Ruinen sind schön

Schon mal gehört? Ein deutscher Bekannter sagte, er sei nie in der Kathedrale von Coventry gewesen, obwohl er öfters in der Nähe war. Habe man eine Kathedrale gesehen, habe man alle gesehen. Echt jetzt? Ohne ein moralisch-kulturelles Urteil über den Mann zu fällen: Können wir nicht bestätigen. Man muss sicher nicht im 123. Schloss in jede kleinste Ecke luren, aber hingehen: auf jeden Fall. Alle Burgen, Häuser, Gärten haben ihre eigene Atmosphäre, Geschichte, Ästhetik. Wir bleiben neugierig.

Fluss Wye. Jenseits liegt England. Rechts im Bild die Burgruine von Chepstow. Der große Tidenhub der Bristol Bay ist spürbar, deshalb schwankt der Flusspegel und die schlammigen Ufer sind die halbe Zeit über sichtbar. Bild von K.

Wir sind in Chepstow am Fluss Wye, gerade hinüber in Wales. Wales hat sich während der Pandemie teilweise komplett von außen abgeschottet, selbst unsere Freund:innen aus Cheshire, die keine zehn Kilometer von der “Grenze” entfernt wohnen, durften wiederholt diese Grenze nicht überschreiten. Vor den Impfungen gab es massive Fallzahlen. Es wurde hart kontrolliert, Pendler:innen mussten eine Bescheinigung vorweisen, Tourismus war verboten. Der bestand in der Zeit aus unvernünftigen, meist englischen Scharen, die meinten, die Pandemie zur Ersteigung des Snowdon, des höchsten Berges von Wales, nutzen zu müssen. Es ging dort wohl zu wie auf dem Oktoberfest.

Es gibt zwar keine Grenzbäume, auf Hauptstraßen taucht vielleicht ein Schild “Willkommen in Wales – Croeso i Gymru” auf, aber was wirklich auffällt, sind die zweisprachigen Ortsschilder und das allgegenwärtige “araf” “langsam”, das auf die Straßen gepinselt ist. Dann ist man mit Sicherheit im schönen Wales.

Bin etwas überrascht, dass trotz der unterschiedlichen Politik auch hier Maskentragen meist freiwillig ist und von den Betreibenden abhängt (anders in Schottland, wo man in Innenräumen noch generell von Staats wegen dazu verpflichtet ist).

Nichts geht über eine Abteiruine

Obwohl es, dank Heinrich VIII und seiner Einkassierung und Zerstörung der kirchlichen Pfründe, Hunderte davon gibt, finden sich Abstufungen in den Klosterruinen. Von etwa drei sichtbaren Steinchen bis zu hoch aufragenden Mauern gibt es alles dazwischen zu sehen.

Chepstow liegt am Wye und dort verortet man auch Tintern Abbey, sehr berühmt, eine der großen Überbleibsel. Das ganze Wye-Tal ist eine Area of outstanding national beauty – ein besonders schönes Gebiet, das unter einem bestimmten Schutz steht. Eine Art Landschaftsschutzgebiet. Das war nicht immer so, jahrhundertelang wurde Eisen geschmiedet und andere Industrie siedelte sich an. Nicht zur Unfreude der Touris, die schon im 18. Jahrhundert die Abteiruine besuchten: für diese Menschen waren der Qualm und Lärm und die Geschäftigkeit ein Zeichen von etwas Großem, Wichtigem und so interessant wie die romantischen Überreste des Mittelalters.

Das Wye-Tal ist wandertechnisch gut erschlossen. Auch wenn es ohne Steigungen nicht geht, so gibt es wenigstens Aussicht.

Süßwasser

Ein niederländischer Wassergarten, der wie aus der Zeit gerutscht im weiten Tal des Severn ruht. Das dazugehörige Haus ist längst durch – ebenso abgebrochene – Nachfolgebauten ersetzt worden und auf Photos der Sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts sieht man nur noch etwas Wasser und ein paar zerrupfte Sträucher. Heute erstrahlt das Areal wieder wie ein holländischer formaler Garten des 16. / 17. Jahrhunderts mit Buchsbäumchen und niedrigen Eibenhecken. Dazwischen Stauden und ein paar Mehlbeeren, ein unaufgeregtes, friedliches Bild, das sich beim Durchwandeln (in einem solchen Garten muss man wandeln) erschließt oder beim Blick vom Gartenhäuschen herab.

