Ein ganz normales Wochenende

Am Freitag fängt es mit Theater an. Am zweiten Tag, an dem das Theatre Royal Plymouth wieder Programm bietet, sind wir dabei. Ein Drittel Auslastung, Maske auch am Platz, zutiefst glückliche Mitarbeitende, die uns, das Publikum, zurück-begrüßen. Da man an Masken, Desinfizieren und Abstand halten gewöhnt ist, kommt einem das ganz normal vor. Normal 2.0 halt.
Als Jugendliche habe ich viele dieser dystopischen Science Fiction Geschichten gelesen. Diejenigen, in denen von der so genannten “Zivilisation” nicht grade viel übrig geblieben ist. Im Nachhinein betrachtet ein gutes Training dafür, auf die Bruchkanten im Lack der Selbstverständlichkeit zu schauen und nichts als gegeben anzunehmen. Bzw. sich immer wieder neu anzupassen.

Sprech-spuckende SchauspielerInnen waren im Theater übrigens auch kein Thema: das moderne Tanztheater aus London, die Truppe heißt Rambert, kam ohne Worte aus und war Weltklasse. Es war nicht nur befreiend, live Bewegung auf der Bühne zu sehen, sondern auch Qualität. In den einzelnen Stücken ging es nicht einmal direkt um Corona. Aber ich behaupte, nicht nur ich ließ im Kopf bei jeder getanzten Episoden Assoziationen mit meinem / unserem Leben der letzten Zeit mitlaufen. Alles ist verbunden. Die Zusehenden, die Musik, die Darbietung. Wir saßen alle im selben Boot.
Beim Hinausgehen bekamen wir ein Eis auf den Heimweg mitgegeben;-)

Singe, wem Gesang gegeben

Die Sache mit dem Singen, das ist ein rechtes Drama. Stichwort Aerosole. Letzten Montag sollte, neben weiteren Lockerungen, auch das Verbot von Chorgesang aufgehoben werden. Selbstverständlich mit gedeckelter Singendenanzahl, Hygienekonzept, viel Abstand und sehr gut belüfteten Räumen.
Doch über Nacht hat die Regierung es sich anders überlegt. Am Dienstag Morgen wurden alle Erleichterungen des Montags bestätigt, nur die Erlaubnis zu singen wurde zurückgenommen. D.h. einige Chöre haben am Montag Abend Probe gehabt, mit Schwung und guter Laune, denn das ist es, was Singen schafft, und sind am Dienstag zu einer Katerstimmung aufgewacht. Begründung der Regierung: keine. Außer: wir wissen schon, was wir tun, aber relevante Daten geben wir euch keine. Wir sind die Regierung, ihr seid nur das Volk.
Nun sind Chöre nicht bekannt dafür, dass sie besonders politisch wären, oder sich ins Tagesgeschehen einmischen. Trotzdem es ein geräuschvolles Hobby ist, fallen SängerInnen weniger auf als Fußballfans. Doch dieses Mal hatten sie genug. Über 2 Millionen! Menschen singen in England und die sind wirklich wütend. Es gibt Petitionen, Radiosendungen, WissenschaftlerInnen fordern die Herausgabe der “Wissenschaft”, die belegen soll, dass es gefährlicher ist, gemeinsam in einem Riesenraum mit offenen Fenstern zu singen als sich mit 5 Kumpels in der Kneipe zu treffen (irgendwie wieder erlaubt) und betrunken zu grölen. Natürlich sind Aerosole weiterhin ein wichtiges Thema. Doch die Regierung mauert, wahrscheinlich deshalb, weil es keine neuen Erkenntnisse gibt, die Singen zum Volksfeind Nummer 1 erklären könnte.
Das Pikante daran: professionelle Chöre dürfen üben. Was dazu geführt hat, dass ein sehr bekannter Chor, der gerade den Messias einübt, seinen AmateuerInnenteil mitüben lässt. Mit der Begründung, die Damen und Herren befänden sich bei den Profis in sicheren Händen. Clever!

Es ist unwahrscheinlich, dass diese Ungleichbehandlung eine Revolution auslösen wird, aber ein paar Stimmen weniger für die Konservativen bei den nächsten Wahlen wäre gerechtfertigt. Mein Barbershopchor trifft sich zufällig an Montagen, doch wir hatten noch kein Treffen vereinbart. Wir haben jedoch flugs angefangen, uns zu Sechst in Wohnzimmern zu treffen und gemeinsam zu üben. Es hilft, dass die Meisten sogar 2x geimpft sind. Dennoch ist es verwunderlich, dass sich Menschen, die sich das letzte Jahr teilweise schon überängstlich versteckt hielten, nun wieder Fremde in der eigenen Wohnung empfangen und sich offenbar wirklich wohl damit fühlen. Bei der Impfrate ist es einfach an der Zeit, sich wieder ein entspannteres Leben zurückzuerobern.

Neben dem eigenen Chor gibt es ein weiteres Projekt, das auf gemeinsames Singen angewiesen ist, und das stand auf einmal wieder auf tönernen Füßen: Mayflower 400.

2020 jährte sich zum 400. Mal der Aufbruch der Mayflower von Plymouth nach den heutigen USA. Es war nicht die erste Siedlung des weißen Mannes auf dem Kontinent, doch die erste nachhaltig erfolgreiche und wurde dadurch ein Symbol für die Besiedlung einer, von Europa aus gesehenen, Neuen Welt. Seitdem ist viel passiert. Wolkenkratzer, Völkermord, Wohlstand für viele, Sklaverei, Schutz für Verfolgte, Rassismus. Starker Handel, Innovation, eine merkwürdige Form von Demokratie. Die Liste ist endlos und komplex. Plymouth plante 2020 ein großes kulturelles Event an der Waterkant, doch das fiel aus. Nun wird es stattfinden. Seit Monaten probte der Erwachsenenprojektchor auf Zoom. Ich mitten dabei als ein Alt 2. Dieses Wochenende sollte für eine beschränkte Anzahl die erste gemeinsame Probe in einer Halle stattfinden. Und musste gestrichen werden.

Bei einem neues, erst für diesen Anlass komponiertes Stück, vielstimmig, mit Orchester, von AmateurInnen gesungen, eine Katastrophe. Die Aufführung soll am 11. Juli stattfinden und wir hatten uns noch nie gegenseitig gehört. Der Dirigent hat uns noch nie gehört!

Ich kann sagen, die Veranstalter gaben nicht auf und suchten fieberhaft nach Lösungen. Die Rettung nahte in Gestalt des örtlichen Fußballvereins, der ein zentral gelegenes, überschaubares Stadion besitzt. Er stellt seine Ränge zur Verfügung. Sehr innovativ.
Am Samstag und am Sonntag stand ich dann mit etwa 100 anderen Singenden auf der überdachten Tribüne und doch draußen.

Dem Chorleiter standen fast die Tränen in den Augen …
Und ganz schlecht klangen wir anscheinend auch nicht.

Überdies habe ich am Sonntagmorgen des Sonntag mit 4 weiteren Leuten zum Sonntagsgottesdienst geläutet. Zum ersten Mal seit 14 Monaten, von einem kurzen Intervall letzten Sommer abgesehen. Sonntagsläuten gehörte die letzten 5-6 Jahre zu meinem Alltag. Tut gut, dass es nicht totzukriegen ist.

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