimtipp? Kürzlich stieß ich im Netz, im englisch- und im deutschsprachigen, auf Löwenzahnhonig oder Löwenzahnsirup. Nie davon gehört, aber gleich die Lauscher gespitzt. Auf unserer Wanderung zeigten sich die meisten Löwenzahne schon verblüht, aber 30-40 Blüten bekommt an am Wegesrand doch schnell zusammen.

Blüten zupfen

Damit keine Bitterkeit durch den Löwenzahn in den Honig kommt, werden die Blüten aus den Blütenköpfen gezupft (geht schnell) und mit Wasser und Zitrone ziehen gelassen – eine Herstellung wie beim Holundersirup. Anschließend abseihen und mit viel Zucker aufkochen – fertig.

Sirup genießen

Es entsteht ein Sirup, das wie Honig aussieht und tatsächlich wie ein guter Honig schmeckt. Nächstes Mal nehmen wir weniger Zucker und mehr Blüten, der erste Versuch ist ein wenig süß geraten. Dennoch: ein Toptipp für den Frühling, Löwenzahn wird auch weiterhin genügend vorhanden sein.

Ein ganz normales Wochenende

Am Freitag fängt es mit Theater an. Am zweiten Tag, an dem das Theatre Royal Plymouth wieder Programm bietet, sind wir dabei. Ein Drittel Auslastung, Maske auch am Platz, zutiefst glückliche Mitarbeitende, die uns, das Publikum, zurück-begrüßen. Da man an Masken, Desinfizieren und Abstand halten gewöhnt ist, kommt einem das ganz normal vor. Normal 2.0 halt.
Als Jugendliche habe ich viele dieser dystopischen Science Fiction Geschichten gelesen. Diejenigen, in denen von der so genannten “Zivilisation” nicht grade viel übrig geblieben ist. Im Nachhinein betrachtet ein gutes Training dafür, auf die Bruchkanten im Lack der Selbstverständlichkeit zu schauen und nichts als gegeben anzunehmen. Bzw. sich immer wieder neu anzupassen.

Sprech-spuckende SchauspielerInnen waren im Theater übrigens auch kein Thema: das moderne Tanztheater aus London, die Truppe heißt Rambert, kam ohne Worte aus und war Weltklasse. Es war nicht nur befreiend, live Bewegung auf der Bühne zu sehen, sondern auch Qualität. In den einzelnen Stücken ging es nicht einmal direkt um Corona. Aber ich behaupte, nicht nur ich ließ im Kopf bei jeder getanzten Episoden Assoziationen mit meinem / unserem Leben der letzten Zeit mitlaufen. Alles ist verbunden. Die Zusehenden, die Musik, die Darbietung. Wir saßen alle im selben Boot.
Beim Hinausgehen bekamen wir ein Eis auf den Heimweg mitgegeben;-)

Singe, wem Gesang gegeben

Die Sache mit dem Singen, das ist ein rechtes Drama. Stichwort Aerosole. Letzten Montag sollte, neben weiteren Lockerungen, auch das Verbot von Chorgesang aufgehoben werden. Selbstverständlich mit gedeckelter Singendenanzahl, Hygienekonzept, viel Abstand und sehr gut belüfteten Räumen.
Doch über Nacht hat die Regierung es sich anders überlegt. Am Dienstag Morgen wurden alle Erleichterungen des Montags bestätigt, nur die Erlaubnis zu singen wurde zurückgenommen. D.h. einige Chöre haben am Montag Abend Probe gehabt, mit Schwung und guter Laune, denn das ist es, was Singen schafft, und sind am Dienstag zu einer Katerstimmung aufgewacht. Begründung der Regierung: keine. Außer: wir wissen schon, was wir tun, aber relevante Daten geben wir euch keine. Wir sind die Regierung, ihr seid nur das Volk.
Nun sind Chöre nicht bekannt dafür, dass sie besonders politisch wären, oder sich ins Tagesgeschehen einmischen. Trotzdem es ein geräuschvolles Hobby ist, fallen SängerInnen weniger auf als Fußballfans. Doch dieses Mal hatten sie genug. Über 2 Millionen! Menschen singen in England und die sind wirklich wütend. Es gibt Petitionen, Radiosendungen, WissenschaftlerInnen fordern die Herausgabe der “Wissenschaft”, die belegen soll, dass es gefährlicher ist, gemeinsam in einem Riesenraum mit offenen Fenstern zu singen als sich mit 5 Kumpels in der Kneipe zu treffen (irgendwie wieder erlaubt) und betrunken zu grölen. Natürlich sind Aerosole weiterhin ein wichtiges Thema. Doch die Regierung mauert, wahrscheinlich deshalb, weil es keine neuen Erkenntnisse gibt, die Singen zum Volksfeind Nummer 1 erklären könnte.
Das Pikante daran: professionelle Chöre dürfen üben. Was dazu geführt hat, dass ein sehr bekannter Chor, der gerade den Messias einübt, seinen AmateuerInnenteil mitüben lässt. Mit der Begründung, die Damen und Herren befänden sich bei den Profis in sicheren Händen. Clever!

