Komplizierte Verhältnisse

Die vielen Schlösser der Renaissance im Loiretal dienten oft mehr zur Zierde und als Extraresidenz oder als Königssitz in Zeiten, in denen man sich in seinem Kernland sicher fühlen konnte. Jedenfalls vor feindlichen Armeen. In der Festung von Chinon dagegen entschieden sich die Schicksale ganzer Reiche.

Doch zuerst: wir haben es geschafft und etwas nicht Schlössisches besucht.

Höhlenleben

Die weichen Kalksteinfelsen der Region dienen seit langer Zeit den Winzern als Weinlager. Überall sieht man die Tore in die Felswände hinein.

Weingut in Chinon.

Doch diese Tradition des Unterschlupfs geht weiter zurück. Nahe Azay-le-Rideau wurden in den 90ern vergessene Wohnhöhlen wiederentdeckt, die immerhin bis weit ins 19. Jahrhundert eintausend Jahre lang Menschen als Bauernhaus dienten. Leider mussten die Menschen, die bestimmt nicht zu den Reichsten zählten, zusätzlich Schutzhöhlen anlegen, da man immer wieder Verstecke vor z.B. Söldnerhorden benötigte, die jahrhundertelang ihr Unwesen trieben. Wie erfolgreich man damit war, ist nicht bekannt. Ein Besuch in einem etwas anderen Bauernhofmuseum.

Typische Einraumbauernhöhle
Das eigene Getreide wurde verbacken.

Heute ist das Museum ein idyllisches Plätzchen, das den Einfallsreichtum und die Überlebensfähigkeit der Landwirte feiert. Mit Esel, Schwein und grauen Tourrainehasen (lokale Rasse). Und natürlich Gänsen.

Chinon

Auch in den Stein gehauen ist die Festung von Chinon, einem lieblichen Städtchen am Ufer der Vienne, eines Loirezuflusses. Die Gewerbegebiete liegen über der Talanhöhe, auf deren Kante die Festung von Chinon thront, im Flusstal die Innenstadt. Die Vienne fließt still vor sich hin, doch an dem Wintertreibholz an den Brückenpfeilern kann man sehen, wie reißend sie werden kann. Ganze Baumstämme haben sich verkeilt.

Ufer der Vienne
Chinon

Die heutige Festung rührt aus dem 10. Jahrhundert und wurde auf römischen Vorgängeranlagen errichtet. Im 11. Jahrhundert war sie Teil der englischen Besitzungen auf französischem Boden. Das waren alles sehr komplizierte Verhältnisse. Die Normannen hatten England erobert, aber ihr Geschlecht starb bald aus. Durch Heirat waren sie längst mit anderen Herrschergeschlechtern des heutigen Frankreich verwandt. So entstand die Situation, dass Johann Ohneland, der jüngste Sohn, deshalb ohne Land, durch Tod seines Bruders Richard Löwenherz nun doch Land hatte und zwar als König von England souverän, als Herrscher von Aquitanien als Vasall des französischen Königs so halb souverän. Johann Ohneland ist der, der in der Robin Hood Geschichte immer so schlecht wegkommt und nicht zu Unrecht. Er schaffte es, es sich mit allen zu verderben ( das ist die Kurzversion ) und verlor 1205 nach monatelanger und erfolgreicher Belagerung Chinons durch den französischen König, der direkt König nur um die Pariser Gegend war, letztendlich alle Besitzungen auf dem Kontinent. Damit war die Doppelbeherrschung Englands und Frankreichs durch ein Haus praktisch gestorben, auch wenn noch jahrhundertelang, z.B. im 100jährigen Krieg, zwischen Adelshäusern dies- und jenseits des Kanals gekämpft wurde.

Burg von der Altstadt aus gesehen.

John Ohneland wird in England auch der schlechte König genannt ( bad John ) und alsbald gezwungen, die Magna Carta zu unterschreiben, die er zwar nicht einhalten wollte, doch die wie ein Schwelbrand weitreichende Folgen für die gesellschaftliche Entwicklung Englands haben sollte.

Im 15. Jahrhundert traf Johanna von Orléans in Chinon auf Karl den VII. und überzeugte ihn, ihr die Heeresführung anzuvertrauen.

Man weiß auch, wo sie bei ihrem Aufenthalt gewohnt hat und kann hinein. Heute sind alle erhaltenen Räume kahl, doch mit Hilfe eines Tablets, das man am Eingang erhält, kann man, im Raum stehend, jeden auch möbliert und bewohnt erleben. Für einen Eindruck ist so eine virtuelle Realität gar nicht schlecht.

Einer der Wehrtürme. Man kann in alle Türme hinein. Geschätzte Zahl aller erklommenen Stufen: 250 einfach.

Blick auf das Tal.

In Chinon wurden auch wichtige Tempelritter eingekerkert. Der Papst wollte eine Wiedereingliederung in die Kirche, doch der französische König, der die Verfolgung aus Gewinnsucht quasi angefangen hatte, wollte ihre Schätze und Ländereien doch lieber behalten und ließ sie hinrichten. Johann Ohneland war nicht der einzige schlechte König, die Liste ist endlos.

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