Wiedersehen macht Freude

Nimmt man sich nicht immer vor, das eigene Umfeld zu erkunden? Und fährt dann doch nach x (x = bitte bevorzugtes Reiseland einfügen)? Lockdown 1, 2 oder auch 3 und die dazu gehörigen Reisebehinderungen haben uns diesen Sommer und Herbst einen weiten Bogen um Flug- und Fährhäfen machen lassen. Stattdessen haben wir einen Bogen um Plymouth herum geschlagen. Wir waren in Cornwall, Wiltshire, Isle of Wight, haben Somerset und Devon durchfahren. Endlich haben wir uns Zeit genommen. Unser vielleicht letzter größerer Ausflug dieses Jahr führte nach Gloucestershire und Monmouthshire (letzteres liegt in Wales).
Wir verbinden damit Alt und Neu. 2011, auf einer Englandreise, als von einem Umzug nach Großbritannien (der 2013 stattfand), noch keine Rede war, sah ich ein Faltblatt in einem Hotel. Von einem Arboretum (einem Baumgarten) war die Rede. Obwohl es ein eher kühler und wolkiger Tag Anfang August war, faszinierte uns der künstliche Wald und blieb in einem Winkel unseres Gehirns haften. Dank Internet und einem meiner allerersten Blogeinträge, denn mit Reiseblogs fing die Bloggerei an, haben wir Westonbirt schnell identifiziert.
Kurz vor jenem Urlaub hatte ich den Laptop angeschafft, auf dem ich nun, 10 Jahre später, auch diese Worte tippe.

Ich zitiere mich selbst, 2011:

Beeindruckend die Sammlungen von Ahorn, Birke, Magnolie, Rhododendron. Einiges blüht sogar, jetzt im August. Hin und wieder wandelt man noch in Lindenduft gehüllt. Eine einsame Orchidee (verblüht, vermutlich ein Waldvögelein) wird extra mittels blauen Bändern eingezäunt und dadurch gleichermaßen hervorgehoben. Auf gemähten Wiesenstreifen blühen Herbstzeitlosen. Wir lernen verschiedene Verwandte des Weißdorns kennen, unterscheiden Zedern, Halbzedern und Scheinzedern, es nimmt kein Ende. Eine 30 Meter hohe Marone sieht man auch nicht alle Tage. Oder eine Maronensorte, deren Blattzähnchen in spitze Fransen auslaufen. Also hätte jemand daran gezupfelt.

Besonders bemerkenswert: eine Lindenallee mit Rasen drum herum und kurz gehaltene Bäume, die wie Schleier, Schutzburgen oder Mauern wachsen, also allesamt das sind, was man „Trauer“- Ahorn, Zypresse, Sonstiges nennen kann. Witzig sind die „Smoke bushes“, Rauchsträucher, Cotinus, die Perückensträucher. Ihre Fruchtstände sind haarig und bilden lange verzweigte Bäumchen am Ende der Äste. Im Effekt sieht das aus wie Rauch, oder Watte, oder eine Tarnung, die sich die Büsche selbst geben. Die Sträucher gibt es auch in deutschen Gärten, aber hier haben sie ausgefuchste, besonders „rauchige“ Sorten. Ein kleines Lindenwäldchen, vielstämmig und zierlich, soll 2000 Jahre alt sein, sprich genetisch identisch. Das kommt von der Nutzung. Die Stämme wurden immer wieder kurz vor dem Boden abgesägt, man sieht die Knubbel, und schlugen immer wieder aus.

16.000 Bäume mit 3.000 Arten und Sorten sollen hier stehen, das Arboretum beruht auf einer Sammlung, die 1839 begonnen wurde. Der Haus- und Grunderbe war sehr reich und konnte dem viktorianischen Hobby „Sammeln“ frönen. Er sammelte Bäume aus aller Welt.

In 10 Jahren hat sich viel geändert: das Arboretum ist extrem populär geworden. Wo wir seinerzeit das große Gelände mit gefühlt 50 anderen Leuten teilten, gibt es seit 2014 (ein Schild verrät das) ein ausladendes Eingangsgebäude. Um die Baumfreund:innen von überall her und die Hundefreund:innen aus der Umgebung zu regulieren, muss sogar eine Ankunftszeit gebucht werden. Heute, an einem kalten, aber sonnigen Herbsttag, die Blätter werden farbig, ein attraktiver Monat für ein Arboretum, sind Hunderte Menschen da, wenn nicht Tausende. Es verläuft sich etwas, aber es ist gut voll.
Auch dieses Mal: vier Stunden. Die Zypressen und Scheinzypressen, die Zwerg- und Trauersträucher, die hohen Wipfel haben nichts von ihrer Faszination verloren.

Danach denkt man, genug der Bäume. Doch auf dem Rückweg könnte man noch bei einem kleinen Garten vorbeischauen … der folgt im nächsten Beitrag.