Es ist unwahrscheinlich, dass diese Ungleichbehandlung eine Revolution auslösen wird, aber ein paar Stimmen weniger für die Konservativen bei den nächsten Wahlen wäre gerechtfertigt. Mein Barbershopchor trifft sich zufällig an Montagen, doch wir hatten noch kein Treffen vereinbart. Wir haben jedoch flugs angefangen, uns zu Sechst in Wohnzimmern zu treffen und gemeinsam zu üben. Es hilft, dass die Meisten sogar 2x geimpft sind. Dennoch ist es verwunderlich, dass sich Menschen, die sich das letzte Jahr teilweise schon überängstlich versteckt hielten, nun wieder Fremde in der eigenen Wohnung empfangen und sich offenbar wirklich wohl damit fühlen. Bei der Impfrate ist es einfach an der Zeit, sich wieder ein entspannteres Leben zurückzuerobern.

Neben dem eigenen Chor gibt es ein weiteres Projekt, das auf gemeinsames Singen angewiesen ist, und das stand auf einmal wieder auf tönernen Füßen: Mayflower 400.

2020 jährte sich zum 400. Mal der Aufbruch der Mayflower von Plymouth nach den heutigen USA. Es war nicht die erste Siedlung des weißen Mannes auf dem Kontinent, doch die erste nachhaltig erfolgreiche und wurde dadurch ein Symbol für die Besiedlung einer, von Europa aus gesehenen, Neuen Welt. Seitdem ist viel passiert. Wolkenkratzer, Völkermord, Wohlstand für viele, Sklaverei, Schutz für Verfolgte, Rassismus. Starker Handel, Innovation, eine merkwürdige Form von Demokratie. Die Liste ist endlos und komplex. Plymouth plante 2020 ein großes kulturelles Event an der Waterkant, doch das fiel aus. Nun wird es stattfinden. Seit Monaten probte der Erwachsenenprojektchor auf Zoom. Ich mitten dabei als ein Alt 2. Dieses Wochenende sollte für eine beschränkte Anzahl die erste gemeinsame Probe in einer Halle stattfinden. Und musste gestrichen werden.

Bei einem neues, erst für diesen Anlass komponiertes Stück, vielstimmig, mit Orchester, von AmateurInnen gesungen, eine Katastrophe. Die Aufführung soll am 11. Juli stattfinden und wir hatten uns noch nie gegenseitig gehört. Der Dirigent hat uns noch nie gehört!

Ich kann sagen, die Veranstalter gaben nicht auf und suchten fieberhaft nach Lösungen. Die Rettung nahte in Gestalt des örtlichen Fußballvereins, der ein zentral gelegenes, überschaubares Stadion besitzt. Er stellt seine Ränge zur Verfügung. Sehr innovativ.
Am Samstag und am Sonntag stand ich dann mit etwa 100 anderen Singenden auf der überdachten Tribüne und doch draußen.

Dem Chorleiter standen fast die Tränen in den Augen …
Und ganz schlecht klangen wir anscheinend auch nicht.

Überdies habe ich am Sonntagmorgen des Sonntag mit 4 weiteren Leuten zum Sonntagsgottesdienst geläutet. Zum ersten Mal seit 14 Monaten, von einem kurzen Intervall letzten Sommer abgesehen. Sonntagsläuten gehörte die letzten 5-6 Jahre zu meinem Alltag. Tut gut, dass es nicht totzukriegen ist.

Über das Nichts

schreiben die Philosophinnen vielleicht gerne, eine spannende Geschichte des Alltags kann man schwerlich herausmeißeln. Oder es lohnt nicht. In den vergangenen Monaten hätten wir gerne unseren Herzschlag verlangsamt, um in Winterschlaf zu verfallen und diesem Nichts zu entgehen. Es gab außer zu viele Nachrichten zu lesen, die nicht viel inhaltlich beigetragen haben und zu denen man nicht immer eine Meinung haben kann (wenn man ehrlich ist …), nicht viel Weltbewegendes zu tun. Keine Zeit für HeldInnen. Mehr für anpassungsfähige Durchhaltende. Wir zählen uns weder zu einen noch zu den anderen, mehr zu den Durchwurstelnden.

Auf Mikroebene war die letzten Monate gar nicht so wenig bei uns los, man vergisst das aber leicht. Arbeit verschiedener Art (ich habe Texte redigiert und mal in einem Gartencenter gearbeitet), dazu Vorbereitung des Allotments, dessen Fortkommen durch den eiskalten und staubtrockenen April etwas ausgebremst wird; immer wieder ein Bad im Meer, das der physischen und der mentalen Gesundheit gut tut. Endlose Zooms.
Und nun? Die Möglichkeit, wieder ein Getränk im Außenbereich eines Pubs zu sich nehmen zu können. Und noch mehr Zooms. Bis wir z.B. gemeinsam singen können, dauert es.
Man wartet doch auf Godot, auf die große Änderung. Der Godot aber kommt ja in dem Stück gar nicht. Es ist also besser, nicht auf ihn zu warten, sondern selber was auf die Beine zu stellen. Das gelingt nicht immer, s.o., keine Zeit für HeldInnen. Machen wir also im Kleinen das Beste aus einer Lage, die deutlich schlechter sein könnte.

Etwas schlapp geworden, zwingen wir uns, unsere wiedergewonnenen Freiheiten zu nutzen, unsere Flügel zu strecken. Mit einem einzigen Bier/Cider am einzigen Tisch mit Sonnenstrahl, damit man nicht anfriert. Mehr noch mit Ausflügen zu Gärten. Man stelle sich vor, man lebte im Gazastreifen! Oder in Myanmar. Da ändert sich die Perspektive über die Möglichkeiten und Grenzen des partnerschaftlichen Miteinanders. Deshalb ohne weitere Meckerei eine Galerie der Frühlings.
Auch zur Feier, zum Anlass und zum Gruß nach Deutschland, das die Impfmarke von 20 Prozent überschritten hat.

Kamelie

Mach dich locker. Oder lieber doch nicht?

Das Thema Pandemie geht allen auf die Nerven, aber auf geht’s, nicht auf den letzten Kilometern schlapp machen, Corona ist kein Sprint, sondern ein Marathon.
Nun könnte man sagen, wir befinden uns auf der Insel in einer komfortablen Situation, mit 30% der Erwachsenen bereits einmal geimpft.
Dazu ein ganz klares Jein. Wir sind immer noch das Land mit den vielen Toten (130.000 bei 66 Millionen Einwohnenden) und der chaotischen Regierung, zu späten Lockdowns, einem über die ganze Zeit nutzlosen Nachverfolgesystem, Kehrtwenden und ein Sich-Winden noch und nöcher. Nun kam wenigstens Impfstoff als Kavallerie über den Hügel geritten, in letzter Minute. Wie man zu den nötigen Mengen für die Impferei gekommen ist, und das ist ein Wermutstropfen, hat sicher auch mit der britischen Rücksichtslosigkeit zu tun. Als AstraZeneca/Oxford seine Mengen einseitig gekürzt hat – für alle Länder außer Großbritannien – wurde erstmal gelogen über den Zeitpunkt des Vertrags, es sei April gewesen. Da gab es massive Unterstützung und Absichtserklärungen, doch der Vertrag, der wurde Ende August unterzeichnet, kurz nach dem Vertrag mit der EU. Garantiert wurde gemauschelt, gemaggelt, einen auf Amigos gemacht, damit man nicht nur die ersten, sondern auch alle Folgelieferungen vollständig bekam.