3 Tage, 3 Gärten

Und sonstige Landschaft. Somerset / Wiltshire. Septemberausflug.

Die Verpflegung war üppig. Da reicht zum letzten Frühstück vor der Abreise eine abgespeckte Version des full English: Dieses “Stilleben” zeigt Black Pudding (eine Art feste Blutwurst), ein Würstchen (und Toast gab’s dazu). Macht auch satt.

Stourhead House, Wiltshire

Einer der bekanntesten Gärten des Landes. Er lebt von Überraschungsmomenten. Man geht im Schatten der Bäume das Tal entlang – und stößt ganz “spontan” auf großartige Blickachsen auf Tempel und Brücken oder stolpert in eine Grotte hinein. Die ganze Szenerie ist auf klassische Vorbilder ausgerichtet. Generationen der Bauherrenfamilie waren jahrelang auf der Grand Tour – der großen Tour – in Europa unterwegs. Dies war eine lang anhaltende Mode, junge Männer sollten vor Ort etwas über die Antike lernen, die als der Hort von Schönheit, Eleganz und Weisheit galt. Natürlich nutzten viele junge Männer die Grand Tour, um ein paar Monate Party in Europa zu machen, aber nicht alle. Die Stourhead Familie besaß eine Bank und eine blühende Landwirtschaft, und konnten sich eine besonders grandiose Grand Tours leisten. Sie nutzten ihre Zeit und ihr Geld anschließend für die Errichtung eines klassisch-irdischen Paradieses.

Nur der hintere Teil, es gibt noch mehr Haus.
Die Maronibäume sind 600 Jahre alt (man lernt nicht aus, sie können so alt werden) und manche erneuern sich bei Bedarf von selbst – ein neuer Stamm wächst längst aus dem alten.

Montacute House, Somerset

Dieses Haus wurde um 1600 erbaut, gerade am Ende der Regentschaft von Elisabeth I. An der Bauweise sieht man, nach der Abwehr der spanischen Eroberung (1588) gab es keine Angst mehr, man verschanzte sich nicht hinter mittelalterlichen Schießscharten. Der Anwalt und Politiker, der das Haus erbauen ließ, setzte auf jede Menge riesiger Fenster, bestückt mit dem teuren Fensterglas. Durch eine Lindenallee, die vor ca. 50-100 Jahren neu gepflanzt wurde, konnte man im Anritt auf das erleuchtete Haus sehen. Im 17. Jahrhundert muss das wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt gewirkt haben.

Bad im Schlafzimmer. Immer wieder schön, diese frühen Sanitäranlagen.

Hauser und wirth Somerset Garden

Etwas ganz anderes: ein moderner Garten des weltbekannten niederländischen Designers Piet Oudolf. Oudolf schafft u.a. Präriegärten aus mehrjährigen Stauden und viel Gräsern. Dieser Garten ist an kein Haus gebunden, sondern gehört einer Stiftung. Es gibt auch eine Kunstgalerie, Tagungsräume und einen Bauernhofladen (der teuerste Farmshop, den wir je besucht haben. Das Brot war aber wirklich gut).

Wir tankten im Dorf, an der Tankstelle einer Kette, die im Umkreis von 20 Meilen noch zwei Tanken betreibt, beide haben wir im Laufe der drei Tage passiert und den relativ billigen Preis gesehen. Im Dorf nun: deutlich teurer als an der Hauptverkehrsstraße. Wir wundern uns darüber nicht mehr, als wir erfahren und auch sehen, dass hier geknubbelt einige der teuersten Privatschulen Englands ihren Sitz haben. Auf dem Parkplatz des Farmshops steht auch passend ein echt hässlicher Aston Martin (ich weiß, es gibt Fans, und normalerweise sehen die gar nicht so schlecht aus. Dieser war wirklich hässlich).

Die Kunstgalerie, die der chilenische Architekt Smiljan Radic als befristeten Bau in London errichten ließ, hat ihren endgültigen Platz im Präriegarten gefunden. Drinnen befinden sich Möglichkeiten, Kunst zu präsentieren, jedoch auch eine Zapfanlage. Prost!

Mere, Wiltshire

Aus dem Ei

schlüpfte nicht das Urmel, sondern der Schlüpfling (The Hatchling).