Was für Deutschland offenbar gleichgültig ist, denn was man so liest, wenden sich einige Menschen vom Astra Impfstoff ab, weil er ihnen angeblich nicht genügend schützt, weil die ersten Tage öfters mehr Nebenwirkungen auftreten als bei anderen Impfstoffen und vielleicht ältere Menschen weniger geschützt sind als jüngere. Über diese Arroganz kann ich nur staunen: Lockerungen wollen und sich dann zurücklehnen und sagen: ne, ach, ich warte lieber doch, für meinen Luxuskörper nur Biontech oder Moderna. Möglicherweise dieselben Leute, die früher gesagt haben, sie wollten einen konventionellen Impfstoff, wie es der Astra ist, also einen, der ähnlich hergestellt wurde wie viele Impfstoffe, die wir schon erhalten haben, z.B. Grippeimpfstoffe. Ja, ich will auch mal meckern, dann, wenn’s um etwas Wichtiges geht!

Exkurs: Was für ein Fortschritt. Dauerte es bis vor kurzem Jahre, meist Jahrzehnte, bis ein Impfstoff erarbeitet, geprüft und zugänglich gemacht wurde (ein Beispiel aus jüngerer Zeit ist der gegen Ebola), war es 2020 weniger als ein Jahr. Die Technik ist offenbar da, man muss nur Geld in die Labore werfen und schon produzieren sich Impfstoffe wie von selbst (fast).
Erinnert mich an meine Lieblingsserien aus dem Raumschiff Enterprise Universum, in denen es oft vorkommt, dass Besatzungsmitglieder durch wirklich krasse Krankheiten des Weltraums arg mitgenommen werden. Folgende Dialoge zwischen Brücke und medizinischem Personal bekommt man dann regelmäßig zu hören: “Wie lange brauchen Sie für ein Gegenmittel?” “Mindestens 24 Stunden.” “Sie haben 8 Stunden, sonst sind alle tot.” “Kriegen wir hin”. So schnell kriegen wir es noch nicht hin, doch die Zukunft hat längst begonnen. Ein sinnvoller, heilender Einsatz der Gentechnik, im Gegensatz zur Vernichtung von überlebenswichtigen Ökosystemen, damit Monsanto und Co. Geschäfte machen können.

Auch wenn es immer Risiken gibt. Leben ist nun mal komplexer als ein Brocken Granit. Womit wir wieder bei den eindimensionalen Monsantos wären …


Die rasche Verteilung der Impfstoffe in den UK fußt auf dem, wie im Vorblog erwähnten, zentral aufgestellten Gesundheitssystem: die ganze Bevölkerung kann nach Alter oder vorliegender Grunderkrankung nacheinander geordnet erreicht und geimpft werden. Ich kenne niemanden, der/die nicht mit Erleichterung zum Termin gegangen wäre. Natürlich ist diese nicht die alleine seligmachende Reihenfolge, Stimmen riefen nach Bevorzugung weiterer Berufsgruppen – neben dem ohnehin bevorzugten Gesundheitspersonal – wie Lehrenden oder der Polizei. Sicher eine gute Idee, doch das wäre ein Bruch, der das fließende Verfahren durcheinander bringen könnte und dieses Risiko scheut man. Erstaunlicherweise deuten die Zahlen ohnehin darauf hin, dass eher unverdächtige Berufe gefährdeter sind: es ist wohl gefährlich, Restaurantmanager zu sein, oder in der Restaurantküche zu arbeiten. Ebenso Maschinen zu bedienen (drinnen) oder allgemein in Fabriken der Lebensmittelindustrie zu arbeiten. Oder, nicht so überraschend, Taxi zu fahren.