Kurz nach dem Schlüpfen aus dem Ei: der Hatchling hat sich entfaltet, mitten in der FußgängerInnenzone

Mein Chor, der Mayflower A Cappella Chorus, singt normalerweise Barbershop, doch diejenigen von uns, die es einrichten konnten, probten wochenlang frisch komponierte Musik der Komponistin Ruth Chan. Unser Beitrag bestand vor allem aus uhs, ahs und mhms. Einen Text gab es nicht. Sehr atmosphärisch. Eines Tages wurde unser Beitrag dann professionell aufgenommen, das war spannend, wir sind Amateurinnen und machen das nicht alle Tage.

Eine bekannte Event-Künstlerin hat den Hatchling entwickelt: Ein Kunstprojekt mit den besten PuppenspielerInnen und DrachenfliegerInnen, die das Land zu bieten hat. Ich übertreibe nicht.

Die Idee bestand darin, einen riesigen Drachen in Plymouth aus dem Ei schlüpfen zu lassen, die Stadt zu erkunden, in Kontakt mit den Bewohnenden zu treten, den Kunstbegeisterten und denen, die finden, Museen sind eine Verschwendung von Steuergeldern. Viele Vereine, Kindergruppen und andere Organisationen wurden eingebunden. So wie wir.

Vom Regisseur bis zur Produzentin: wir, die regionalen Sängerinnen, wurden von Anfang bis Ende auf Augenhöhe behandelt, professionell, freundlich, aufmerksam. Dies war ein Projekt für die vielen.

Der Event sollte 2020 stattfinden, nun gut, das hat er nicht, der neue Termin wurde ein Wochenende Mitte August 2021. Zwei Tage zuvor hat ein Einwohner fünf Menschen und dann sich selbst erschossen. Seit 10 Jahren das größte Blutbad Englands, dem weder Terror- noch Bandenkrieg zugrunde lagen (sondern Menschen- besonders Frauenhass). Aus Respekt für die Opfer wurde der Hatchling erneut verschoben. Auf dieses letzte Augustwochenende. Wo wir für unsere Geduld mit blendendem Wetter belohnt wurden.

Ich war in der Innenstadt beim Schlüpfereignis mit dabei und habe mir die Kommentare der Menschen angehört. Sie zielten alle auf eines hin: faszinierend, toll, so etwas Besonderes.

Was Menschen begeistert.

Vor einigen Jahren kamen wir zufällig zur Glockenspielzeit auf den Marienplatz in München. Seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen, also warteten wir den Glockenschlag ab. Aber nicht nur wir, TouristInnen aus der ganzen Welt taten es uns gleich und filmten mit ihren Handys alles mit. Dieses alte Spielwerk zieht immer noch!
Virtuelle Welten machen praktisch alles möglich, eine Chirurgin in Singapur kann mir z.B. übers Internet und mit Hilfe von Feinrobotern ein Auge operieren; ich spreche immer und jederzeit mit den entlegendst wohnenden Menschen der Erde; ich kann mich 24 Stunden am Tag unterhalten lassen, mit informieren und desinformieren, alles selbstverständlich.
Doch eine vertrackt aufgebaute Puppe ist immer noch ein Magnet.

Der Hatchling (der immer weiblich gesehen wurde, “sie”) legte sich, von einem anderen Chor mit einem Schlaflied bedacht, später schlafen. Am Sonntag wachte sie auf und war sogar noch gewachsen … Ich radelte auf dem Weg zum Meer am Schlafplatz vorbei und schon um 8 Uhr morgens war das Team damit beschäftigt, Gliedmaßen etc anzupassen.

Die Puppenspielenden waren nie versteckt, die Illusion wurde im Kopf der Zusehenden erzeugt. Auch nicht anders als im Kasperltheater.

Sonntag Abends dann der Höhepunkt: der Hatchling zog aus Plymouth weiter, indem er sich in einen Flugdrachen verwandelte und einer Ballonperle folgend aufs Meer hinausflog. Unsere Ehre war es, der Chor zu sein, der das begleitete. Unsere Stimmen waren mit Musik abgemischt worden, doch wir standen zusätzlich in vorderster Reihe und haben noch einmal live gesungen und das vor Tausenden von Menschen. Vielen sind wir bestimmt nicht aufgefallen, aber wir hatten einen Bombenblick.

Zum Technischen: Flügelspannweite: 20 Meter. Höhe: etwa ein Doppeldeckerbus. Anzahl der Handgriffe / Kommandos, um aus einer maximal beweglichen Puppe einen steifen Flugdrachen zu bauen: über 600.
Die Landpuppe erhielt sogar einen neuen (leichteren) Kopf und neue (größere) Flügel.

Auf diesen Bildern bin ich mit meinen weißen Haaren in der Mitte zu sehen. Die meisten Bilder sind von Mitsängerinnen gemacht.

In Bewegung kann man sich das Ganze auf diesem youtube Film ansehen:

Zu Beginn ein bisschen unserer Musik.

Ins Inland

Salisbury

Der Weg von der Isle of Wight nach Plymouth erfordert einen Umstieg in Salisbury. Grund genug, nach einem Besuch im Jahr 1986 (Interrail!) die Kathedrale erneut zu besuchen und sich eine Übernachtung lang Zeit für diese Stadt zu nehmen.

Salisbury ist bekannt für die Kathedrale mit dem höchsten Kirchturm Englands (123m).

Außenbilder sind nichts geworden, deshalb als Ansicht das Gemälde von John Constable um das Jahr 1825.

Ein besseres Bild von Wikipedia
Das Beste ist, wie so oft, der Kreuzgang. Diese Orte strahlen immer Ruhe aus, ob in Toledo, Bonn, Chester oder Salisbury.

Es ist ein Vergnügen, im Kathedralenviertel herumzuschlendern und an vielen Häusern auf Blauen Schildern zu lesen, wer hier mal gelebt oder gewirkt hat. So war William Golding, der Autor von Herr der Fliegen und Literaturnobelpreisträger (war Schullektüre, harte Geschichte), Lehrer im Ort.

Salisbury scheint es gut zu gehen, es gibt Kneipen und leckere Restaurants ohne Ende und selbst unser kleines “Bahnhofshotel” ist modern und freundlich und der Frühstücksraum (der abends als Bar mit Speisen fungiert, leider Ruhetag) sieht so aus:

Bekannt ist die Stadt für ihre Nähe zu Stonehenge. Stonehenge konnte bereits 1986 nur indirekt besichtigt werden, indem man auf einem Pfad drum herumlief und an die Steine selbst keinesfalls heran kam. Heute soll man noch mehr Distanz haben. Und teuer war es damals schon. Deshalb genießen wir lieber einen Spaziergang durch ein kleines Feuchtgebiet nach Old Sarum, dem alten Salisbury, der bereits in der Steinzeit aufgeschütteten Doppelwallanlage auf einem Hügel 2 km außerhalb der Stadt, auf dem auch die Vorgängerkirche der Kathedrale stand.


Von der alten Kirche ist praktisch nichts übrig. Man kann jedoch erkennen, sie lag ußerhalb des innersten Walls, das die weltliche Festung beherbergte. Vielleicht ein Grund, von einem Randplatz des Geschehens an den Fluss hinunter zu ziehen, um zu einem starken neuen Mittelpunkt zu wachsen. Das ist jedenfalls gelungen.

Salisbury liegt im Inland. Erst dort fiel mir auf, wir haben von den zwei Jahren Plymouth, die ersten an der Küste überhaupt, die letzten eineinhalb Jahre Pandemie bedingt sogar komplett am Meer verbracht. Selbst die beiden kleinen Aufenthalte in Cornwall und auf der Isle of Wight waren “Strandurlaube”. Eine radikale Abkehr vom bisherigen Leben, in dem einem Möwen nicht potentiell die Fritten aus der Hand geklaut haben.

Die königliche Dusche

Isle of Wight 2

Osborne House

Das berühmteste Gebäude auf der Isle of Wight ist Osborne House, die Sommerresidenz Königin Victorias. Im italienischen Stil nach Entwürfen ihres Mannes, Prinz Albert, umgebaut, wurde es von ihrem Sohn und Nachfolger, König Edward, dem englischen Volk geschenkt und kann besichtigt werden.

Wie ein kleiner Campanile lugt der Turm von Osborne Haus durch den großzügigen Park.

z.B. ist zu sehen das Sterbebett von Victoria, des zu ihrer Zeit mächtigsten Menschen der Erde. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sie nur formal einer parlamentarischen Monarchie vorstand.
Noch interessanter ist allerdings ihre Dusche:

Die wird nie wieder jemand benutzen, das steht fest, aber an anderer Stelle ist die Zeit (demokratisch) fortgeschritten: über die formal angelegte Terrasse hinaus, durch Wälder geht es hinab an den königlichen Badestrand. Da ich einen Tipp bekommen hatte, dass da irgendwo ein Strand sei, war ich mit Badezeug ausgerüstet und konnte an dem heißen Tag erfrischend ins Wasser tauchen.
Die Badekabine ist auch von Victoria. Aus Gründen der Sittsamkeit ging man in die Kabine und wurde ins seichte Wasser hinausgefahren. Dort konnte man, obwohl ohnehin von Kopf bis Fuß und bis in die Fingerspitzen in ein Badekostüm der Zeit gewandet, ins Wasser gehen, ohne fremden Blicken ausgesetzt zu sein.