Fahrplan aus dem ganzen Mist


Am vergangenen Montag, 22.2, die große Pressekonferenz des Mannes mit der Fönfrisur. Man erwartete Großes. Und es kam auch, aber vielleicht anders als erwartet. Der Ausstieg aus Restriktionen findet sehr langsam statt. Man will es nicht noch einmal falsch machen. Es fällt schwer, die Ungeduld zu bezähmen, doch der Kopf sagt: richtig so. Es soll vier Etappen geben, jede Etappe nicht vor einem bestimmten Datum, vielleicht sogar danach. Man lässt sich dabei von verschiedenen Parametern leiten.
Einziges Haar in der Suppe: ab 8. März öffnen die Schulen, was fraglos enorm wichtig ist, doch genau die Bevölkerungsgruppen betrifft, die noch nicht geimpft sind oder als Kinder nicht geimpft werden können. Wie sich das auswirkt, wird sich weisen. Ende März dann: Organisierter Sport kann draußen wieder ausgeübt werden. FriseurInnen öffnen erst ab 12 April! Klaus erhielt bereits einen Anruf seiner Friseurin mit einem Terminvorschlag. Frühestens ab dann kann innerhalb Englands wieder eine Ferienwohnung vermietet werden, B&Bs erst später. Ab Mitte Mai öffnen Theater und Museen. Und vermutlich darf man dann wieder ins Ausland reisen.
Die ersehnte Etappe 4 wird nicht früher als Mitte Juni starten: keine weiteren Einschränkungen und Nachtclubs werden ihren Betrieb wieder aufnehmen. Ein Fahrplan von vier Monaten Minimum. Lang oder kurz? Bis dahin wird auch halb Europa geimpft sein, es wird sich einiges angleichen.


Bereits am Abend der Pressekonferenz ächzten die Reisewebseiten unter den Buchungen fürs In- und Ausland. Dies als Zeichen, dass die Menschen eine Perspektive sehen.

Bitte zur Impfung

Der NHS

(Hier schreibt Klaus.) In Großbritannien gibt es den NHS, National Health Service oder zu deutsch: Nationaler Gesundheitsdienst. Traditionell hat dieser in (West-)Deutschland einen eher schlechten Ruf. Ich weiß nicht, ob es in diesem Blog war oder ausschließlich in persönlichen Gesprächen, dass ich als in England Lebender oft betonte, der NHS sei besser als sein Ruf. Der NHS funktioniert im Prinzip wie das Gesundheitssystem in sozialistischen Staaten, etwa der DDR. Wahrscheinlich darf man in (West-)Deutschland an nichts ein gutes Haar lassen, was es in der DDR gab – mit Ausnahme solch weltbewegender Errungenschaften wie den grünen Rechtsabbiegepfeil an der Ampel.

Für die einzelne in Großbritannien lebende Person bedeutet das NHS-System Folgendes: Eine Krankenversicherung ist nicht notwendig. Man schreibt sich ein in eine selbst gewählte surgery. Obwohl “surgery” auch mit “chirurgische Operation” übersetzt werden kann, bedeutet es hier: ärztliche Praxis, in der – und zwar ausschließlich – angestellte Fachärztinnen und Fachärzte für Allgemeinmedizin (früher Hausarzt/-ärztin genannt) arbeiten. Bei einem Gesundheitsproblem wendet man sich zuerst an die gewählte surgery. Das entspricht in etwa der in Deutschland unter dem Begriff “Primärarztprinzip” bekannten Routine, zunächst eine/n Hausarzt/-ärztin aufzusuchen und sich gegebenenfalls von dort überweisen zu lassen. Zur fachlichen Weiterbehandlung wird man im NHS ausschließlich an Krankenhäuser überwiesen, weil nur dort Fachärztinnen und Fachärzte arbeiten – und niemals als “Niedergelassene” wie in Deutschland. Die Zahngesundheit mal beiseite gelassen, betrifft die einzig mir bekannte Ausnahme die Augen. Hier wendet man sich zunächst zur Untersuchung an den/die Augenoptiker/in, der/die das Problem löst (etwa meine jährlich obligatorische Netzhautuntersuchung) oder an ein Krankenhaus überweist. In allen Fällen ist die Behandlung kostenlos – abgesehen von einigen Zuzahlungen, etwa zu Medikamenten.