Doch zurück ins Haus:

Ein Kronleuchter aus Glas

Ein Kuriosum, hängt etwas versteckt an einer Seitenwand:

1897 hatte Victoria ihr 60-jähriges Thronjubiläum. Zu diesem Anlass hat jemand dieses Art Poster gestaltet, das alle englischen Monarchen mit ihrer Amtszeit zeigt. Je höher und gewaltiger die Säule, desto länger hat jemand regiert. George III hatte auch 60 Jahre auf dem Buckel, das ist die dicke Säule fast rechts. Doch darunter wird festgestellt: nur 59,5 Jahre! Victorias Regierung wird mit einer ein ganzes Stück höheren und mit Blumenschmuck verzierten Säule gefeiert. Die heutige Elisabeth II kann darüber natürlich nur müde lächeln.

Das ist Spitze

Was muss man sonst noch unbedingt auf der Insel gesehen haben? Die Needles (Nadeln). Das sind Felsklippen und die sind so beliebt, dass sich auf dem Weg dorthin ein kilometerlanger Stau bildet, dem auch der regionale Bus nicht entkommt. Das sieht nicht gut aus, lohnt sich die Anfahrt? Am Parkplatz sind jedenfalls Buden aufgebauts, fast wie ein kleiner Freizeitpark. Eine Seilbahn transportiert die Leute nach unten an einen Strand und Bootsanleger, von dem man einen seitlichen Blick auf die Needles erhält. Es gibt auch Treppen, die wir nutzen, all dies ein bisschen viel Rummelplatz.

Und das sind die Needles:

Doch es gibt eine bessere Art, sich den Needles zu nähern: durch ein Naturschutzgebiet zu einem alten Fort an der Spitze des Berges kann man schön gehen, die Massen sind weg und schon hat man den Premiumblick. Das flache Dach auf dem Leuchtturm ist übrigens ein Hubschrauberlandeplatz.

Sonnenuntergänge sind immer schön.

Am Freiheitstag auf Reisen

Isle of wight 1

Am 19. Juli war der versprochene “Freedom Day”, der Tag der Freiheit. Der Tag, den die Regierung Mitte Juni um einen Monat nach hinten verschoben hatte, weil man noch nicht so weit sei mit der Coronaeindämmung. Seit 19. Juli waren und sind theoretisch keinerlei Einschränkungen wegen Corona mehr zu beachten. (Außer man will ins Ausland. Außer man kommt aus dem Ausland.)

Wenn man nun denkt, die Leute hätten Parties gefeiert, dann trifft das auf eine Minderheit sicher zu und natürlich ist es schön, die mündige Bürgerin auch sein zu dürfen, die man ohnehin die ganze Zeit schon war. Die meisten Menschen sind aber unzufrieden, dass die Regeln zu Abstandhalten, Maskentragen und Händewaschen jetzt wischiwaschi sind. Es ist so kaum möglich, sich gegen gefährliche Rüpel zu wehren. Die Verkehrsbetriebe und die Supermärkte waren gar nicht “amused”, dass sie ums Maskentragen jetzt betteln müssen. Je nach Hausrecht natürlich. Viele Räumlichkeiten, z.B. unser Fußballstadium, wo wir in den Rängen als Chor proben dürfen, verlangen weiterhin einen Schnelltest. Der wird nicht nachgeprüft, das geht auf Vertrauensbasis.

Bislang, nach fast zwei Wochen, verhalten sich die meisten Leute sinnvoll und mit Augenmaß. Wir haben alle etwas gelernt in den letzten eineinhalb Jahren, viele Menschen haben auch jemanden an Corona verloren oder kennen Menschen mit Long Covid, oder sind einfach froh, dass es sie bislang nicht erwischt hat und das soll auch so bleiben.

Zufällig war jener Freiheits-Montag unser erster Reisetag mit den Öffis – Zug und Fähre – auf die Isle of Wight. Bei Buchung war Züge nur bis zu einer 50% Auslastung buchbar und mit Reservierungspflicht, es war nicht einfach, überhaupt Fahrkahrten zu bekommen. Würden die Züge nun gleich überfüllt sein? Die Probe aufs Exempel machten wir mit einem ausgefallenen Anschlusszug. Die reguläre nächste Verbindung nach einer Stunde war auch nicht besonders voll und führte nicht zu unguten Reisegefühlen. Masken wurden von fast allen Menschen im Zug getragen, mindestens beim Gehen durch die Gänge. Ein guter Effekt der Masken könnte sein, dass man nicht so leicht Halsschmerzen von Klimaanlage oder offenen Fenstern erhält. Das lohnt sich für die Zukunft im Auge zu behalten!