Zu unserer (Barbaras und meiner) surgery ist festzuhalten: Seit Ausbruch der Pandemie ist man dort bestrebt, mit allen verfügbaren und erdenklichen Mitteln durchzusetzen, keinen Menschen, geschweige denn eine Kranke oder einen Kranken auch nur von Ferne zu sehen. (Einmal auf einem Spaziergang in die Nähe dorthin gelangt, wunderte ich mich nur, die surgery nicht mit ausgehobenen Verteidigungsgräben und Selbstschussanlagen gesichert zu sehen.) Zur Ausstellung meines Wiederholungsrezepts wandte ich mich also per Internet (wie sonst?) an diese surgery. Von dort wurde mir (automatisch, per Internet, wie sonst?) bedeutet, ich bekäme das Medikament erst nach der jährlich fälligen Blutuntersuchung. Also bat ich um einen Termin zur Blutabnahme. Wie naiv! Das Ganze endete schließlich nach etlichen frustrierenden Telefonaten und Internet-Kommunikation damit, dass man mich auf das Gelände des ersten Fußballclubs in Plymouth schickte, wo man mir mein Blut abnahm. Das Vereinsgebäude von Plymouth Argyle diente über den ersten Lockdown hinaus erfolgreich als Blutzentrale. Heute spielen sie wieder …

Die Impfung

Betrachtet man die Statistik der Corona-Todesfälle in Europa (ja, Großbritannien gehört zumindest geografisch auch nach Brexit immer noch dazu), scheint die Spitzenreiterrolle Großbritanniens die Kritik am NHS zu rechtfertigen. Als Corona-Todesopfer könnte ich mich dieser Kritik vielleicht anschließen. Als früh Geimpfter halte ich dagegen. (Ja, so ist der Mensch: Er beurteilt schnell ausschließlich ausgehend von den eigenen Erfahrungen (von was ausgehend auch sonst?, fragt der/die Erkenntnistheoretiker/in), was die Britin, der Brite – eine Meinungsäußerung einleitend – oft mit “from my point of view”* ausdrückt.)

* vielleicht am besten übersetzt mit: “von dort aus betrachtet, wo ich mich befinde”.

Zur Sache nun: Dienstag, 16. Februar 2021 erhalte ich eine Textnachricht meiner surgery. Man bietet mir einen Corona-Impftermin drei Tage später an. Ich kann auswählen zwischen drei jeweils zehnminütigen Zeitfenstern. Auswählen und bestätigen soll ich per Internet-Link. Als ich nun diesen Link anklickte, war ich auf alles gefasst, nicht aber auf dies: “Geben Sie Ihr Geburtsdatum ein …” (zur Bestätigung, dass Sie derjenige sind, für den dieser Link bestimmt ist) … “und wählen bitte einen der angebotenen Zeiträume, in dem Sie geimpft werden möchten.” Das war’s! So unkompliziert ging es – soweit ich es mir denken kann -, weil dieser Link allein für mich eingerichtet wurde. Oder anders ausgedrückt: für jede/n der über 60 Millionen Britinnen und Briten jeweils einen individuellen Link. (Natürlich gab es auch die Option, die Impfung abzulehnen, auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben oder vorab weitere Informationen einzuholen.) Wenige Sekunden später erhielt ich die Terminbestätigung, zwei Tage darauf eine Termin-Erinnerung.

Am Freitag, 19. Februar, begebe ich mich also zur Impfstation, diesmal nicht die ”Umkleide” einer Fußballmannschaft, sondern in die Halle, in der sonst die Basketballer von Plymouth spielen. Ich bin zehn Minuten zu früh. Einer der vielen, wirklich sehr vielen und sehr freundlichen maskierten Einweiser meint, das sei kein Problem. Ich stehe in einer Schlange, jeweils zwei Meter Abstand nach vorn und nach hinten. Es geht schnell voran. Erste Station: Tisch Nr. 3 gegenüber einer Dame und deren Computer. Wie ich denn heiße. Bekomme einen kleinen Aufkleber mit meinem Namen und werde weitergeschickt zu Impfstation Nr. 3: Spritze rein, zur Sicherheit noch einmal gefragt, wo ich wohne, Aufkleber mit meinem Namen auf den Impf”ausweis” geklebt, und raus bin ich wieder an der frischen Luft. Waren es fünf Minuten … oder sieben? Waren es um mich herum in dieser Zeit fünf, acht … oder zehn Mit-Geimpfte? Auf jeden Fall gab es mindestens vier Helfende pro Impfstation.

Das war’s: Was man vom Bestorganisierten bestenfalls erwarten kann! Das ging wie am Schnürchen und mit der Präzision eines Uhrwerks. Angefangen von der Herstellung, der Beschaffung, der Verteilung bis zur Verabreichung an die “Priorisierten” des Impfstoffs. Mag gestern das Verhalten meiner surgery verstörend gewesen sein. “From” meinem heutigen “point of view” ist es erklärbar. Woher kommen denn all die Ressourcen, so etwas Fantastisches wie dieses Impfprogramm zu initiieren und durchzuführen, wenn nicht mit Hilfe der Leute, die den Normalbetrieb des NHS in normalen Zeiten aufrechterhalten?

Übrigens: Es war der Impfstoff, der mit Hilfe der Universität Oxford entwickelt wurde und heute COVID-19 Vaccine AstraZeneca heißt; es traten keine nennenswerten Nebenwirkungen auf.

Nicht nur Neues vom “Spocht”

Die schlechte Nachricht zuerst

Das betrifft natürlich die Brexitszene. Was bei ebay, siehe bitte Wetterfühlig, geschehen ist, ist überall. In den britischen Medien mehren sich die Geschichten von Kaufenden mit sehr überraschten Gesichtern, die für Waren aus Europa / und oder über Amazon (die Zentrale befindet sich in Luxembourg) extra geschröpft wurden. Alle Einfuhren, auch private, auch gebrauchte Güter, die über einem Wert von 39 Pfund liegen, müssen in den UK mit MwSt. versteuert werden. Ab 139 Pfund (oder so) können weitere Abgaben hinzukommen. Für die Einfuhr muss jedes dieser ausländischen Unternehmen bei der englischen Steuerbehörde gemeldet sein. Viele kleine Unternehmen liefern daher im Moment nicht nach den UK. Katastrophe? Nicht wirklich, aber ein Rückschritt mindestens in die 50er Jahre.

Wenn man in der EU lebt, fällt das gar nicht mehr auf, doch für viele Menschen auf der Welt sind heute noch Gebühren Alltag, wie ich aus meiner Zeit im Sportartikelverkauf weiß: die Schwizerischen nehmen sogar Briefadressen in Deutschland oder Frankreich an, damit sie Internetzöllen der Schweiz entgehen können. Persönlich darf man nämlich wertvollere Güter mit sich führen als man online gebührenfrei erwerben darf. Oder: Die kanarischen Inseln sind Mehrwertsteuerfrei, zumindest teilweise. Dennoch werden bei Einkäufen u.U. Zollgebühren fällig, die im Hafen entrichtet werden müssen. Das traf selbst Einwohnende manchmal unvorbereitet, wenn sie ihr Fußballtor auslösen mussten.
Die Höhe dieser Zollgebühren ist tatsächlich, das zeigen auch die Beispiele aus den UK, von LaiInnen nicht vorher berechenbar bzw. einsehbar. Es hängt davon ab, oder scheint davon abzuhängen, ob das Produkt wirklich in dem Land produziert worden ist, aus dem es geschickt wird, welches Material, welche Zollklasse ? Und das im 21. Jahrhundert, das ist schwach.

Die UK scheinen sich also wie die Schweiz zu verhalten: Warenabkommen, keine der so genannten Tarife, doch von frei kann irgendwie keine Rede sein.

Wenn man dazuzieht, dass das Porto nach hüben und drüben exorbitant gestiegen sind, verzichten wir lieber auf Post. Ein bisschen eine Trotzreaktion, aber man will nicht, dass jemand so viel Porto bezahlen muss.