Die Isle of Wight liegt vor der Südküste im Ärmelkanal gegenüber der Mündung des Test und Itchen, wo sich die Städte Southampton und Portsmouth befinden. Der Wasserstreifen zwischen Insel und Insel (Isle of Wight und Großbritannien) heißt Solent. Wir nehmen eine Schnellfähre in Southampton und gelangen in einer knappen halben Stunde nach Cowes, einem Ort an der Nordküste der Isle of Wight. Mit Blick auf den Solent beziehen wir in einer alten Villa ein Zimmer mit ins Dach gebauter Terrasse.

Die englische Küste verschwindet im Dunst.
Nächtlicher Blick auf Southamptons Ölindustrie

Was wir nicht wussten: Cowes ist in Segelkreisen weltberühmt fürs Segeln. Alle Klassen, alle Ränge, AmateurInnen, Profis. Weltrekorde wurden auf dem Solent schon eingefahren, doch es ist für alle etwas dabei. Etwa 500 m nach rechts am Kiesstrand entlanggehend trifft man auf den Königlichen Jachtclub, bei dem schon Kaiser Wilhelm zu Gast war. Noch heute wird hier mittels einer Kanone der Startschuss für Regatten gegeben. Nicht nur für die großen. Man kann stundenlang zusehen, wie verschiedene Bootsgattungen wie Holzjachten, kleine Katamarane oder halb wie Piratenboote aussehende Teilnehmende von Ost nach West vorbeisegeln. Die Anordnung der Segeldreiecke auf dem Wasser ändert sich im Minutentakt. Die fast schon abstrakten Tableaus werden nicht langweilig.

Kreuzfahrtschiffe legen alle Nase lang aus Southampton ab.
Jachthafen von Cowes. Kleiner Ausschnitt.

Der coolste Job der Welt

Den ich leider verpasst habe: Führerin eines Luftkissenfahrzeugs, eines Hovercrafts. Die gab es, genauso wie die Isle of Wight, in einem meiner Englischbücher zu bestaunen, doch im 20. Jahrhundert, als ich Fähren benutzte, um nach England zu gelangen, war die Alternative Hovercraft zu teuer. (Im 21. Jahrhundert reiste ich per Eurostar, Flugzeug oder der luxuriösen Frankreichfähre.) Also habe ich in Ryde, ein Ferienort im Nordosten der Isle of Wight und gleich gegenüber von Portsmouth, zum ersten Mal ein Hovercraft, was ja ein Amphibienfahrzeug ist, in Aktion gesehen. Und konnte es nicht glauben: das Ding fährt wirklich auf Beton! Und auf Sand! Es kommt an, entleert in Sekundenschnelle das Luftkissen, sackt also in sich zusammen, nimmt Passagiere auf, bläht sich wieder auf und ab geht es wie ein Urgetüm aus der Frühzeit der Ozeane. Absolut beeindruckend. Da mein eigenes Video leider streikt, hier ein link zu einem Fremdvideo von derselben Anlegestelle in Ryde. Viel Spaß!:

Hovercraft

Segel setzen

Sommer in Plymouth. Während halb Mitteleuropa in Regen ertrinkt, darf die Südküste Englands eine rare Sonnenwoche genießen. Hier der Plymouth Sund, kurz vor der Segelregatta SailGP am 17./18. Juli.

Mit Sonnencreme und langen Ärmeln sitzen wir zwei Nachmittage auf den Abhängen von Plmouth Hoe, der Anhöhe über den Sund. Wir fiebern mit der Welt schnellsten und technisch interessantesten Segelboote mit. Die F50 genannte Klasse hält eines ihrer neun über ein Jahr verteilten Rennwochenenden ab. Nach Bermuda und Taranto in Italien ist Plymouth der dritte Startort. Es folgen Dänemark, Frankreich, Spanien, Australien (dann schon im Winter), Neuseeland. Das letzte Rennen wird 2022 in den USA ausgefochten werden.

Alle Teilnehmenden (manche Crews bestehen aus Frauen und Männern, wobei Frauen noch weit in der Unterzahl sind) benutzen denselben Typ Boot. F50 Katamarane mit Foils, das sind diese Art dünnen Flossen, die unter dem Boot hängen. Wenn das Boot segelt, hebt die Aerodynamik der ganzen Konstruktion (ich weiß, das ist eine unpräzise Beschreibung) den Rumpf aus dem Wasser, die Boote fliegen auf den Flossen über das Wasser. Bei wenig Wind sind dabei nur drei Leute an Bord, bei mehr Knoten 4 oder sogar 5.