Im Januar hatten wir naiv Hosen bei einem Bioanbieter in Deutschland bestellt. Das Päckchen kam an. Ohne Probleme. Wie haben einfach Glück gehabt, oder es lag an der Produktion in Europa? Kleidung an sich ist nämlich nicht zollfrei. Wenn man so verunsichert wird, kauft man lieber woanders ein. Oder gar nicht, man soll sowieso nicht so viel konsumieren.

dA segeln wir lieber um die Welt

Ich verfolge kaum Sport, kann gerade mal ein paar Wimbledonsiegende nennen oder weiß, dass jemand namens Franz Klammer mal ganz groß im Skirennen war, doch im Selbsttest festgestellt: für einen Lockdown ist ein lang andauerndes Sportereignis die beste Medizin. Glücklicherweise wird alle vier Jahre die Vendée Globe ausgetragen, das härteste Segelrennen der Welt, das nicht nur um die gesamte Welt geht, sondern das alleine gesegelt werden muss, ohne Zwischenstopp, Motor oder materieller Hilfe von außen. (Rücksprachen mit dem Team daheim sind erlaubt. )

Die ersten Finalisten sind nach über 80 Tagen wieder in Frankreich, wo es losging, eingetroffen. Die “Schlussgruppe hangelt” sich noch an der Küste Südamerikas hoch, bis zu Tausende von Seemeilen entfert. Das macht aber nichts, bei dieser Tour ist der Spruch vom “Dabeisein ist alles” endlich einmal gerechtfertigt, es ist eine übermenschliche Anstrengung, auch mit modernen Booten, die Einsamkeit zu ertragen, die richtigen Entscheidungen zu treffen und auch das nötige Quentchen Glück zu haben, nicht zu havarieren und aufgeben zu müssen.

An Drama ist die Vendée nicht zu überbieten, man wird hineingezogen und fiebert mit. Trotz Autopilot besteht so eine Segeltour nicht aus in der Sonne liegen oder ein gutes Buch lesen. Der Alltag ist sehr anstrengend. Hauptsächlich wird das Boot gepflegt und instandgesetzt. Da wurden Segel geflickt, auf 18 Meter hohe Masten geklettert, da wurde geklebt, geharzt, geschweißt! Rohre wurden zweckentfremdet, um anderes Material zu ergänzen, da Computer und Süßwasserproduzierer repariert.

Dazwischen ist manchmal Zeit ein Video von begleitenden Albatrossen an die Fans zuhause zu schicken und wer keine Lust auf ständig Tütenfutter hat, hat sich einen Brenner aufs Boot setzen lassen, um auch mal ein Ei zu kochen. Von diesen weltbesten Segelnden kann man lernen, nicht immer zu jammern, das hilft ihnen nämlich nichts, also zeigen sie zwar schon mal ihren Frust, dann wird wieder angepackt.

Eine Rekordanzahl von 33 Booten ist angetreten, Stand heute: 10 sind ins Ziel, 8 mussten vorzeitig aufgeben. So musste sich ein Segler von drei Kameraden aus dem Wasser ziehen lassen, als sein Boot in rauher See entzweigebrochen war, eine französisch-deutsche Seglerin schlich mit gebrochenen Kiel ganz langsam in die Sicherheit eines Hafens nach Brasilien und für einen Teilnehmer gab es schon nach einer Woche eine Beschädigung am Boot, der den Traum von der Weltumseglung nach vier Jahren Vorbeitung frühzeitig beendete.

Fußnote 1: Segeln. Kein Motorengeräusch, kein geschwätzigen Mitreisenden, idyllisch, oder? Leider nicht, der Wind und das fast andauernde Reiten auf den Wellen (oder wie man das nennt) sind richtig laut. Wegen des Lärms haben sich alle mit Ohrstöpseln eingedeckt, damit sie auch mal abschalten können.

Fußnote 2: in dieser Auflage des Rennens nahm zum ersten Mal ein deutscher Skipper teil und wurde sogar, trotz der Kollision mit einem Fischerboot auf den buchstäblich letzten Meilen, das ihn ins Ziel “humpeln” ließ, fünfter.