Schema eines Katamarane mit Foils/Flossen.

Jedes Rennwochenende besteht aus 6 kurzen Rennen mit 8 Booten. Im letzten, dem 6., Rennen dürfen die 3 Bestplatzierten den Sieger des Wochenendes unter sich ausmachen.

Die Bewertung ist einfach: 8 Teams (wie sich die 8 Länderteams qualifiziert haben, weiß ich nicht) bedeuten 8 Punkte pro Rennen maximal. Der Verlierer erhält einen Punkt. Nach drei Rennen sah am Samstag das Klassement folgendermaßen aus:

Nach dem ersten Renntag sieht die Tabelle so aus. Das Team mit Heimvorteil, Großbritannien, hatte zweimal Pech mit dem Start und erreichte trotz eines zweiten Platzes in Rennen 3 nur den letzten Rang. Grund dafür waren auch zwei Strafpunkte für ein bestimmtes Manöver. Deshalb haben sie nur 8 anstatt 10 Punkte. Die Schiedsrichter sind hier sehr genau.
So sieht ein Manöver aus am Beispiel des dänischen Teams.

Am zweiten Renntag sieht es für die Britischen schon besser aus. Ein zweiter und ein erster Platz reichen zwar nicht für die Teilnahme am letzten Rennen, doch sie hieven sich vom letzten auf den 4. Platz hoch und halten im Gesamtwettbewerb sogar Platz 2. Jedes Rennen war anders, die ersten können gut die letzten werden, manchmal ist das Feld dicht an dicht, manchmal segelt jemand davon. Wirklich spannend zum Zusehen.

Hier fährt die Passagier- und LKW Fähre von Frankreich kommend ein. Links daneben drei F50. Der Größenvergleich mit der riesigen Fähre lässt die Höhe der F50 erahnen: die Segel sind bis zu 24 m hoch.
Australien, die Siegenden des Wochenendes, fliegen ins Ziel. Hier lässt die Silhouette des Crewmitglieds die Dimensionen des Boots erahnen.
Der Hoe mit dem Smeaton Leuchtturm war gut besucht, dieses ungewöhnliche Sportereignis ist auf großes Interesse gestoßen.

Giganten

Luftbildaufnahme, entnommen der Tourismusseite von Plymouth. Zeigt eine bessere Übersicht als Fotos vom Straßenniveau aufgenommen.

Die Giganten sind zurück auf Plymouth Hoe, der Anhöhe über dem Plymouth Sund! Künstler Charles Newington hat mit vom örtlichen Fußballverein Plymouth Argyle gespendeter Rasenmarkierfarbe zwei Giganten im Kampf (nach)gezeichnet. Vom 14. bis 17. Jahrhundert befanden sich an dieser Stelle Originalzeichnungen, die beim Bau der Zitadelle / Kaserne im Hintergrund zerstört wurden. Leider habe ich keine historische Abbildung der Figuren finden können, es wurde jedoch vermeldet, man strebte eine möglichst genaue Rekonstruktion an. Da Rasenfarbe nicht ewig hält, zeichnet das in der Festung stationierte 29. Kommando, die Figuren den ganzen Sommer über bei Bedarf nach. Man kann das als späte Wiedergutmachung sehen, immerhin hat das Militär die früheren Kämpfer aus dem Weg geräumt.

Corineus und Gogmagog

sind zu sehen. Wer waren sie und was machten sie auf dem Hoe?
Dazu sagt das deutsche Wikipedia: “Gogmagog war ein Riese in der angelsächsischen Mythologie. Er war dreieinhalb Meter groß und so stark, dass er ganze Eichenbäume wie Haselnussruten ausreißen konnte. Etymologisch wird damit die biblische Erzählung von Gog und Magog aufgenommen, der Name könnte aber möglicherweise auch auf Gawr Madoc zurückgehen (Gawr = Riese).
Geoffrey von Monmouth erzählt in der Historia Regum Britanniae, d. h. in der Geschichte der Könige Britanniens um 1136, wie die Insel Britannien unter Brutus von trojanischen Flüchtlingen besiedelt wurde. Corineus, einer seiner Gefolgsleute, wurde der Herrscher von Cornwall, wo es besonders viele Riesen gab.
Als Gogmagog und zwanzig andere Riesen Brutus während eines Gottesdienstes angriffen, ließ er sie töten bis auf Gogmagog, der zu seiner Unterhaltung mit Corineus ringen sollte. Gogmagog brach Corineus drei Rippen, aber dann schleppte ihn dieser an die Küste und warf ihn von den Klippen ins Meer, wo er zerschellte.”